Von lichten Resonanzen

„Aufwachraum“: Gedanken zu einem Zyklus von Paco Knöller. Von Sebastian Kleinschmidt
"Meerisches Bett": Z677
| „Meerisches Bett“: Z677.

Handschrift macht Worte sichtbar, Handzeichnung Bilder. Beides geschieht durch das Ziehen von Linien, wird hörbar am Rauschen des Bleistifts über das Papier. Während Worte auf Welt verweisen, stellen Bilder Welt und Welten dar. Wer auf Paco Knöllers Handschrift achtet, wird ihre Anmut sehen, die schöne Dünung. Schwimmt hier nicht ein freudiger Delfin, der hinhört auf die Welle, sich schlafend von ihr tragen lässt und wachend mit ihr spielt? Es sollte nicht verwundern, dass etwas davon sich im Linienkosmos von Pacos Zeichnen wiederfindet. Jeder Mensch hat eine Handschrift, und sie ist unverwechselbar wie sein Gesicht und seine Stimme. Der Bogenschwung der Schrift, die Geste, die Zugkraft, der Rhythmus, sie offenbaren etwas vom Inkognito des Schreibenden. Handschrift ist unabsichtlich gelegte seelische Spur.

Beim Zeichnen liegen die Dinge anders. Hier sind die Linie, der Strich, die Schraffur eine Initiative der Darstellung. Der Zeichner wirft im Schwingungsmedium Grafik gleichsam Fangleinen aus, stellt Luft- und Wasserreusen auf, zieht Schleppnetze über den Grund. Er macht Beute und überführt sie ins Geisterreich der selbsterschaffenen Resonanzen.

Das Besondere an Paco Knöllers Zeichnungen ist ihre Gebundenheit an Themen und Zyklen. Ein Thema, griechisch „das Aufgestellte“, ist für ihn mehr als nur ein Wegweiser im Anschauungsgelände. Es ist ein Denkraum, ein Spiegelsaal der Verlockungen, mitbewegt durch Worte und Begriffe, durch Metaphern und Ideen. Jedes Thema ist ein großes Depot für die verschiedenartigsten Motive, die man in ihm bergen kann.

Nehmen wir den Zyklus Aufwachraum. Er verdankt seine Existenz grundlegenden Meditationen über Schlafen und Wachen, Wachen und Träumen. Geistigen Übungen, die zu einem erhöhten Wachzustand führen, zu einem empfänglicheren In-der-Welt-Sein. Solches Aufwachen kann nicht erzwungen werden, es kommt, mit Peter Handke zu sprechen, aus einem genaueren, inständigeren Hören und Hinhören, aus einem genaueren, erwartungsvollen, geduldigen Schauen und Hinschauen, aus einem Spüren und Aufspüren, aus einem Auf-sich-übergehen-Lassen von Dingen und Erscheinungen, die sich im Warteraum der Wahrnehmung, im Vestibül der Stille schon befinden. Man selbst gehört mit Haut und Haar dazu. Das alles ist gemeint mit Aufwachraum. Dem Aufwachraum als einer Wohnstatt der Empfindung. Und wie man von der Musik sagt, dass es drei Arten gibt, eine Dichtung zu vertonen, nämlich an ihr entlang, durch sie hindurch, aus ihr hervor, so könnte man von Pacos Zeichenkunst sagen, dass es drei Arten gibt, ein Thema zu ikonisieren: an ihm entlang, durch es hindurch, aus ihm hervor. Im Aufwachraum sind sie subtil ineinandergefügt. Wie umfangreich ein solcher Zyklus ausfällt, hängt ganz vom Thema ab. Ein jedes hat sein eigenes Quantum an Zeugung und Empfängnis. Aufwachraum umfasst derzeit 280 Blätter, entstanden in den Jahren 2014 bis heute. Ein Abschluss ist nicht abzusehen. Die bildnerischen Energien sind alles andere als verbraucht. Das muss damit zusammenhängen, dass das Thema ins Nervenzentrum von Pacos Künstlerschaft führt. Es ist die Frage: Wo bin ich, wenn ich zeichne? Was werde ich, indem ich zeichne? Er selbst hat einmal gesagt, über sich und seinem Werk könnten als Leitstern die Zeilen von Mandelstam stehen:

„Meine Verse sollen sein

vertraut und rätselhaft zugleich

um uns vom Schlaf für immer aufzuwecken.“

Für den Aufwachraum gilt das in elementarer Weise. Zwei Blätter aus dem Zyklus sind mir besonders lieb. Das eine trägt die Nummer Z681 (ich nenne es „Geträumte Treppe“), das andere die Nummer Z677 (ich nenne es „Meerisches Bett“).

