Selbstbewusstsein

Von David Bowie kann man lernen

ChChChanges: Warum Anpassung nicht zur Harmonie führt und warum man Chaos auch als eine Chance zur Formgebung betrachten kann.
David Bowie-Ausstellung in New Yorker U-Bahn-Station
Foto: dpa | Sich wandeln wie eine Pop-Ikone: In der New Yorker U-Bahn war ein Foto von David Bowie vor einigen Jahren im Rahmen einer Ausstellung zu sehen.

Tohuwabohu, Irrsal und Wirrsal, gähnende Leere – Wenn wir an Chaos denken, verbinden wir damit ein Vakuum, ein Nichts, das von einer bedrohlichen Orientierungslosigkeit durchdrungen ist. Wir imaginieren uns Wesen, die dieses Chaos bändigen, einen Gott, der die bestialische Kraft eines Urdrachen zu bändigen weiß, einen Gott, der ein Machtwort spricht. „Am Anfang war das Wort“ heißt es im Johannesevangelium und dieses siedeln wir bei Gott an in unserem sehnenden Suchen nach einem Anbeginn. Das Wort ist Ausdruck des Verstandes, einer Ratio, die aufklären und Licht ins Dunkel bringen soll.

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Aus Angst vor der Leere und der Überwältigung durch das Unbegreifliche klammern wir uns an das Wort und vergöttlichen es. Wir sprechen ihm eine Allgewalt zu, die eine mythische Dimension annimmt. Durch sprachliche Regelungen und Normierungen versuchen wir menschlich zu sein und rotten doch das Menschliche dabei aus. Den Körper und die Körpersprache vernachlässigen wir wie auch das Hören und die Seele. Aus Angst vor Verletzungen und Sorge um die eigene geistige Unversehrtheit tappen wir in die Falle eines sprachlichen Aberglaubens. Unser Streben nach Sicherheit hält uns davon ab, Risiken bewusst einzugehen und Chaos als eine Chance zur Formgebung zu betrachten.

„Sei schlichtweg ein anderer Mensch!
Mann, Frau, was auch immer!“

Sehnsüchtig denken wir uns eine risikofreie, von sanften Gefühlen genährte Welt herbei. In der Übergangszeit zwischen kruder Wirklichkeit und Paradies tragen wir mit magischen Sprüchen bedruckte T-Shirts wie Rüstungen. „Love NOT Hate“ oder „Don't touch me“ prangt auf unserer Brust in der trügerischen Hoffnung auf ein schöneres, ein klügeres, ein freieres Ich. Wir sitzen da mit gleichgesinnt Verzweifelten und wünschen uns ein Leben wie im Streichelzoo. Ganz unverstellt und zutraulich recken wir unsere Schnäuzchen den Anderen entgegen, streicheln dem einen übers gelockte Haupt und tätscheln dem Anderen das Pfötchen. Wir malen uns ein Bild von einem Utopia, in dem alle geliebt und zärtlich umschlungen werden, freilich nur, sofern sie das wollen. Und damit fängt das Drama schon an: Die Sehnsucht nach Schutzräumen wächst, der Glaube an Regeln verfestigt sich und die Sprache – Glory, Glory, Halleluja – wird zur Heilsbringerin für alle Verängstigten und Benachteiligten. Dieses Utopia, das wir uns erträumen, ist aber nichts anderes als ein notdürftig mit heißer Nadel zusammengeflicktes Patchwork aus „Safe Spaces“, Regeln und Normen, das eines Tages wie ein Kartenhaus über uns zusammenbrechen wird.

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Nichts anderes als ein Luftschloss ist es, wenn wir glauben, durch eine Totaldurchrechtlichung der Gesellschaft und Regelmaximierung, das Paradies wie Jack aus der Box springen oder wie ein Kaninchen aus dem Hut zaubern zu können. Zweifel keimen zwar gelegentlich auf, aber wir ersticken sie sogleich, indem wir Bestätigung erheischen da drinnen in unserem „Safe Space“, wo kein Springteufelchen Unfug stiftet und kein Andersdenkender – Horror!?– seinen Senf dazugibt. Wir sitzen da in unserem Sprachspielkasten, schütteln das Kaleidoskop voller Buchstaben und blinzeln uns – Simsalabim ??– den Ponyhof zurecht, vergessen aber dabei, dass das Leben und der Ponyhof sich spinnefeind sind. Es ist, als würde man von Sauerteig erwarten, dass er sich in einen zuckersüßen Hefezopf verwandelt.

