Vorwärts zur Moral, nicht zurück zur Natur

Winfried Böhm, Professor für Pädagogik, zum 300. Geburtstag des Philosophen Jean-Jacques Rousseau. Von Alexander Riebel
Foto: IN | Der Pädagoge, Philosoph, Schriftsteller und Komponist Jean-Jacques Rousseau.
Foto: IN | Der Pädagoge, Philosoph, Schriftsteller und Komponist Jean-Jacques Rousseau.
Bei Rousseau stößt man überall auf einen Freiheitswillen, der damals ganz neu war. Was ist gegenüber dem christlichen Personbegriff passiert?

Wenn wir den Freiheitsbegriff Rousseaus dem christlichen Personbegriff konträr gegenüberstellen und von einem Gegensatz zwischen beiden ausgehen, geraten wir sofort auf ein altes Fehlgleis, auf dem sich freilich viele Interpreten seit 250 Jahren bewegen. Sie haben Rousseau oft als einen Gegner des christlichen Denkens gedeutet. Das erscheint mir als ein bedauerliches Vorurteil. Denn eine der großen Autoritäten für Rousseau war Augustinus. Und würde man mich fragen, wo ich den historischen Ursprung des christlichen Personbegriffs sähe, dann würde ich, von seiner Grundlegung in der jüdisch-alttestamentlichen Genesis einmal abgesehen, antworten: in der biblischen Theologie Augustins. Von vornherein einen Gegensatz zwischen Rousseau und dem christlichen Personbegriff zu konstruieren, führt auf einen Holzweg.

Spielt das moderne Individuum noch keine Rolle bei Rousseau?

Rousseau spricht nicht vom Individuum, sondern vom Menschen. Und er meint damit das, was die christliche Tradition unter Person versteht. Was sind die Merkmale der menschlichen Person? Die architektonische Verknotung von Freiheit, Vernunft und Sprache. Person heißt jemand, der aus vernünftigen Gründen sein Leben frei zu gestalten vermag und aufgrund dieser Ausstattung ein moralisches und nicht nur ein Naturwesen ist. Das ist der anthropologische Grundgedanke. Rousseau will nicht zurück zur Natur, sondern immer vorwärts zur Moral. Eine in Freiheit selbst entscheidende, selbst verantwortliche, selbst Rechenschaft über ihr Tun und Denken gebende Person. Wenn Rousseau von der Freiheit spricht, beruft er sich fast immer – explizit oder implizit – darauf, dass Gott den Menschen frei geschaffen hat. Und er nimmt den Zusatz, Gott habe den Menschen nach seinem Ebenbild und zu seinem Gleichnis geschaffen, sehr ernst. Das heißt für Rousseau, Gott hat mich so geschaffen, dass ich frei sein kann fast wie Er, denken, überlegen und entscheiden kann fast wie Er, mit anderen kommunizieren kann fast wie Er, der das ganze Alte Testament hindurch einen permanenten Dialog mit seinem auserwählten Volk geführt hat..

Rousseau würde sicher nicht von einem christlichen Bürger sprechen. Der Mensch im „Gottesstaat“ Augustins ist ein anderer, als Rousseau ihn im modernen Staat sieht: als einen bloß brauchbaren Bürger.

In Ihrer Frage stecken meines Erachtens zwei Probleme. Es ist völlig richtig, dass Sie das Problem Bürger versus Mensch mit Augustinus in Zusammenhang bringen. Gewiss hat Rousseau den „Gottesstaat“ ebenso wie Augustins „Bekenntnisse“ gut gekannt. Und er hat dort gelernt, dass der Mensch in zwei verschiedenen civitates lebt. In der terrena civitas ist er egoistischer Bürger. In der civitas dei ist er den Nächsten liebender Mensch. Für Rousseau ist es genau diese Unterscheidung, welche eine moderne menschliche Identität gar nicht mehr ermöglicht. Denn wie ich als Bürger lebe, ist nicht identisch mit dem, was ich als Mensch lebe, und eine bürgerliche Erziehung für die eine Gemeinschaft und eine menschliche Bildung für die andere klaffen notwendig auseinander.

