Relevanzverlust

Vernünftige Einsicht ist das gesunde Minimum

Wie die Kirche trotz der Missbrauchskrise relevant bleiben könnte – ein Versuch.
Innenansicht Nationale Ruhmeshalle Panthéon mit Foucaultsches Pendel zum empirischen Nachweis der E
Foto: imago stock&people | Früher Kirche, jetzt Ruhmeshalle. Im Panthéon in Paris mit dem Foucaultschen Pendel berühren sich Glaube und Aufklärung.

Bad news is good news“ – was für Nachrichtenproduzenten gilt, trifft nicht unbedingt für Institutionen zu. In vielen Diözesen, dies berichtet KNA, stellt man sich im Zuge der Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachtens auf eine gigantische Austrittswelle ein. So groß und flächendeckend könnten die Empörung und Scham sein, dass viele mit dem Religionsanbieter Kirche ab sofort nichts mehr zu tun haben wollen.

Die „große Idee der Vergangenheit“, von der Annette Schavan mit Blick auf Kirche und Christentum erst neulich sprach (und einer solchen zeitlichen Kategorisierung ausdrücklich nicht zustimmte!), scheint aus dem Blickwinkel geraten zu sein. Man erkennt die „Idee“ nicht mehr oder traut ihr nicht – angesichts krimineller Machenschaften, ungezügelten Machtmissbrauchs, kleinkarierter Ignoranz. Was nachvollziehbar und verständlich ist. Zumal sich das Thema Missbrauch geradezu nahtlos einfügt in den bekannten Unheils-Dreiklang aus Kreuzzügen, Hexenverbrennung, Zwangsmissionierung, der schon länger das Kirchen-Narrativ der Moderne prägt.

„Insofern kann man vielleicht gerade auch als Katholik dankbar sein
(wenn dies von Christen „mit Rechtsdrall“ auch gern bejammert wird),
dass für eine Institution wie die Kirche strengere (mediale) Maßstäbe gelten
als für weltliche Vereine, Schulen oder Parteien“

Doch: Wie kann angesichts solcher faulen „Früchte“ am Anfang eigentlich eine tragfähige „große Idee“ gestanden haben, die heute noch von Bedeutung ist? Zumal die „Idee“ des Christentums aufs Engste mit der Person des anspruchsvollen Gründers verknüpft ist?

Was genau macht diese immer verblassender wirkende „Idee“ eigentlich aus? Was an ihr wirkt besonders schützenswert für die Gegenwart? Die eindringliche Warnung vor der ewigen Verdammnis, die heute kaum noch jemand fürchtet, sicherlich nicht. Auch nicht das Erzeugen von Auserwähltseins-Gefühlen, die manche sektiererischen Gemeinschaften trotz der Skandale immer noch prägen. Die entscheidende revolutionäre „Idee“ des Christseins, die Nietzsche mit genialer Witterung aufgriff und anhand der oft mangelhaften realen Umsetzung kritisierte, ist vermutlich der Respekt vor dem Schwachen, die Zuschreibung von Würde unabhängig von Herkunft, Leistungen und Tugend. Man könnte auch sagen: Der Schutz des Lebens am Anfang, am Ende und in der Mitte der Existenz. Mitgefühl, Barmherzigkeit. Aufgrund dieser „Idee“, die im besten Fall zur heroischen Nächstenliebe führt, im schlechtesten Fall zum „Ressentiment“, verdient die Kirche trotz aller perversen Verunstaltungen durch Menschen aller Zeiten auch weiterhin einen Platz in Gesellschaft und Kultur.

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Zu beachten: Christliches funktioniert außerhalb der Kirche oft besser als innerhalb

Wobei man aber beachten sollte – und darauf hat etwa der kanadische Philosoph Charles Taylor („Ein säkulares Zeitalter“) hingewiesen –, dass die Verwirklichung dieser Idee der Würde oder Nächstenliebe paradoxerweise in säkularen, nicht-christlichen Gesellschaften oft besser funktioniert (hat), als in dezidiert christlichen. Als ein Ergebnis der Aufklärung. Was ein sehr wichtiger Hinweis ist. Tatsächlich scheint ja auch die Kirche in Deutschland trotz (oder wegen) ihrer komplexen Struktur auf die Unterstützung unabhängiger, staatlicher Instanzen angewiesen zu sein. Nicht nur, um nun den nötigen Reinigungsprozess zu bewerkstelligen, sondern auch, um ihre Botschaft zivilgesellschaftlich angemessen entfalten zu können. Ohne fundamentalistische Fantasien, die sich bei religiösen Gruppen allgemein bei allzu großer Distanz zum Gesetzgeber einstellen können.

Vielleicht war es deshalb auch nicht zufällig ein Politiker, nämlich der Fraktionsvorsitzende der Europäischen Volkspartei im Europaparlament, Manfred Weber (CSU), ein engagierter Katholik, der die aktuelle Lage der Kirche kürzlich pointiert zusammengefasst hat, als er in einem Videobeitrag auf „Facebook“ sagte: „Ich denke, dass die Kirche im Inneren morsch ist“ und hinzufügte: „Das Denken, dass nur derjenige, der geweiht ist, ,Macht‘ haben darf und sie ausübt, und dass die Kirche geschützt werden muss und nicht die Missbrauchsopfer, das ist skandalös.“ Nicht nur „skandalös“, sondern auch ein ziemlich rechter Gedanke a la Arnold Gehlen: Die Institution schützen auf Kosten des Menschen.

