Von Menschen, die keinen anderen Gott neben sich dulden

Raphael Bonellis Institut „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ bietet Psychiatern und Philosophen, Therapeuten und Theologen seit 2007 eine aktuelle Bühne für spannungsreichen intellektuellen Diskurs. Zuletzt am Samstag in Wien über die Liebe und ihr Gegenteil, den Narzissmus Von Stephan Baier
Der „Narcissus“ von Caravaggio
Foto: Archiv | Der "Narcissus" von Caravaggio ist in der Galleria Nazionale d' Arte Antica in Rom zu bestaunen.

Mit wahrer Liebe hatte das alles wohl von Anfang an wenig zu tun: Der Flussgott Kephissos fühlte sich zur Wassernymphe Leiriope unwiderstehlich hingezogen. Also tat er ihr Gewalt an, schwängerte sie und zog weiter. Als alleinerziehende Mutter umsorgt Leiriope ihren kleinen Narkissos und verwöhnt ihn exzessiv. Dessen Selbstbewusstsein wächst ins Unermessliche, zumal ihn viele bewundern und umschmeicheln. Als ihm die Nymphe Echo ihre Liebe gesteht, weist er sie zurück: Er wolle eher sterben, als ihr gehören. Daraufhin stirbt Echo an Liebeskummer, aber die Götter entziehen Narkissos ihre Huld. Sie beschließen, dass er niemals bekommen solle, was er liebe. Und tatsächlich: Sich nach der Jagd über klares Wasser beugend verliebt sich Narkissos in sein eigenes Spiegelbild. Laut Ovid verzehrte er sich daraufhin schmachtend vor seinem unerreichbaren Ebenbild – bis zum Tode. Nach einer anderen Erzähltradition stürzte er vor Gier ins Wasser und ertrank.

Es gebe zwei Arten des Um-sich-Kreisens, erklärte der Wiener Psychiater, Psychotherapeut und Neurowissenschaftler Raphael Bonelli am Samstag bei einer Fachtagung seines Instituts „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ (RPP) in Wien: das ängstliche Um-sich-Kreisen des Perfektionisten und das libidinöse des Narzissten. Zwar gebe es keinen hundertprozentigen Narzissten, und jeder Mensch habe auch narzisstische Anteile in sich, doch seien die Narzissmus-Raten in den zurückliegenden vier Jahrzehnten stark gestiegen. Signifikant sei für den Narzissten ein exzessiver Ich-Bezug, eine starke Egozentrik. Der Narzisst liebe, was er war, was er ist, was er sein möchte – alles, was mit dem eigenen Ich zu tun hat. Was dagegen nicht zur eigenen Person gehörig scheint, bleibe irgendwie unwirklich und farblos.

Als Musterbeispiel nannte Bonelli den Fußball-Star Cristiano Ronaldo, der mit etlichen Millionen einen Film über sich selbst drehen ließ, mit dem Titel „Die Welt zu seinen Füßen“. Gleichzeitig warnte der Psychiater und RPP-Gründer davor, die „Narzissmus-Keule als Totschlagargument“ einzusetzen – sei es in der Partnerbeziehung oder in der Politik. „Ich mit mir – mehr brauchen wir gar nicht!“, zitierte Bonelli einen seiner narzisstischen Patienten. Selbstwertgefühl könne leicht in den Narzissmus kippen. Dem Gegenüber die Liebe zu entziehen und auf sich selbst zu beziehen, sei laut Sigmund Freud das Kennzeichen des pathologischen Narzissmus. Doch bereits der heilige Augustinus habe das als „curvatio in se ipsum“ beschrieben und so den Hochmut charakterisiert.

Letztlich beschrieb Bonelli den Narzissten als unfreie Persönlichkeit, denn drei Dimensionen würden den Menschen erst frei machen: seine innere Ordnung, seine Kooperationsfähigkeit und sein Vermögen zur Selbsttranszendenz. Der Narzisst jedoch verfange sich in der Selbstidealisierung, interessiere sich nicht für Beziehungen auf Augenhöhe und verbleibe in der Selbstimmanenz. „Das Heiligste, das der Narzisst kennt, ist er selbst.“ Er sei stark eingenommen von Phantasien eigener Macht, eigenen Erfolgs, eigener Brillanz, Schönheit und idealer Liebe. Er glaube, einzigartig zu sein und nur von besonderen Menschen verstanden zu werden. In zwischenmenschlichen Beziehungen sei er ausbeuterisch und manipulativ, auch neidisch und arrogant. Bonelli zitierte den britischen Psychoanalytiker Ernest Alfred Jones, der vom „Gotteskomplex“ sprach und meinte, der Narzisst sei vom Wesen her Atheist, weil er „keinen anderen Gott neben sich“ dulde.

Ziel der Therapie sei, dass der Mensch lerne, sich so einzuschätzen, wie es der Wirklichkeit entspricht. Die Voraussetzung sei aber die Therapiewilligkeit des Narzissten, also die Einsicht: So bin ich – aber so will ich nicht sein. Der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff, der durch Bestseller wie „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, „SOS Kinderseele“ und „Mythos Überforderung“ berühmt wurde, analysierte einen „Quantensprung“ bei der Arbeits- und Beziehungsunfähigkeit. 50 Prozent der jungen Erwachsenen, so meinte er, seien trotz guter Schulbildung nicht wirklich lebensfähig. Die kindliche Persönlichkeitsentwicklung sei ein Prozess im Gehirn und habe mit Erziehung wenig zu tun. Durch die digitale Revolution, von der die Gesellschaft seit Mitte der 1990er Jahre überrollt werde, sei „die Kindheit unbewusst abgeschafft“ worden: „Wir haben Kinder zu Partnern und kleinen Erwachsenen gemacht.“ Die emotionale und soziale Psyche könne sich aber nur am Gegenüber bilden. Wenn Kinder wie Erwachsene behandelt würden, müssten die Narzissmus-Anteile wachsen, so Winterhoff, der mit der aktuellen Pädagogik in Kindergärten und Schulen hart ins Gericht ging.

Heute müssten Kinder permanent Entscheidungen treffen. Bei Eltern und Großeltern fehle es an der nötigen Abgrenzung: Das Glück des Kindes werde zum eigenen Glück; die Eltern reagierten symbiotisch und seien von den Kindern deshalb zu steuern, statt das Kind kritisch zu hinterfragen.

Winterhoff empfiehlt als Methode, um „wieder Kapitän über die eigene Psyche zu werden“, stundenlange, einsame Waldspaziergänge – ohne Handy. Alternativ könne man auch drei Wochen lang täglich eine halbe Stunde still in einer Kirche sitzen. So kämen Erwachsene „raus aus dem Katastrophenmodus“ und würden wieder fähig, an die Zukunft zu denken, statt nur zu überleben. „Kinder brauchen Eltern, die in sich ruhen“, ist der Kinderpsychiater Winterhoff überzeugt. Und sie bräuchten Ruhe, Beziehung und personenzentriertes Arbeiten.

„Je mehr Platz ich für Gott in meinem Leben habe, desto mehr Platz ist für mich selbst und für andere“, befand der St. Pöltener Weihbischof Anton Leichtfried in seinen Ausführungen zum Wesen der Liebe. Die Annahme seiner selbst führe zu innerem Frieden, denn solange der Mensch von Neid, Missgunst oder Gier beherrscht sei, werde er von anderem bestimmt. „Wer mit sich selber nicht im Frieden ist, mit dem haben es auch die anderen schwer“, so Bischof Leichtfried, der dieses Prinzip auch auf die Innen- und die Außenpolitik von Staaten bezog. Nächstenliebe definierte er als Aufgabe „den Menschen zu lieben, der mir zugemutet ist“. Mitunter sei es „einfacher, den Übernächsten zu lieben“, weil der Nächste zu konkret ist.

Bei der Feindesliebe gehe es nicht um Sympathie, sondern um Respekt vor dem Anderen, weil auch er ein Geschöpf Gottes ist. Aus christlicher Sicht sei Liebe eine Antwort auf das vorausgehende Handeln Gottes. Sie ziele auf das rechte Verhältnis von Geben und Empfangen. Die „Grundübung für die Liebe ist die Haltung der Dankbarkeit“, das Sich-Einordnen in ein Größeres, so Bischof Leichtfried.

„Schauspieler wollen bewundert werden“, weiß der deutsche Schauspieler und Hörspielsprecher Michael König, der dem Ensemble des Wiener Burgtheaters angehört. Zumal ja der Schauspieler selbst sein eigenes Handwerkszeug ist. Das habe, so meinte König bei der RPP-Tagung über „Liebe & Narzissmus“, noch nichts mit Narzissmus zu tun – allerdings „möglicherweise mit der Anfälligkeit für Narzissmus“.