Dann liegt im Bürger für Rousseau der Ursprung des Bösen?

Das wäre das zweite Problem in Ihrer Frage, nämlich: Was ist eigentlich die Natur des Menschen? Wenn Gott den Menschen getreu seinem Ebenbild geschaffen hat, dann kann der Mensch eigentlich nicht von seiner Natur her böse sein. Das wäre ein Widerspruch. Rousseau diskutiert dieses Problem in einem fast hundert Seiten langen Offenen Brief an den Pariser Erzbischof Christophe de Beaumont, der sein Hauptwerk, den Erziehungstraktat „Émile“, 1762 auf den Index gesetzt und in einem Hirtenbrief Rousseaus Person entehrt hatte – das Wort „entehrt“ steht bei Rousseau; so hatte er es jedenfalls empfunden. In dem Brief fragt er den Erzbischof, was ihm wohl mehr einleuchte: Dass der Mensch, das Ebenbild Gottes, von Natur aus böse ist, oder dass er erst in der Gesellschaft und durch sie schlecht wird? Rousseau seinerseits ging von der Prämisse aus, dass Gott den Menschen als gut geschaffen habe und er erst böse wird in der Gesellschaft. Der große und christlich unverdächtige Philosoph Paul Ricoeur hat das die Kontingenz des Bösen genannt. Der Mensch wird böse durch seine Vergesellschaftung, der er aber gar nicht entgehen kann, denn alles, was ihn zu einem gesellschaftsfähigen Menschen macht, verdankt er letzten Endes ihr. Das ist eine der vielen Paradoxien, in denen Rousseau denkt.

Rousseaus Einschätzung der Gesellschaft ist damit auch der Grund für seine Ablehnung der Erbsünde?

Die christliche Erbsündenlehre war nicht das zentrale Problem Rousseaus; er war kein Theologe. Wohl aber erkühnt er sich zu der Frage, wo denn in der Bibel die Erbsündenlehre unmissverständlich und unerschütterlich fest begründet sei. Rousseau räumt nur ein, dass er sie dort nicht so eindeutig finden könne. Er selbst schiebt sie dem Niederländer Cornelius Jansenius in die Schuhe, der sie in seinem 1640 erschienenen und „Augustinus“ betitelten Buch radikal formuliert und dort dem Vorurteil Vorschub geleistet habe, die Erbsünde sei eine Erfindung Augustins. Rousseau lässt diese theologische Streitfrage freilich auf sich beruhen und wirbt lediglich um Zustimmung zu seiner Beobachtung, dass die Menschen nicht böse geboren, sondern erst böse gemacht werden, und zwar vornehmlich durch jenen Teil der Gesellschaft, der sich ausdrücklich der Erziehung annimmt.

Wie kommt das Böse in die Gesellschaft?

Indem die Menschen nicht mehr mit sich selbst zufrieden sind, nicht mehr in sich ruhen, sondern in Wettstreit mit den Anderen treten und sich an ihnen messen. Der Mensch ist von Natur selbstgenügsam, und sein ursprüngliches Gefühl ist das Mitleid. Die Gesellschaft produziert den Egoismus anstelle der Nächstenliebe und wertet das Mitleid ab, weil es „nichts bringt“. Der Mensch muss sich vergesellschaften, und das Böse entsteht in diesem Prozess zuerst durch die Erfindung des Privateigentums: ein Mensch zieht um das Stück Land, auf dem er lebt, einen Zaun und behauptet, das sei jetzt sein Land. Und, dieses Zweite muss hinzukommen, er findet genügend Dumme, die ihm das glauben. Durch Egoismus und Dummheit kommt das Böse in die Welt. Zum Privateigentum gesellt sich die Arbeitsteilung, die wiederum zur Entfremdung des Menschen führt – ein zentraler Grundbegriff bei Rousseau. Der Mensch entfremdet sich von sich selbst, er verliert seine Identität, und wenn wir uns fragen, was für Rousseau „Glück“ heißt, dann heißt es, mit sich selbst eins und nicht zerrissen oder gespalten zu sein. Am Ende von Rousseaus Erziehungstraktat wird Émile Tischler und ist glücklich und zufrieden. Er hat eine sinnvolle Aufgabe gefunden, die ihn erfüllt, weil er für andere Menschen nützliche Dinge verrichtet. Er braucht keinen grellen Ruhm, keine öffentliche Anerkennung, keinen überflüssigen Besitz. Der Gesellschaftsmensch ist dagegen nur ein „Bruch“ und verbirgt sich immer hinter Masken: Schein statt Sein.

