Verliebt...und sogar verlobt!

Am 14. Februar ist Valentinstag, der Tag, an dem die Herzen der Verliebten sowie der Pralinen- und Blumenverkäufer höher schlagen. Warum nicht. Schön wäre es aber, wenn passend dazu der zweite Schritt der Verbindlichkeit, die Verlobung, wiederentdeckt wird. Ein Plädoyer für eine vergessene Liebes-Etappe. Von Stefan Ahrens
Foto: dpa | Was wäre eine Verlobung ohne Ringe? Doch das Ritual sollte bescheiden sein, denn die eigentliche Feier ist die Hochzeit.
Foto: dpa | Was wäre eine Verlobung ohne Ringe? Doch das Ritual sollte bescheiden sein, denn die eigentliche Feier ist die Hochzeit.

Die Ergebnisse der von Papst Franziskus in Auftrag gegebenen Umfrage zur Ehe- und Familiensynode 2014/2015 legen es an den Tag: Das Wissen um die katholische Ehe- und Familienlehre kann bei der Mehrheit der Gläubigen als „ausbaufähig“ bezeichnet werden. Zwar werden Menschen so lange sie existieren sich zweifellos immer wieder verlieben und auch den Wunsch verspüren, den Weg einer auf Dauer angelegten stabilen Partnerschaft zu zweit zu gehen. Doch wie man diesen Weg vor allem im Lichte des Glaubens gelingend gehen kann, scheinen viele Gläubige nicht mehr richtig zu verstehen.

Bereits im Vorfeld der mit Spannung erwarteten Synode setzt Papst Franziskus deshalb auch diesbezüglich einige Zeichen: So beklagte er am vergangenen Freitag vor den polnischen Bischöfen die immer geringer werdende Wertschätzung der Ehe auch unter Katholiken. Dieses Sakrament werde heute oft als „eine Form von emotionaler Sonderzulage“ (Papst Franziskus) betrachtet, die auf „irgendeine Weise“ zustande käme und nach dem persönlichen Empfinden jedes Einzelnen verändert werden könne. Deshalb wird er am diesjährigen Valentinstag, am Freitag, den 14. Februar, eine Sonderaudienz für Brautleute und Verlobte geben. Franziskus wolle mit ihnen gemeinsam die Freude des „Ja für immer“ feiern, hieß es hierzu im Vorfeld.

Franziskus tut in der Tat gut daran, nicht nur Brautleute, sondern auch Verlobte konkret anzusprechen. Denn selbst in „kirchlich verwurzelten“ Kreisen wird die klassische Verlobung immer seltener. Dabei sollte gerade eine intensiv genutzte Verlobungszeit als Chance und Gelegenheit betrachtet werden zu erkennen, ob zwei Menschen, die drauf und dran sind, für den Rest ihres Lebens Ja zueinander zu sagen, wirklich zueinander passen. So erspart man sich so manche kaputte Ehe samt aufwendigem Scheidungsverfahren. Und lernt den Sinn einer Ehe besser zu erfassen sowie den Wert einer bewussten Entscheidung zur Liebe in ihrer Verbindlichkeit der Ehe zu schätzen. Der Glaubensschatz der Kirche kann hierbei helfen, die Verlobung neu und vor allem als eine heilige Zeit zu entdecken.

Wo die Verlobung noch im Vorfeld einer Ehe begangen wird, da geschieht es nicht selten auf eine melodramatisch-hollywoodeske Art und Weise: Der angehende Bräutigam wirft sich zu Boden, die Angebetete bekommt einen Ring überreicht, die Sektkorken knallen und im Anschluss wird nur noch über die möglichst glamourös auszurichtende Hochzeit diskutiert – ob mit „Wedding Planer“ oder ohne.

Keine Frage: Auch die Romantik sollte bei einer Verlobung nicht zu kurz kommen. Was jedoch innerhalb der Verlobungszeit meist entweder zu kurz kommt oder vollends im Vorbereitungsstress der zu planenden (Märchen-)Hochzeit unterzugehen droht ist die Frage, ob man überhaupt zueinander passt sowie den Willen und die Kraft hat, einen gemeinsamen, endgültigen Lebensweg einzuschlagen. Ist man sich zum Beispiel über die Dimension einer Ehe überhaupt im Klaren? Wollen beide Partner wirklich in gleichem Maße Kinder? Haben beide dieselben Erziehungsvorstellungen? Sind die Lebensziele sowie die Vorstellungen über ein geglücktes Leben in Partnerschaft weitestgehend identisch? Gibt es negative Eigenschaften an meinem Partner, über die ich auch beim besten Willen nicht hinwegsehen kann? Und vor allem – frei nach einem schwedischen Möbelhaus: Willst du nur versorgt sein oder liebst du schon?