Revolution und Aufklärung haben die Kirche zivilisiert

Was Weber anprangert, ist ein Denken, das sich als vor-revolutionär, als vor-aufklärerisch bezeichnen lässt. Als archaisch. Denn, auch wenn es manche Christen nicht gern hören: Es waren – nach all dem unrühmlichen Blutvergießen – ausgerechnet die Nachwirkungen der Französischen Revolution und der Aufklärung, welche langfristig auch die Kirche zivilisiert haben. Ausgerechnet Kant, der mit seiner „Kritik der reinen Vernunft“ den Weg zur wahren Würde und Freiheit des Menschen aufstieß – ohne den Glauben an Gott zu verunglimpfen – erwies sich dabei geradezu als wahrer christlicher Apostel. Zumal er auch eine dogmatisch zementierte Unmündigkeit ablehnte. Unmündigkeit war kein Ziel Jesu.

Und nicht zu Unrecht schreibt der zum Beispiel von Kardinal Leo Scheffczyk geschätzte Hegel am Ende seiner Geschichtsphilosophie, dass mit „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ die Weltgeschichte formal an ihr Ende gekommen sei, weil dies nicht mehr zu überhöhen ist. Nur inhaltlich laufe die Geschichte seitdem weiter.

Kirche in Distanz zu sich selbst

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Wobei ausgerechnet die Geschichte der Kirche, könnte man ergänzen, mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil noch einmal auftrumpfte, indem sie den Versuch unternahm, an ein aufklärerisches Wissen anzuknüpfen, hinter das sie nicht mehr zurückfallen konnte, ohne in einen völligen Dämmerzustand zu geraten; die philosophische Unumkehrbarkeit der Aufklärung – gut zu erkennen anhand des universellen Maßstabs der Menschenrechte in den Konzilsdokumenten – galt es anzuerkennen. Offensichtlich hatten einsichtige Kardinäle, Bischöfe und Theologen mit Hegel und leichter Verspätung erkannt, dass auch die Religion formal an ihr Ende gekommen sei, weil sie quasi „reflexiv“ werden musste, was zwar nicht in ihrem eigenen Wesen liegt, wohl aber im Wesen des Geistes, von dem sie ein Teil ist. So trat die Kirche im 20. Jahrhundert in Distanz zu sich selbst. Was im Mittelalter völlig unmöglich gewesen wäre.

Ist es dieser theologisch-philosophische „Quantensprung“, welcher der Kirche inmitten all der erschütternden „bad news“ eine Perspektive der Hoffnung verleihen könnte? Vielleicht. Systemische Geheimnistuerei, Vertuschung und autoritärer Dogmatismus sind philosophisch dank des Konzils eigentlich schon längst überwunden. Man weiß heute in der Kirche, wie sie funktioniert, was sie Jahrhundertelang als ihr „Geheimnis“ behalten wollte. Insofern ist sie als Verwalterin der „großen Idee“ objektiv vernünftiger geworden, obwohl sie auf dem Boden der Vernunft immer schon ihren Platz haben wollte.

Wer sich an Schutzbefohlenen vergreift, sollte den Richter fürchten

Dieses vernünftige Wissen steht auch nicht im Widerspruch zu Empathie und Nächstenliebe! Und auch nicht im Widerspruch zum „Ereignis“ der Person Jesu, auch wenn man mithilfe dieses Wissens erkennen kann, dass dieses „Ereignis“ nicht objektivierbar ist, sich also – philosophisch gesagt – hinter dem Rücken des Subjekts abspielt. Es ist nicht Theorie-fähig und insofern relativierbar. Doch die von der Aufklärung aufgegriffene „Idee“ Jesu ist objektivierbar und – wie Kant und Hegel zeigen – Theorie-fähig. Dies veranschaulicht auch die in zwei Evangelien Jesus von Nazareth zugeschriebene Aussage, mit der er ganz allgemein und dennoch deutlich vor dem Missbrauch von Vertrauen bei Schutzbefohlenen warnt: „Wer einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, für den wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde. (Markus 9, 42; Lukas 17, 1)

Man muss weder an Gott noch an die göttliche Ebenbildlichkeit des Menschen glauben, sondern kann dieser Aussage aus Einsicht in die Vernunft und aufgrund von Empathie zustimmen. Sie repräsentiert ein gesundes Minimum. Insofern kann man vielleicht gerade auch als Katholik dankbar sein (wenn dies von Christen „mit Rechtsdrall“ auch gern bejammert wird), dass für eine Institution wie die Kirche strengere (mediale) Maßstäbe gelten als für weltliche Vereine, Schulen oder Parteien. Wer sich auf göttliche Autorität beruft, also das moralische Maximum beansprucht, verdient eine besondere Prüfung. Wer strengere Maßstäbe anlegt, nimmt den Anspruch der Kirche ernst.

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