Ein „Zurück zur Natur“ gibt es nicht, wie Voltaire meinte. Gibt es einen Ausweg für alle aus der Gesellschaft?

Da haben Sie völlig Recht. Im ganzen Werk Rousseaus findet sich der Satz „Zurück zur Natur“ nicht ein einziges Mal. Es finden sich im Gegenteil Sätze, in denen er sagt: Zurück zur Natur wäre noch schlimmer, als wie wir jetzt leben. Ein „Zurück zur Natur“ kann es nicht geben, weil es nie einen Naturzustand gegeben hat und nie geben wird. Denn der Mensch ist vom ersten Augenblick seines Lebens schon in gesellschaftliche Bezüge gestellt. Nicht Rousseau, aber ein anderer hat gesagt, schon der erste Schrei des Säuglings sei ein gesellschaftlicher Akt. Das „Zurück zur Natur“ ist eine boshafte Unterstellung von Rousseaus Gegnern, allen voran Voltaire. Diese Unterstellung führt dann in der Pädagogik immer wieder dazu, dass man Rousseau als den Apologeten eines kruden Naturalismus verunglimpft, der angeblich ein reines Wach-senlassen predige. Aber das ist falsch. Rousseau hat keinen pädagogischen Naturalismus vertreten. Wenn man einen solchen sucht, könnte man eher an Maria Montessori denken. Die war weit mehr Naturalistin als Rousseau und stand dem christlichen Denken viel ferner als jener, und das hat Papst Pius XI. in seiner Enzyklika „Divini illius Magistri“ gut erkannt und ihren Naturalismus, freilich ohne sie namentlich zu nennen, verurteilt. Das hat sich in Deutschland nur noch nicht herumgesprochen; in Italien weiß man das viel besser.

Wie verträgt sich aber die Freiheit mit den Institutionen?

Das ist eine sehr gute Frage und im Hinblick auf Rousseau leicht zu beantworten. Wenn ich davon ausgehe, dass der Mensch von Natur aus böse ist, also grundverderbt zur Welt kommt, dann brauche ich Besserungsanstalten. Also Institutionen, welche die Aufgabe wahrnehmen, den Menschen von seiner Verderbtheit zu „heilen“, indem sie ihn streng disziplinieren, dem Zwang und dem Gehorsam unterwerfen und hoffen, auf diese Weise einen guten Menschen aus ihm machen zu können. Wenn Rousseau aber davon ausgeht, dass der Mensch erst böse wird, braucht man ja keine Besserungsanstalten. Sondern dann ist nur dafür zu sorgen, dass das, was ihn böse macht, möglichst von ihm ferngehalten wird. Also eher eine negative als eine positive Erziehung.

Dann sind Institutionen überflüssig?

Wenn Sie die Institutionen ansprechen, muss es einem ja auf der Zunge liegen, die beiden großen Institutionen zu nennen, die für die Besserung und das Heil des verderbten Menschen einstehen: die Schule und die Kirche. Die These von der Grundverderbtheit des Menschen führt Rousseau, wie schon gesagt, nicht auf die Bibel, sondern auf den Jansenismus zurück, und in der Tat ist sie pädagogisch nirgendwo so stark vertreten worden wie von den Pietisten. Der Hallenser Pastor August Hermann Francke hat fast alle deutschen Schulordnungen inspiriert, zu seiner Zeit und nachwirkend bis heute. Die deutschen Schulordnungen sind von Grund auf aus pietistischem Geiste entstanden. Ob das mit dem katholischen Denken nahtlos vereinbar ist, war für mich schon immer eine offene Frage. Und die Kirche ist dann neben der Schule als Erziehungsanstalt die Institution der Gnadenvermittlung. Wenn aber Gnade so verstanden wird, wie sie Rousseau in dem Glaubensbekenntnis seines savoyischen Vikars beschreibt, nämlich als das göttliche Geschenk der Freiheit, und wo er ausruft: „Nein, Gott meiner Seele, ich werde Dir niemals vorwerfen, dass Du mich nach Deinem Bilde geschaffen hast, damit ich frei, gut und glücklich sein kann wie Du“ – dann tritt für ihn zwangsläufig alles Institutionelle in den Schatten.

