Vater sein will gelernt werden

Trotz seines auf den ersten Blick frivolen Themas verdeutlicht Ken Scotts kanadische Komödie „Starbuck“ die Sehnsucht nach der Familie. Von José García
Foto: Ascot Elite | David Wozniak (Patrick Huard, rechts) wird mit einer Sammelklage von 142 von ihm anonym erzeugten Kindern konfrontiert, die endlich ihren biologischen Vater kennenlernen möchten.
Foto: Ascot Elite | David Wozniak (Patrick Huard, rechts) wird mit einer Sammelklage von 142 von ihm anonym erzeugten Kindern konfrontiert, die endlich ihren biologischen Vater kennenlernen möchten.

Eigentlich wollte der liebenswerte Taugenichts David Wozniak (Patrick Huard) sein Leben endlich in den Griff bekommen. Genau in diesem Augenblick holt ihn jedoch die Vergangenheit in Form einer Sammelklage ein. Denn die Samenspenden, die er zwanzig Jahre zuvor machte, machten ihn zum 533-fachen Erzeuger. Und nun wollen 142 junge Erwachsene endlich wissen, wer ihr biologischer Vater ist. Auf einmal gestaltet sich sein chaotisches Leben noch komplizierter als je zuvor.

Nach einem durchaus originellen Vorspann beginnt die Vorgeschichte im kanadischen Montréal 1988, als der geldklamme David auf den Gedanken mit der Samenspende als Geldquelle kommt. Dreiundzwanzig Jahre später hat sich Davids Leben kaum grundlegend geändert. Er arbeitet zusammen mit seinem Vater (Igor Ovadis) und seinen Brüdern im Familienbetrieb, einer Fleischerei. Davids Unzuverlässigkeit verdeutlicht Drehbuchautor und Regisseur Ken Scott dadurch, dass David die Fleischlieferungen nie pünktlich schafft. Ja, er ist nicht einmal in der Lage, pünktlich zum Fototermin die neuen Fußballtrikots für die Hobbymannschaft abzuholen. Deshalb wundert es kaum, dass sich seine Freundin Valérie (Julie Le Breton) von ihm trennen will, obwohl sie von ihm ein Kind erwartet. Es sei ohne Vater besser aufgehoben als bei David, meint sie lapidar dazu. Zu allem Überfluss schuldet er solchen Gangstern 80 000 Dollar, mit denen er sich lieber nicht anlegen sollte. Um dieses Geld zurückzuzahlen, verklagt er auf Anraten seines besten Freundes, eines erfolglosen Anwalts (Antoine Betrand), die Klinik um Entschädigung wegen Verstoßes gegen seinen Persönlichkeitsschutz.

Von der Neugier getrieben, fischt David allerdings aus der Mappe mit den Informationen über seine 142 „Kinder“ ausgerechnet den Bogen eines Fußballprofis heraus. Von Vaterstolz plötzlich erfasst, besucht er ein Spiel. Nun gibt es kein Halten mehr. Nacheinander lernt er einen Schauspieler, der wegen seines Jobs als Kellner ein wichtiges Vorsprechen zu verpassen droht, eine Drogenabhängige, der er das Leben rettet, einen Bademeister, einen Fremdenführer... kennen. Als David aber den schwer körperlich und geistig behinderten Rafael kennenlernt, trifft der liebenswerte Chaot eine Entscheidung, die seinen Freund, den Rechtsanwalt, auf die Palme bringt.

Zur Glaubwürdigkeit seiner Geschichte führt Drehbuchautor und Regisseur Ken Scott aus, ursprünglich wollten sein Koautor Martin Petit und er von einem Samenspender mit 150 Kindern erzählen. „Wir waren unsicher, ob nicht diese unglaublich hohe Zahl die Glaubwürdigkeit der Geschichte beeinträchtigen würde. Doch einen Monat, nachdem wir das Projekt angestoßen hatten, zirkulierte in allen Medien die Meldung von einem Samenspender, der 500 Kinder gezeugt hatte. Wir waren sprachlos. Unsere bescheidenen 150 waren nichts im Vergleich zur Realität. Hier ist also die überaus glaubhafte Geschichte eines Mannes, der herausfindet, dass er 533 Kinder hat.“ Zwar behandelt „Starbuck“ dasselbe Thema wie unzählige Komödien: Ein großes Kind, das endlich Verantwortung übernimmt und deshalb auch erwachsen wird. Zwar muss das Drehbuch etliche Logiklöcher stopfen, wie übrigens bei solchen Komödien häufig. Die sympathische Art aber, mit der Patrick Huard seinen David verkörpert, verleiht dem Film dennoch Authentizität. Regisseur Ken Scott gibt ihm darüber hinaus genug Raum, um die Entwicklung vom chaotischen Verlierer zum verantwortungsvollen Vater glaubhaft zu machen. Dass das Kennenlernen des schwer behinderten Rafael den Wendepunkt in Davids Geschichte markiert, zeugt von Davids großem Herzen. Diesem tiefgründigen Kern hinter der komödiantischen Fassade entspricht es auch, dass „Starbuck“ trotz seiner zugegeben schlüpfrigen Ausgangssituation auf schenkelklopfende Witze und Zoten weitestgehend verzichtet.

Auf im Zusammenhang mit der künstlichen Befruchtung stehende moralische Fragen geht der Film eigentlich nicht ein. Darüber hinaus bleiben die Mütter ebenfalls außen vor. Denn Scotts Drehbuch konzentriert sich auf die Vaterschaft. Dafür bietet er unterschiedliche Beispiele von Davids Vater polnischer Abstammung mit seiner traditionellen Vorstellung eines Familienoberhaupts über den Rechtsanwalt-Freund, der stets von den Schwierigkeiten mit seinen vier Kindern klagt, und den Bruder, der zunächst kein Kind wollte, sich dann aber von den Ultraschall-Bildern seines Kindes begeistern lässt, bis zu David, der irgendwann einmal seine Verantwortung als Vater zu tragen bereit ist. Trotz der leichtfüßigen Inszenierung voller witziger Einfälle wird aber auch das tiefe Verlangen anonym erzeugter Menschen deutlich, ihre biologischen Eltern zu kennen. Trotz oder gerade wegen des spielerischen Tons und des durchgängigen Humors veranschaulicht „Starbuck“, ohne in Sentimentalitäten abzudriften, die trotz aktueller gesellschaftlicher Trends zur Individualität und Bindungslosigkeit in den meisten Menschen doch noch vorhandene Sehnsucht nach der Familie.

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