Über diese und andere Dinge sollte während der Verlobungszeit intensiv miteinander gesprochen und eventuell auch gerungen werden. Denn eine Verlobung gilt zwar immerhin als Vorentscheidung zu einer Eheschließung, ist aber dennoch keine Vorwegnahme der endgültigen Eheschließung. Eine richtig verstandene Verlobungszeit sollte primär als Zeit zur Klärung dementsprechend genutzt werden. Denn so sieht es zumindest die Kirche: Eine Ehe kann nur freiwillig eingegangen werden. Nur wenn alle möglichen Unklarheiten aufrichtig angesprochen und aus dem Weg geräumt sind und beide Partner wirklich guten Gewissens in eine gemeinsame Zukunft blicken können, sollte auch die Bereitschaft da sein, endgültig Ja zueinander zu sagen. Durch Druck von außen sowie aus einem inneren Pflichtgefühl heraus können nur in den seltensten Fällen stabile, geschweige denn glückliche Ehen erwachsen. Im Zweifelsfall gilt: Verlobungen sind keine Einbahnstraße, niemand kann zu einer Ehe gezwungen werden. Hochzeiten kann man absagen, Ehen jedoch nicht.

Doch nicht nur lebenspraktische Fragen, sondern auch Glaubensfragen sollten während der Verlobung eine gewichtige Rolle spielen. Denn die Ehe selbst ist nicht nur einfach ein (unauflöslicher) juristischer Vertrag zwischen zwei heiratswilligen Personen, sondern vor allem ein von Jesus Christus gestiftetes Sakrament. Insofern sollte in der Verlobungszeit auch das Bewusstsein dafür wachsen, dass sowohl die Ehe als auch bereits die Verlobungszeit selbst eine „Beziehung zu dritt“ darstellen: Denn Gott weiß darum, dass insgeheim fast jeder Mensch die Sehnsucht nach einem Leben in Zweisamkeit sucht und möchte jedem Paar seinen Segen für eine gelungene und glückliche Ehe geben. Viel mehr noch: In allen Höhen und Tiefen nimmt Gott aktiv Anteil am Leben der (angehenden) Eheleute. Er lässt niemandem im Stich. Und er weiß auch um unsere Schwächen und die Tatsache, dass trotz bester Intentionen manchmal auch „eheliche Dinge“ in eine Schieflage geraten können – sei es durch äußere Faktoren oder persönliches Versagen. Deshalb entlastet er die jeweiligen Partner durch das möglichst regelmäßige (gemeinsame) Gebet sowie das Sakrament der Buße immens darin, sich verpflichtet zu fühlen, vollkommen makellos die gemeinsame Ehe zu bestreiten oder gar zu meinen, den jeweils anderen glücklich machen zu müssen. Gott will keinen Glücksstress und falsch verstandenen Romantizismus, sondern zwei Partner, die, nachdem sie den Bund fürs Leben in Freiheit geschlossen haben, bereit sind, einander in ihrer jeweiligen Schwachheit anzunehmen und gegebenenfalls auch einmal verzeihen zu können.

Die Verlobungszeit hilft also potenziellen Brautleuten, sich als Paar ins aufrichtige, aber liebevolle Gespräch miteinander sowie mit Gott einzuüben, gegenseitige Treue zu leben und eine größere Verbindlichkeit und Intensivierung der Vorbereitung auf das Ehesakrament zu erzielen – und dabei am besten von Anfang an einen Seelsorger mit einzubeziehen. Oder wie es im Katechismus der katholischen Kirche zur Verlobung und den Verlobten heißt: „Sie sollen diese Bewährungszeit als eine Zeit ansehen, in der sie lernen, einander zu achten und treu zu sein in der Hoffnung, dass sie von Gott einander geschenkt werden. Sie sollen einander helfen, in der Keuschheit zu wachsen“ (KKK 2350).

Ebenso wichtig ist es, die Verlobungszeit als eine Zeit zu betrachten, in der sich die Verlobten darum bemühen sollten, „die Keuschheit in Enthaltsamkeit zu leben. (…) Sie sollen Liebesbezeugungen, die der ehelichen Liebe vorbehalten sind, der Zeit nach der Heirat vorbehalten. Sie sollen einander helfen, in der Keuschheit zu wachsen.“ (KKK 2350). Für Paare, die bereits vor ihrer eigentlichen Ehe eine eheähnliche Beziehung pflegen und zusammen wohnen (welches nach katholischem Verständnis eigentlich nur Eheleuten vorbehalten sein sollte), ist dementsprechend die Verlobungszeit eine gute Gelegenheit, den Wert der Keuschheit neu zu entdecken.

