Was am Schicksalsberg passierte

Joseph Vilsmaiers „Nanga Parbat“ bietet hervorragende Bilder

Ein Psychogramm der wichtigsten Akteure gelingt ihm aber nicht

In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde der Nanga Parbat im Gegensatz zum „britischen“ Mount Everest zum „Schicksalsberg der Deutschen“ verklärt. Die 1936 gegründete „Deutsche Himalaya-Stiftung“ setzte sich zwar insbesondere die Erstbesteigung des Nanga Parbat zum Ziel, drei Expeditionen schlugen aber genauso fehl wie die deutsch-amerikanische Himalaya-Expedition im Jahre 1932. Erst 1953 gelang dem Tiroler Hermann Buhl nach einem 41-stündigen Alleingang die Erstbesteigung. Die Expedition fand unter der Leitung von Dr. Karl Maria Herrligkoffer statt. Der Münchener Arzt und Expeditionsleiter Herrligkoffer kehrte bis zum Jahre 1975 noch siebenmal an den Nanga Parbat zurück, so auch im Mai/Juni 1970, als die Südtiroler Brüder Reinhold und Günther Messner zum ersten Mal die legendäre Rupalwand, die höchste Steilwand der Erde, durchkletterten und beim Abstieg Günther Messner ums Leben kam.

Diese Expedition steht im Mittelpunkt des nun anlaufenden Spielfilmes „Nanga Parbat“, bei dem Joseph Vilsmaier nach einem Drehbuch von Reinhard Klooss Regie führt. Der Film entstand offiziell „in Zusammenarbeit mit Reinhold Messner“, wobei der 1944 geborene Bergsteiger seine Mitarbeit mit den Worten beschreibt: „Hier geht es in keiner Weise um eine heldenhafte Geschichte, sondern ich will selbstkritisch hinterfragen, was am Nanga Parbat passiert ist.“

Weil der Film nicht nur vom Bergsteigen handelt, sondern auch die Beziehung zwischen den beiden Brüdern Reinhold (Florian Stetter) und Günther (Andreas Tobias) Messner beleuchtet, setzt das Drehbuch eine lange Exposition ein, die im Jahre 1968 mit einer Hubschrauberperspektive aus den Dolomiten beginnt, als die zwei Messner-Brüder einen Gipfel erstürmen. Parallel dazu wird ein Vortrag von Karl Herrligkoffer (Karl Markovics) geschnitten, den dieser im Herbst 1970 in einem Münchner Bierkeller hält. In diesen mit Vorwürfen an Reinhold Messner durchsetzten Vortrag platzt der an Krücken gehende Bergsteiger, sodass die Differenzen zwischen den beiden von vorneherein deutlich werden.

Nach einem erneuten Ausflug in die Vergangenheit, diesmal in die Kindheit der Messner-Brüder 1957, sowie mehrmaligen, meist überflüssigen Zeit-Einblendungen, die eine halbdokumentarische Tatsachen-Rekonstruktion einreden, konzentriert sich „Nanga Parbat“ endlich auf sein Herzstück, die Herrligkoffer-Expedition von 1970, zu der Reinhold von vorneherein, Günther allerdings erst als Ersatz für einen abgesprungenen Teilnehmer berufen wird: Unter der Führung von Karl Herrligkoffer bricht die Expedition nach Pakistan auf, um erstmals über die Rupalwand den Gipfel des Nanga Parbat zu erklimmen. Trotz Schlechtwetterwarnung entscheidet sich Reinhold, im Alleingang den Gipfel zu erreichen. Der weniger erfahrene und schlechter ausgerüstete Günther folgt seinem älteren Bruder. Zwar erklimmen sie gemeinsam den Gipfel des Nanga Parbat, aber beim Abstieg bleibt Günther unter einer Lawine an der Nordwestseite begraben.

Der sieben Millionen Euro teure Spielfilm bietet großartige, an authentischen Schauplätzen gedrehte Landschaftsaufnahmen. Die Musik des Film-Komponisten Gustavo Santaolalla bildet einen guten Kontrapunkt dazu, denn sie hält der Versuchung stand, dramatische Situationen mit bombastischen Klängen zu begleiten.

Über den Tod Günther Messners gibt es bis heute unterschiedliche Versionen. Umstritten sind insbesondere der Ort, an dem sich die beiden Brüder trennten, sowie die Frage, ob Reinhold die beiden Expeditionsteilnehmer Felix Kuen und Peter Scholz, die sich auf dem Aufstieg befanden, am 28. Juni 1970 um Hilfe rief. Vilsmaiers Film folgt Reinhold Messners Schilderung, nach der dieser Kuen und Scholz über eine Entfernung von etwa 80 bis100 Metern Luftlinie um ein Seil gebeten habe, diese aber Messners Hilferuf nicht verstanden hätten. Die ausbleibende Hilfestellung sei der Grund, warum die Brüder Messner den Abstieg über die andere Bergseite wählten, auf der schließlich Günther den Lawinentod fand.

Dass sich Regisseur Vilsmaier auf diese Version beruft, kann ihm kaum zum Vorwurf gemacht werden, zumal Reinhold Messner als Drehbuch-Berater ausdrücklich genannt wird. Schwerwiegender jedoch nimmt sich die Dramaturgie aus, der es nicht gelingt, weder die komplexe Beziehung zwischen den Brüdern noch Reinholds kompliziertes Verhältnis zu Herrligkoffer zu verdeutlichen. Karl Markovics Herrligkoffer gerät immer wieder zur Karikatur des herrischen Expeditionsleiters, der vor allem seinen eigenen Ruhm sucht. Die jungen Schauspieler Florian Stetter und Andreas Tobias schaffen es kaum, ein Psychogramm der Messner-Brüder zu entwerfen, geschweige denn die Faszination des Bergsteigens in den Zuschauerraum zu transportieren.

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