Ungeschminktes Bild von Nazi-Deutschland

Mit „Innenansichten – Deutschland 1937“ zeigt Michael Kloft einen 1937 von Julien Bryan gedrehten Dokumentarfilm neu. Von José García
Foto: BR / Spiegel TV | Arbeitsdienst in Bayern 1937. Diese Aufnahme fand in Julien Bryans Dokumentarfilm „Inside Nazi Germany“ Eingang.
Foto: BR / Spiegel TV | Arbeitsdienst in Bayern 1937. Diese Aufnahme fand in Julien Bryans Dokumentarfilm „Inside Nazi Germany“ Eingang.

Im Herbst 1937 reist ein amerikanischer Journalist und Dokumentarfilmer nach Deutschland. Julien Bryan erhält eine Sondergenehmigung, im Dritten Reich Filmaufnahmen zu machen. Obwohl er nur genehmigte Schauplätze filmen darf, gelingt es ihm immer wieder, auch den Machthabern unbequeme Szenen zu drehen. Mit ungewöhnlichen Motiven und Perspektiven schafft der amerikanische Filmemacher eine unvoreingenommene Darstellung, ein Gegenstück zum Propagandafilm Riefen-stahlscher Prägung.

Denn das Bild Nazi-Deutschlands wurde von Propagandafilmen geprägt, etwa den Wochenschauen und insbesondere auch von den Dokumentarfilmen, die Leni Riefenstahl im Auftrag des Nazi-Regimes über die Reichsparteitage in Nürnberg 1933 („Sieg des Glaubens“) und 1934 („Triumph des Willens“) drehte. Erweckt „Sieg des Glaubens“ noch den Eindruck einer Fingerübung, so stellt „Triumph des Willens“ einen Meilenstein in der Filmgeschichte dar. Riefenstahls Film entfaltete im Zusammenspiel von ungewöhnlichen Einstellungen, schnellen Schnitten und einer zum Bild hervorragend passenden Musik einen solchen Zauber, dass „Triumph des Willens“ stilbildend wurde. Riefenstahls Film beeinflusste nicht nur Spielfilme. So zitierte beispielsweise ihn George Lucas in der Schlussszene von „Krieg der Sterne“ („Star Wars“, 1977). Der Einfluss von „Triumph des Willens“ auf das Bild Nazi-Deutschlands im Ausland wird darüber hinaus etwa dadurch deutlich, dass Riefenstahls Film 1937 während der Weltausstellung eine Goldmedaille gewann. Darüber hinaus wurde er in mehreren Ländern, auch in den Vereinigten Staaten, mit Filmpreisen ausgezeichnet. Wegen ihrer hypnotischen Wirkung ist Riefenstahls Dokumentation über den Reichsparteitag 1934 bis heute als „Vorbehaltsfilm“ eingestuft: Er darf nur in Veranstaltungen mit fachkundiger Einführung und Diskussion gezeigt oder auf Antrag unter strengen Vorgaben gesichtet werden.

Dieses Bild wollte nun Julien Bryan mit seinen Aufnahmen zurechtrücken. Wenige Minuten von Bryans Filmmaterial fanden in eine am 20. Januar 1938 in New York uraufgeführte Dokumentation der Reihe „March of Time“ mit dem Titel „Inside Nazi Germany“ Eingang. Neben nachgestellten Szenen und Nazi-Propagandamaterial sind es aber Bryans Aufnahmen, die eine Kehrtwende in der amerikanischen Öffentlichkeit bewirkten. Das von Julien Bryan gedrehte und laut eigenen Angaben an der Zensur vorbeigeschmuggelte Filmmaterial wurde nun vom Filmemacher Michael Kloft ausgewertet und zusammen mit Cutterin Monika Finneisen neu zusammengefügt. Die dadurch entstandene Dokumentation „Innenansichten – Deutschland 1937“ verknüpft Julien Bryans Aufnahmen mit den Aufzeichnungen von einem von Bryan selbst Columbia University in New York City gehaltenen Vortrag sowie mit den Erlebnissen und Erfahrungen von nazikritischen Beobachtern wie dem afroamerikanischen Journalisten W.E.B. Dubois und des irischen Schriftstellers Samuel Beckett. Arte strahlt „Innenansichten – Deutschland 1937“ am Dienstagabend aus.

Gerade deshalb, weil sich Bryan als „naiven Dokumentarfilmer“ ausgibt, der mit seiner Kamera einfach Beobachtungen festhält, geben die hervorragend erhaltenen Aufnahmen ein ungeschminktes Bild Deutschlands im Jahre 1937 wieder. Diese Innenansicht kontrastiert mit dem offiziellen Bild von Nazi-Deutschland, das nach außen drang. Die „Normalität“, die nicht zuletzt die Olympischen Spiele 1936 vorgetäuscht hatten, bei denen sich Deutschland als friedliebendes, soziales und wirtschaftlich aufstrebendes Land ausgegeben hatte, täuschte viele Menschen im Ausland. In den Vereinigten Staaten gab es noch 1937 offenbar eine Mehrheit, die den Antisemitismus für antideutsche Propaganda hielt. Bryans Aufnahmen etwa eines Schildes „Juden sind hier unerwünscht“ müssten sie wachrütteln. Die Aufnahmen körperlicher Ertüchtigung beim Reichsarbeitsdienst und vor allem die überdimensionalen Aufmärsche und die Kriegsübungen sprechen eine im Ausland viel zu lange verdrängte Sprache: Hitlers Kriegspläne waren für den Dokumentarfilmer allzu offensichtlich. Auch wenn Bryan selbstverständlich nicht in Konzentrationslagern filmen durfte, ist die Bedrohung allgegenwärtig. Da jedoch manche Aufnahmen eher harmlos wirken könnten, legte Julien Bryan Wert auf deren Kommentierung, etwa im bereits erwähnten Vortrag an der Columbia University sowie in den Tagebuchaufzeichnungen, aus denen Michael Kloft ausgiebig zitiert. Darin wird etwa auch die Rolle der katholischen Kirche deutlich, die Bryan als „die letzte Bastion der Meinungsfreiheit in Deutschland“ bezeichnet. Zur Enzyklika „Mit brennender Sorge“, die am 21. März 1937 in den katholischen Gemeinden verlesen wurde, gibt der Film einen Kommentar des US-amerikanischen Botschafters wieder: Die Enzyklika sei „ein Protest gegen Hitlers Anstrengung, die katholische Kirche zu zerstören sowie ein Appell für religiöse Freiheit“.

Auf die Öffentlichkeit in den Vereinigten Staaten hatte Bryans Film deshalb eine tiefgreifende Wirkung, denn „auf eine höchst raffinierte Weise wird die tiefe Trostlosigkeit des nazi-deutschen Lebens herausgearbeitet“, so der zu dieser Zeit im amerikanischen Exil lebende Klaus Mann.

„Innenansichten – Deutschland 1937“. Dienstag, 14. August, 21.45 Uhr, Arte, 52 Minuten.

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