Damit die eigentliche Verlobungszeit gelingt, ist es außerdem bereits im Voraus überaus wichtig, die Ehe als Berufung zu verstehen. Denn so bedauerlich das auch sein mag: Nicht jeder ist für die Ehe geeignet. Das stellte nicht nur bereits Jesus Christus fest (vgl. Mt 19, 11 ff.), sondern in jüngster Zeit auch Papst Franziskus. Er bezeichnete im Gespräch mit Jugendlichen bei seinem Besuch am 4. Oktober 2013 in Assisi die Fähigkeit zur Ehe genauso wie die Fähigkeit, ein zölibatäres Leben als Priester oder Ordensmann/-frau führen zu können, unumwunden als „Berufung“ – also als eine durch Gott geschenkte Befähigung. Insofern kommt wohl niemand, der grundsätzlich eine Ehe erwägt, darum herum, sich aufrichtig zu fragen, ob er dafür überhaupt „gemacht“ ist. So erspart man sich und auch einem potenziellen Partner viel Ärger – und umgekehrt kann das Eheleben dann auch als ein gemeinsam beschrittener Weg zur Heiligkeit begriffen werden. Gleichzeitig sollte die Dauer einer Verlobung klare Grenzen haben – und zwischen drei Monaten und maximal einem Jahr andauern. Hierdurch wird die innerhalb jeder Verlobung unausweichlich stehende Entscheidung für oder wider eine Ehe nicht bis ins Unendliche hinausgezögert und der Blick dafür geschärft, notwendige, möglicherweise lebensverändernde Entscheidungen beherzt anzugehen.

In diesem Zeitraum geht es ebenfalls darum, das familiäre, religiöse und soziale Umfeld des Partners noch näher kennenzulernen und hinsichtlich der Eheentscheidung ebenfalls zu überprüfen. Flankiert werden sollte das Ganze durch eine geistlich-spirituelle Ehevorbereitung, wobei man sich am besten auf die dafür qualifizierten Personen, Institutionen und Bewegungen in den jeweiligen Diözesen stützt, sowie der Austausch mit anderen Verlobten oder Ehepaaren. Erst der spätere Teil der Verlobungszeit ist dann von den unmittelbaren Schritten auf die Hochzeit hin geprägt, wie zum Beispiel die kirchlichen und weltlichen Amtswege zu beschreiten oder den äußeren Rahmen der Hochzeit zu organisieren. Am Ende der Verlobungszeit stehen dann die Hochzeit oder die Auflösung der Verlobung. Und: Bekanntermaßen segnet die Kirche viel – von Menschen über Gegenstände bis hin zu Gebäuden. Aber auch die Verlobung selbst kann gesegnet werden und das im Rahmen einer Verlobungsfeier. Diese wird – wenn schon nicht als Sakrament wie die Ehe – als Sakramentalie verstanden: Der Segen Gottes und der Kirche stärkt die angehenden Brautleute während der Verlobung und ermutigt sie darin, den Weg zu endgültigen Eheschließung zu klären und gegebenenfalls weiterzugehen.

Im „Benediktionale“ (dem kirchlichen Buch, in welchem für die verschiedenen Segnungen Vorlagen zur Verfügung gestellt werden) gibt es auch ein Formular für die Verlobungsfeier. Sinn und Zweck dieser Feier soll die Segnung der Verlobungszeit sein, in welcher das gegebene Verlobungsversprechen mit Gottes Hilfe geprüft und entschieden werden soll. Solch eine Segensfeier kann – wenn öffentlich in einer Gemeinde begangen – als ein eigener Wortgottesdienst gestaltet oder an eine Eucharistiefeier zwischen Schlussgebet und allgemeinem Segen angeschlossen werden. Der Ring wird gesegnet und bei der Verlobung vom anderen übergeben, aber sich selbst – als Zeichen der Selbstverpflichtung – aufgesteckt. Ob beide Partner einen Verlobungsring tragen oder nur die potenzielle Braut, kann individuell entschieden werden. Auf jeden Fall aber sollte so eine Feier schlicht gestaltet werden, um nicht durch ein großes Fest die Entscheidungsfreiheit der Verlobten einzuschränken oder bereits im Vorfeld eine Art „Ersatzhochzeit“ vor der eigentlichen Trauung zu feiern.

So oder so ist es zu empfehlen, dieses Segensangebot der Kirche wahrzunehmen oder einmal mit einem Priester darüber zu sprechen. Und vielleicht bietet sich ja gerade der Valentinstag – auch um diesen ein wenig den Blumenhändlern und profaneren Interessen zu entreißen – grundsätzlich als passender Tag für die (erneute) Etablierung der kirchlichen Verlobungsfeier an. Schaden kann es wohl nicht, wenn die Kirche hierin Papst Franziskus folgt, der wie immer mit gutem Beispiel vorangeht.

In Zeiten von desaströsen Umfragen zur Kirchenlehre, aber auch aufgrund der weiterhin vorhandenen Sehnsucht vieler nach Ritualen und Hilfe bei Lebensentscheidungen vielleicht ein guter, erster Schritt. Und den 14. Februar beispielsweise als „Engagement Day“ (Verlobungstag) fest im Bewusstsein der Menschen zu verankern würde möglicherweise einen größeren Nutzen bringen als alle angedachten „Veggie Days“ (Tage der vegetarischen Ernährung) dieser Erde zusammen. Der Mensch lebt schließlich nicht nur von Karotten und Erbsen, sondern auch von Luft und verantwortungsvoller Liebe.

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