Von Geist, Materie und der Vielfalt des Seins

Wie eng Glauben und Wissenschaft zusammengehören – Vor 90 Jahren entdeckte Werner Heisenberg die Unschärferelation. Von Barbara Stühlmeyer

Werner Heisenberg, geboren am 5. Dezember 1901 in Würzburg, war gerade einmal 26 Jahre alt, als er in seiner Arbeit „Über den anschaulichen Inhalt der quantentheoretischen Kinematik und Mechanik“ die Unschärferelation formulierte und damit das bestehende Weltbild in seinen Grundfesten erschütterte. Denn bis dahin waren die Naturwissenschaftler für viele Jahre davon ausgegangen, dass die Vermessung der Welt bis ins kleinste Detail möglich sei. Das war allerdings nicht immer so.

Hildegard von Bingen spricht beispielsweise sowohl in ihren Visionswerken als auch in ihrer Naturheilkunde eher von lebendigen Netzwerken, die eine gewisse Familienähnlichkeit mit dem haben, was der britische Biologe Rupert Sheldrake morphogenetische Felder nennt. Das mit der Renaissance in Mode gekommene Vermessen und Beherrschen der Welt ist demgegenüber eine eher sterile, vor allem aber durch Trennung des Menschen von der Natur geprägte Herangehensweise. Trennung ist ein anderes Wort für Sonderung, was übersetzt wiederum Sünde bedeutet. Und sie führt, wie jeder Christ weiß, weit weg vom lebendigen Licht und schneidet den Menschen von seiner natürlichen Aufgabe, mitschöpferisch an der Gestalt der Welt zu arbeiten ab. Deshalb ist es bemerkenswert, dass Heisenberg seine Theorie von der Unschärferelation zu einem Zeitpunkt formulierte, in dem es angesichts der damals bereits spürbaren Konsequenzen der Industrialisierung und Verstädterung mit ihren unvermeidlichen Folgen wie Umweltverschmutzung und Gestörtheit des gesellschaftlichen Gefüges zum ersten Mal sichtbar dringlich war, das Bewusstsein für die untrennbare Verbundenheit alles Geschaffenen wieder neu ins Bewusstsein zu heben.

Aber was genau war es nun, dass Heisenberg, der so bemerkenswerte Sätze formulierte wie „Materie ist Geist, der nicht als Geist erscheint und Geist ist Materie, die nicht als Materie erscheint“, entdeckt hatte? In seinen Bemühungen, Impuls und Ort eines Teilchens genau zu untersuchen und die Ergebnisse festzuschreiben, hatte der Forscher festgestellt, dass dies schlechterdings unmöglich war. Je präziser er den Ort des Teilchens zu beschreiben vermochte, desto mehr entzog sich ihm dessen Impuls. Und je gründlicher er dem Impuls nachging, desto weniger vermochte er über den Ort auszusagen. Heisenberg formulierte drei Sätze, um seine Entdeckung zu beschreiben: „1. Es ist unmöglich, einen quantenmechanischen Zustand zu präparieren, bei dem der Ort und der Impuls beliebig genau definiert sind. 2. Es ist prinzipiell unmöglich, den Ort und den Impuls eines Teilchens gleichzeitig mit unbegrenzter Genauigkeit zu messen. 3. Die Messung des Impulses eines Teilchens ist zwangsläufig mit einer Störung seines Ortes verbunden, und umgekehrt.“ Etwas weniger fachspezifisch formulierte der Forscher seine Erkenntnis in seinem Buch „Die Physik der Atome“: „Man kann nie die beiden für die Bewegung entscheidenden Bestimmungsstücke eines solchen kleinsten Teilchens – etwa seinen Ort und seine Geschwindigkeit – gleichzeitig genau kennen. Wenn man ein Experiment macht, das genau angibt, wo es sich im Augenblick befindet, so wird die Bewegung in solchem Grade gestört, dass man das Teilchen nachher gar nicht mehr wiederfinden kann. Umgekehrt wird bei der genauen Messung der Geschwindigkeit das Bild des Ortes völlig verwischt.“