Der Schauspieler müsse sich dem Neuen stellen, dem Staunen vor dem Fremden. „Die Scheu vor dem Kunstwerk ist die notwendige Voraussetzung, der narzisstischen Versuchung zu widerstehen.“ Im Gegensatz zum Selbstdarsteller sei der kunsthörige Schauspieler dem Werk gegenüber demütig. So könne das Werk als etwas erscheinen, das mehr ist als der Akteur. Nur die Kunst könne – jenseits der Gotteserfahrung – den Sinn für das ganz Andere öffnen und uns überwältigen.

Scharf ging Michael König mit dem post-dramatischen Theater ins Gericht, mit der Entpersonalisierung der Agierenden und dem dahinterstehenden Geist des skeptischen Nihilismus. Politische Korrektheit und Zynismus seien zum Code der Zugehörigkeit zur politischen Intelligenzija geworden. Da sei Schönheit durch einen Kult des Hässlichen ersetzt und Wahrheit zum faschistoiden Machtinstrument erklärt worden. So sei eine „Welt der Abwesenheit von Sinn“ erschaffen worden, „eine Welt, die sich immer wieder nur selbst begegnet“. Und eben diese Selbstreferenzialität sei ein Anzeichen von Narzissmus. Demgegenüber müsse der Schauspieler „mit der gebotenen Höflichkeit jene Landschaften betreten, die uns der Dichter ausgespannt hat“, demütig und hinhörend. Der Schauspieler müsse kämpfen, um das Innerste, ja die Wahrheit eines Stücks ans Licht zu bringen.

Den fulminanten Abschluss der um Liebe und ihr Gegenteil kreisenden RPP-Fachtagung bildete der Vortrag der Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. „Wie entkommt man dem Narzissmus?“, fragte sie, um sogleich die Antwort zu geben: „Durch Hingerissenheit!“ Die Liebe scheine die hinreißende Antwort auf den Narzissmus zu sein, aber auch die Liebe sei nicht ungefährlich, und der Eros könne zurückführen in den Narzissmus. „Liebe hat eine Kraft, die zum Hellen oder zum Dunklen führen kann.“ Bereits die Antike kenne die Vergöttlichung des Triebes als einer Macht, die uns von außen anspringt. Als tiefe, ungeordnete Faszination sei der Eros vielgesichtig – ein Dämon. „Die Liebe sichert sich nicht selbst vor ihrem eigenen Absturz.“ Als zweite Fehlentwicklung beschrieb die früher in Dresden und heute in Heiligenkreuz dozierende Philosophin die Degradierung des Leibes zum animalischen Körper: „Sex wie ein Glas Wasser bei Durst.“ Hier werde der Andere zur Steigerung der eigenen Selbsterfahrung.

Gerl-Falkovitz verwarf aber zugleich die Idee einer völlig selbstlosen Liebe: Die Natur werde nicht aufgehoben; die Selbstbezogenheit der Natur müsse in der Ekstase (definiert als „aus dem Häuschen kommen“) der Liebe hinaufgerissen werden. Bereits Thomas von Aquin habe die Liebe mit der Selbstliebe verbunden. Josef Pieper meinte: „Alle Liebe ist auch Selbstliebe und will haben.“ Liebe gehe also nicht vom Verzicht aus, sondern davon, „dass der Andere für mich geschaffen ist“. Gerl-Falkovitz wörtlich: „Ich will auch eine Resonanz auf mein Angebot!“ Die Liebe leide, wenn sie nicht erwidert wird – und sie kämpfe dafür. „Liebe will haben – was denn sonst?“

Das Glück des Liebenden bestehe im Gewinnen und auch im Genießen des Geliebten. Sie sei auch ein Hunger und Durst, nicht einfach selbstlos, sondern ein In-Anspruch-Nehmen. Es gebe keine ethische Pflicht zum Selbstverzicht. Nicht das Verschmelzen mit dem Anderen sei das Ziel der Liebe, sondern „ein spannungsvolles Eins-Sein von Zweien“. So führe Liebe – wie auch Mystik – nicht in die Vernichtung von Identität, sondern in deren Stiftung. „Liebe ist nicht ,ich bin du‘, sondern ,ich bin dein und du bist mein‘.“ War das Problem des 19. Jahrhunderts die Prüderie, so sei es heute die Banalisierung und Verflachung des Sex, die den Eros vergiftet, so Gerl-Falkovitz. Der Eros aber werde durch die Liebe von oben zusammengehalten: „Die göttliche Liebe ist herabgestiegen in unsere Gassen.“

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