Harmoniesucht ist Diskursverweigerung

Das Leben aber kennzeichnet, ob wir es wollen oder nicht, permanenter Wandel. Ein Dasein voller „Safe Spaces“ und allumfassender Achtsamkeit ist nur ein Traum, Utopie oder Dystopie zugleich, denn jeder Anspruch auf absolute Gleichheit endet schneller als man es sich's versieht in einem Albtraum. Der Versuch, Ungleichheiten mit Stumpf und Stiel auszurotten führt geradewegs in den totalitären Abgrund. „Alle Tiere sind gleich. Aber manche sind gleicher als die anderen“ heißt es schon mahnend bei George Orwell. Festen Boden unter den Füßen hat man in den seltensten Fällen, geerdet aber sollte man trotzdem sein. Damit sich das eigene Umfeld nicht in Treibsand verwandelt, von dem man verschlungen zu werden droht, sollte man sich wappnen. Und zwar nicht mit einem Fetzen Stoff, auf den ein kindischer Spruch gedruckt ist, sondern mit einer Energie, die wir uns erst einmal aufbauen müssen. Dabei kann es nicht schaden, wenn wir dreimal tief durchatmen oder auf einer Yogamatte frei zu sein versuchen wie ein Fisch im Wasser oder unsere Augenmuskeln zu trainieren, um endlich wieder das wirklich Wichtige zu erblicken.

Superselbstbespiegelung, Nabelschau und Verinnerlichung können aber das Bedürfnis nach Isolation und „Safe Spaces“ noch vergrößern, da Harmonie das oberste Ziel ist. Gekoppelt ist diese Ausgeglichenheit, dieses unerschütterliche Ebenmaß an den Glauben, Streit müsse unbedingt vermieden werden. Im Schlepptau hat die Sucht nach Balance eine Diskursverweigerung. Schließlich bringt jede Art von Gefecht die heiß geliebte Gleichmut durcheinander.

„Sei du selbst“! Kann man das wirklich sein?

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„Changes“ heißt ein Song von David Bowie. Der „Thin White Duke“, der Wandelbare, der Philosoph, der Musiker gibt uns einen Tipp, der vielleicht nicht Gold wert ist, aber eine gute Portion Glück auf jeden Fall. Stotternd, haspelnd beginnt der Song, die Silben stolpern dreimal hintereinander, bevor uns Bowie seinen Weg aufzeigt. Dieser Weg erforderte freilich allerlei Erkundungen, schloss Irrwege ein und Sackgassen und das Wagnis der Selbsterforschung. Bowie stellte sich furchtlos der Herausforderung, betrachtete sich selbst und bespiegelte seine Vielgestaltigkeit. Und was kam dabei heraus? „I've never caught a glimpse“. Keinen Blick konnte er auf dieses vielgesuchte Selbst erhaschen. Dass die ergebnislose Suche nach dem Ich nicht nutzlos war, mag paradox klingen und ist doch wahr. Denn: Ist es tatsächlich so erstrebenswert, man selbst zu sein? „Sei du selbst“ versucht man uns weiszumachen. Es ist inzwischen der abgedroschenste Werbespruch überhaupt.

Warum aber sollen wir das sein, wo wir doch selbst täglich, ob wir es wollen oder nicht, eine Rolle spielen müssen und dies vielleicht sogar wollen, weil wir es lieben. Und auch, weil wir keine Lust haben, ein Leben lang nach etwas zu suchen, das es genauso wenig gibt wie das märchenhafte Leben auf dem Ponyhof. Yee-haw! Bowie hat recht, wenn er uns auffordert: „Turn and face the strange“. Dem Fremden zu begegnen ist der erste Schritt zum Wandel. „Just gonna have to be a different man“ – So einfach ist es! Sei schlichtweg ein anderer Mensch! Mann, Frau, was auch immer! Es sollte nicht einmal zur Debatte stehen, welches Geschlecht man hat. Sei es und gut ist es!

 

Die schöpferische Kraft des Chaos annehmen

Man muss nicht mit großartigem Pathos verkünden: „Ich muss mein Leben ändern“, obwohl es noch nie geschadet hat, Peter Sloterdijk oder Rilke-Gedichte zu lesen. Man braucht das Haupt nicht unbedingt zu kennen, bedeutet uns Rilke in seinem Gedicht „Archaischer Torso Apollos“. Der Torso glüht in diesem Sonett vielmehr noch „wie ein Kandelaber“. Da flimmert's „wie Raubtierfelle“. Weniger Gebote brauchen wir. Genau das will uns Rilke zu verstehen geben, indem er paradoxerweise eines aufstellt: „Du musst dein Leben ändern.“ Das Glimmern und Leuchten, das Schillern und Funkeln, dafür müssen wir unsere Sinne wieder schärfen, um unser eigenes Potenzial zu erkennen.

Ein Schöpferpotenzial vor allem, das wir in uns tragen, um unser Leben zu gestalten und zu verändern. ChChChanges ist eine Aufforderung, den Wandel zu akzeptieren, nicht wehmütig zurückzuschauen oder auf der Ponyhof-Illusion zu beharren, sondern sich für das Fremde zu begeistern und auf die schöpferische Gewalt des Chaos und unsere eigene Gestaltungskraft zu vertrauen.

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