Wie zahlreiche Aussagen von Physikern, unter denen man bemerkenswert viele gläubige Menschen findet, weil die genaue Beobachtung der Schöpfung offenbar eine sehr gute Schule ist, um das Staunen und die Ehrfurcht vor dem Schöpfer zu lernen, hat auch die Heisenbergsche Unschärferelation eine spirituelle Komponente. Sie beweist nämlich, dass die Materie nicht tot ist. Wäre dies der Fall, würde sie all unsere Vermessungsversuche ungerührt über sich ergehen lassen. Das tut sie aber nicht. Ganz im Gegenteil. Sie verhält sich, und dies wiederum ist messbar, so, dass sie auf unsere Beobachtung reagiert. Offenbar nimmt die gottgeschaffene und wie Hildegard von Bingen überzeugt war, geistdurchwirkte Materie unsere Beobachtungen als Versuch, ein Gespräch zu beginnen, wahr. Durch die Beobachtung des Physikers verändert sich das untersuchte Objekt, woraus logisch folgt, dass es keine letztlich objektive Möglichkeit der Beschreibung der Wirklichkeit gibt, weil wir Menschen so eng mit ihr und miteinander vernetzt sind, dass alles, was wir tun, unweigerlich Einfluss auf unsere Umgebung hat. Wer einen Beweis für diese Theorie sucht, braucht bloß an die Begegnung mit einem guten, empathiefähigen Arzt zu denken. Sie bewirkt ganz ohne Medikamentengabe oft schon eine Besserung des Befindens, einfach dadurch, dass er sich dem Patienten zuwendet, ihn und sein Leiden wahrnimmt. Und noch ein weiteres wird durch Heisenbergs Theorie klar. Wunder sind keine Machttaten, sondern eine ganz normale, wenngleich von uns selten bewusst wahrgenommene Form der Wirklichkeit. Teilchen, wie sie der Physiker untersuchte, können, wenn sie unbeobachtet sind, alle ihnen möglichen Auswirkungen verwirklichen. Konkret bedeutet dies zum Beispiel, dass ein Teilchen an zwei Orten gleichzeitig sein kann. Wenn Pater Pio also an mehreren Orten gleichzeitig gesehen wurde, ist das zweifellos ein Wunder und zugleich Teil der komplexen irdischen Welt der Möglichkeiten.

Werner Heisenberg waren diese Implikationen durchaus bewusst. Für den Forscher, der 1932 für seine Begründung der Quantenmechanik den Nobelpreis erhielt, waren Physik und Philosophie untrennbar miteinander verbunden. Heisenberg war überzeugt davon, dass die moderne Physik den denkenden Menschen zu Plato zurückführe „Denn die kleinsten Einheiten der Materie sind tatsächlich nicht physikalische Objekte im gewöhnlichen Sinn des Wortes, sie sind Formen, Strukturen, oder im Sinne Platos Ideen.“ Es ist nicht erstaunlich, dass Heisenberg, der seine Forschungsergebnisse logisch zuende dachte, Religion und Wissenschaft nicht als getrennte Welten ansah, sondern sie vielmehr als unterschiedliche Formen, die Welt zu verstehen, deutete. Glauben, Wissen und Wollen waren für Heisenberg genauso zwei Seiten derselben Medaille wie Geist und Materie. Wenn alle Elementarteilchen, wie er es lehrte, durch hinreichende Zuführung von Energie in andere Teilchen umgewandelt werden, wenn „alle Elementarteilchen […] aus der gleichen Substanz, aus demselben Stoff gemacht [sind], den wir nun Energie oder universelle Materie nennen können“, dann besagt dies nichts anderes als Hildegard von Bingens Wort, dass alles Geschaffene einander antworten und die Blumen einander den Duft ihrer Blüten darbieten.

Der einzige, der noch quer zur Schöpfung steht, ist der Mensch. Das sollten wir ändern. Denn wenn wir Hildegards Visionen und Heisenbergs Theorien ernst nehmen, sind wir wirklich untrennbar mit der Schöpfung verbunden.

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