Worin besteht für Rousseau der Bestimmungsgrund der Moral?

Der moralische Bestimmungsgrund ist für Rousseau derselbe wie für Augustinus: Dilige et quod vis fac. Alles, was du rein aus Liebe tust, kann nicht sündhaft sein. Und der Brief an den Erzbischof von Paris endet mit dem Bekenntnis, er wolle allein Schüler seines Lehrers Jesus Christus sein. Und dieser habe gelehrt, dass, wer seinen Bruder liebt, das Gesetz erfüllt hat. Die moralische Botschaft Rousseaus klingt geradezu „paulinisch“: das Größte aber ist die Liebe.

Es gibt ja noch den größeren Rahmen für die Institutionen, den Gesellschaftsvertrag. Ist das ein rein gedankliches Konstrukt oder meint es die reale Vergemeinschaftung der Menschen?

Ich möchte sagen, bei Rousseau sei alles Idee. Die Erziehung kommt in der Natur nicht vor, aus ihr ist sie nicht abzulesen. Und die Erziehung in der Gesellschaft, wie Rousseau sie sieht, ist korrumpiert. Also entwirft er im „Émile“ die Idee einer besseren Erziehung, aber erklärt sie im Vorwort ausdrücklich als einen Traum. Ähnliches könnte man auch für den Gesellschaftsvertrag sagen. Dieser beruht im Grunde genommen auf der damals revolutionären Wunschvorstellung, dass die Gewalt nicht mehr von oben nach unten, sondern von unten nach oben gehen müsste; salopp ausgedrückt: nicht der König wählt sein Volk, sondern das Volk wählt seine Regenten. Und wenn die Regierenden nicht mehr den Willen des Volkes erfüllen, dürfen sie abgesetzt werden. Pädagogisch hieße das: Nicht der Lehrer wählt seine Schüler, sondern die Schüler wählen ihre Lehrer. Das klingt alles ungeheuer umstürzlerisch, ist aber, wenn man mit distanzierter Gelassenheit darüber nachdenkt, durchaus bedenkenswert und nicht so unvernünftig, wie es prima vista erscheinen mag. Auch der Gesellschaftsvertrag ist ein ideelles Konzept und ein politischer Traum. Die „volonté générale“ – der Gemeinwille, also die Vorstellung, dass es eine vollständige Identität von persönlich-individuellen und gesellschaftlich-staatlichen Interessen gibt, muss für Rousseau nach dem, was er aus dem „Gottesstaat“ von Augustinus gelernt hat, auch nur ein Traum bleiben. Wir können in dieser modernen Welt nicht mehr identisch mit uns selbst sein, das ist unser Schicksal. Aber wir können der Idee, dass wir bei uns selbst sein und uns selbst genügen können, nacheifern. In den letzten Jahren seines Lebens hat Rousseau nur noch über dieses Thema meditiert: Braucht der Mensch, um glücklich zu sein, wirklich den Beifall der Anderen? Oder macht er sich nicht zum Sklaven der Anderen, wenn er sich von deren Anerkennung und Wertschätzung abhängig macht? Vielleicht war der Träumer Rousseau gar kein Träumer. Vielleicht hat er viele Dinge realistischer gesehen, als wir Realisten sie träumen?

Professor Winfried Böhm war von 1974–2005 Ordinarius für Pädagogik an der Universität Würzburg und lehrte an Universitäten in Italien, Südamerika und den USA. Er veröffentlichte kürzlich mit seinem französischen Kollegen Michel Soetard das Buch: Jean-Jacques Rousseau – der Pädagoge. Einführung mit zentralen Texten, Verlag Schöningh Paderborn 2012, 149 Seiten, EUR 19,90

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