Zuerst Z677. Ich staune: Was für ein seltsames Bett! „Vertraut und rätselhaft zugleich“. Es scheint ein Ruhebett zu sein, das unter Wasser schwebt. Strömungslinien queren den Raum. Alle Dinge sind transparent. Zwei an einem Stock befestigte Banner fluten halb über, halb unter der Liegestatt. Man denkt an durchsichtige, von Fischen abgelegte Laichballen. Oder an das archaische Fangzeug eines Anglers. Oder an die Schleppe eines Traums, die der Sog des Wassers aus dem Bild fortzieht. Die wallende Gaze ist übersät von Grafismen, von schwarzen Partikeln, Kringeln und Kreisen. Man denkt an ein chinesisches Rollbild, an ein Stillleben in leichtem fluiden Gefälle, teils schlafversunken, teils traumverweht, teils pflanzenhaft wach. Die blauen Schraffuren am oberen Ende der Bahn, die blauen Punkte am rechten Rand der Zeichnung sind eine Spur des magischen Bundes. Von Neuem kommen mir die Delfine in den Sinn, Tiere, die mit der einen Gehirnhälfte schlafen und mit der anderen wach sein können. Was mag dem ins Bild vertieften Betrachter, der sich achtsam auf dem Schwimmbett niederlässt und träumend durch das Wasser gleitet, durch den Kopf gehen in der eleusinischen Drift? Das weiß nur das meerische Bett. Denn nur die beseelten Dinge erkennen uns, und wir sie.

Das zweite Blatt, Nummer Z681. Ich staune aufs neue: Was für eine seltsame Treppe! Und wieder „vertraut und rätselhaft zugleich“. Ein verwaister Stufengang, aus einem Block gehauen. Eine steinerne Stiege, unter Wasser aufgerichtet. Das Fließende der Linien zeigt es an. Setzstufen und Trittstufen sind sacht in sich verdreht, so dass eine kleine Schwingung entsteht, die sich beim Steigen übertragen wird. Der schwarze Tetraeder unten links mutet an wie eine winzige ägyptische Pyramide mit unsichtbarer Grabkammer. Wurde sie hinuntergetragen oder muss sie nach oben geschafft werden? Bei einer Treppe stellt sich immer die Frage: hinauf oder hinunter? So ist sie auch hier als philosophische Parabel mit im Spiel. Wir zählen die Stufen und bedenken die Jahre, die noch bleiben. Treppensteigen unter Wasser hat jedoch etwas Besonderes: hinunter geht es schwerer, hinauf leichter. Gerade umgekehrt als sonst. Im Wasser herrscht nämlich Auftrieb. Auftrieb und Stille. Stille verführt zum Träumen, Auftrieb zum vertikalen Denken. Aber dann die Frage: Hinunter wohin? Hinauf wohin? Die Antwort lautet immer: In die Tiefe, in die Höhe. Zur Erde und zum Himmel. Zu den Müttern und zum Vater. Zum Chthonischen und zum Divinen. Und am Ende gewahr werden, dass man selber Tiefe hat, dass man selber Höhe gewinnt. Ist das nicht die geistige und geistliche Spannung, in der sich alle Kunst bewegt?

Die Unterwassertreppe, die hier aufragt, ist eine Traumtreppe. Wer auf ihr auf-, wer auf ihr niedersteigt, beschreitet neue Wege. Sie reichen hinunter bis zu den blauen Schnüren am schlafenden Seegrund und hinauf bis zu den offenen Linien im wachen Himmelsweiß. Der Dichter Gennadij Ajgi sprach einmal von der „,meerischen‘ Arbeit des Traums“. Paco Knöllers Aufwachraum ist eine meerische Landschaft. Sie zeigt eine Welt von lichten Resonanzen, in der das Ferne nah- und das Nahe ferngerückt ist. Eine verlangsamte Welt, die im Ganzen von innen, im Einzelnen von außen geschaut und angeschaut ist. Eine mitwissende Welt, in der mit feinsten Seilen, die vom Zeichner geflochten sind, sich die metaphysische Beute für immer verfängt.

Der Autor ist Publizist und war lange Zeit Leiter der Kulturzeitschrift „Sinn und Form“.

 

Hintergrund

Der Künstler Paco Knöller gilt laut Wikipedia als einer der „wichtigen Zeichner seiner Generation“. Vom 26. Mai bis 1. September 2019 sind Zeichnungen und Holzschnitte des 68-Jährigen aus dem Zeitraum 1989 bis 2018 im Museum Morsbroich Leverkusen zu sehen. Dazu erscheint im Kerber Verlag, Berlin 2019, das Buch „Paco Knöller, Zeichnungen 1989–2018“. DT

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Autor Metaphysik Mütter Peter Handke Philosophie Wasser Wikipedia Zeichner und Illustratoren Zeichnungen

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann