Überraschungsangriff mit Voltaire

Kronprinz Friedrich auf dem Weg zum König der Preußen – Der Historiker Johannes Bronisch zum 300. Geburtstag von Friedrich II. Von Alexander Riebel
Foto: IN | Kronprinz Friedrich um 1739, Gemälde von Antoine Pesne.
Foto: IN | Kronprinz Friedrich um 1739, Gemälde von Antoine Pesne.
Als Friedrich II. noch nicht König war, sondern Kronprinz, war er keineswegs so souverän wie später. Er scheint sogar Spielball seines Mentors Ernst Christoph von Manteuffel gewesen zu sein. Wie sah dieses Verhältnis zunächst aus?

Das Verhältnis zwischen Friedrich und dem wesentlich älteren, gebildeten und politisch sehr erfahrenen Graf Manteuffel war in der Tat ein Verhältnis zwischen Mentor und Schüler. Manteuffel war ein erfolgreicher Diplomat und ehemaliger polnisch-sächsischer Kabinettsminister am Ende seiner Laufbahn. Friedrichs Wirken stand hingegen erst noch aus. Ihre Gespräche bezogen sich vor allem auf Fragen der Philosophie, der Herrschaftsethik, der Geschichte und der Literatur.

Wie hat der junge Kronprinz Manteuffel kennengelernt?

Manteuffel ist in jenen 1730er Jahren ein Privatier, der seine Zeit als Minister am Hof König Augusts des Starken in Dresden hinter sich hat. In Berlin unterhält er einen kostspieligen Salon, in dem Aristokraten, Gelehrte, Journalisten und Verleger ein- und ausgehen. Manteuffel bleibt aber – ganz praktisch schon durch seine Pensionszahlungen – vom Dresdner Hof abhängig. Er wird auch von dort in der Phase des Polnischen Thronfolgestreits ab 1732 gezielt nach Berlin geschickt, um Einfluss auf die königliche Familie zu nehmen. Hier spielt der Kronprinz wegen des sich abzeichnenden nahen Todes seines Vaters König Friedrich Wilhelm I. bald eine immer größere Rolle. Manteuffel hat den Kontakt gezielt gesucht und aufgebaut.

Eine entscheidende Rolle für die Herausbildung des Weltbildes des jungen Friedrich spielte der deutsche Aufklärungsphilosoph Wolff, den Friedrichs Vater bei Todesstrafe aus Preußen verbannt hatte. Warum schätzte der Kronprinz diesen Lehrer Kants so sehr?

Es gibt da ganz verschiedene Phasen. Zuerst, in der Mitte der 1730er Jahre, steht Christian Wolff in den Augen Friedrichs für die Avantgarde der zeitgenössischen Philosophie, für das Moderne, die Aufklärung, die Vernunft, für den Kampf gegen Vorurteile. Der Vater hatte den Philosophen 1723 „bei Strafe des Stranges“ des Landes verwiesen. Wie das bei Verboten oft ist – das musste ihn geradezu zwangsläufig attraktiv machen. Manteuffel, ein Anhänger der Philosophie Wolffs, tat alles, um Friedrichs Interesse zu bestärken. Der Umschlag kam, als der Kronprinz Voltaire entdeckte und sein Vater gleichzeitig seine negativen Ansichten über Wolff revidierte. Man vergisst oft, dass die berühmte Rückholung Wolffs nach Preußen durch Friedrich nach seinem Herrschaftsantritt 1740 letztlich durchgeführt, eigentlich nur das Ende einer Entwicklung ist, die der Vater schon angestoßen hat. Das täuscht in gewisser Weise über die innerliche Distanz hinweg, die Friedrich 1740 schon längst gegenüber der Philosophie Wolffs eingenommen hatte. Später hat sich Friedrich nur noch am Rande für den Philosophen Wolff interessiert. Als dieser 1743 auf eine Audienz wartet, wird er nicht empfangen. Sein mehrbändiges Naturrecht, das Wolff dem König widmet, quittiert dieser trocken mit „recht schön, gelehrt und solide“, aber doch „etwas zu weitläufig und zu stark“. Im Rückblick fällt für Friedrich die deutsche Aufklärung der sogenannten Leibniz-Wolffschen Schule ganz klar gegenüber Voltaire und den Franzosen zurück.

Manteuffel und sein Kreis haben in der Aufklärung durch Voltaire erhebliche Gefahren gesehen. Sie hielten Wolff für einen gemäßigten Aufklärer, unter anderem weil er die Unsterblichkeit der Seele verteidigte. Warum war das für Manteuffel so wichtig?

Wir haben es hier mit einer ganz grundsätzlichen weltanschaulichen Auseinandersetzung zu tun. Aufklärung ist ganz offenbar nicht gleich Aufklärung. Sieht man sich die Quellen der Zeit genauer an, stellt man fest, dass sich die Denkströmungen im Umfeld Friedrichs in der Tat genau an der Frage der Unsterblichkeit der Seele trennten. Und dies hatte entscheidende politische Bedeutung. Es sind ja keine Theologen, die hier einen Disput führen, sondern Diplomaten und Politiker, die um Einfluss auf den künftigen Herrscher kämpfen. Es geht dabei nicht um die individuelle Frömmigkeit des Kronprinzen, sondern um den Mechanismus, der den absoluten, an weltliche Gesetze nicht gebundenen Herrscher, an das Naturrecht bindet. Dies kann natürlich nur funktionieren, wenn der Monarch als Person über den Tod hinaus sich einer Richterinstanz gegenübersieht, also überzeugt ist, gegenüber Gott sein Handeln rechtfertigen zu müssen. Ein solches Korrektiv ist in den Augen der Anhänger des Aufklärers Wolff unabdingbar – auch und gerade, weil sie die Idee des Gottesgnadentums nicht mehr vertreten. Das alles bricht aber weg, wenn die Seele nicht mehr unsterblich ist, sondern Seele und Körper letztlich nicht wesensverschieden sind und beide mit dem Tod enden. In dieser Position, die Friedrich wohl endgültig im Spätsommer 1736 eingenommen hat, sah man ein völlig unkalkulierbares Risiko für die zukünftige innere und äußere Politik. Das war ein Unsicherheitsfaktor, der selbst frühe Bewunderer des Kronprinzen sehr nachdenklich gestimmt hat. In einer Quelle wird auch berichtet, dass selbst jene frühen Anhänger und Bewunderer des Kronprinzen in den letzten Lebensjahren Friedrich Wilhelms für ein langes Leben des alten Soldatenkönigs gebetet hätten, um nicht in die Hände eines gottlosen Spötters auf dem Thron zu fallen.

Manteuffel hat letztlich seinen Kampf verloren und Friedrich wandte sich dann doch der radikalen Aufklärung Voltaires zu. Was genau war passiert, dass es doch zu diesem Umschwung kam?

Da gibt es eine ganze Reihe von Faktoren, die hier eine Rolle spielen. Erstens ist da die ausgesprochene Frankophilie des Kronprinzen. Voltaire, mit dem Friedrich ab 1736 korrespondierte, schrieb im elegantesten Französisch, stilgebend für seine ganze Epoche. Die Anhänger Wolffs mussten dessen Texte erst sehr mühsam ins Französische übersetzen, weil Friedrich des Lateinischen nicht mächtig war und deutsch nicht lesen wollte. Dieser Nachteil der Wolffianer um Manteuffel im Kampf um den „geistigen“ Zugang zum Kronprinzen konnte allenfalls durch die größere räumliche Nähe in Berlin und Potsdam ausgeglichen werden.

Zweitens allerdings büßen die metaphysischen Lehrsätze Wolffs, die mit dem dogmatischen Grundbestand des Christentum in Einklang standen und diesen stützten – wie eben vor allem die Lehre über die Unsterblichkeit der Seele – ihre Überzeugungskraft letztlich doch ein, wenn dem keine persönliche Frömmigkeit des jeweiligen Denkenden hinzukommt. Das war bei Friedrich wohl der Fall. Dass er offenbar schon als junger Mensch allen Formen „einfältiger“ Frömmigkeit fernstand, ist bekannt – ihm stand hierbei freilich auch nur die pietistisch-protestantisch geprägte Glaubenspraxis seines Vaters vor Augen.

Drittens verfolgte der Kreis um Manteuffel mehrere Ziele, die miteinander schließlich kollidierten. Es handelte sich um eine Art Verschwörung. Manteuffel war einerseits ein überzeugter Anhänger der Aufklärung Christian Wolffs, andererseits zugleich ein politischer Doppelagent, dessen Berichte an die Höfe in Dresden und Warschau, aber auch an die Wiener Hofburg gingen. Oft wurden sie geheimnisvoll chiffriert und mit eigenen Boten über die Grenze gebracht, während demonstrative unverfängliche Schreiben in die Post gegeben wurden. Die auswärtigen Höfe waren brennend an Nachrichten über den Charakter des künftigen Befehlshabers der hochgerüsteten preußischen Militärmacht interessiert. Alle Welt rätselte über die Maximen, nach denen Friedrich seine Politik ausrichten werde. Obwohl Manteuffel als politischer Spion sehr geschickt vorging, musste er sich früher oder später verdächtig machen. Immerhin wurde das Kammerpersonal am kronprinzlichen Hof bestochen und der Beichtvater der preußischen Königin gehörte ebenso zu seinen engen Vertrauten wie der Hofprediger in Rheinsberg.

Folgten daraus Konsequenzen für Manteuffel?

Das alles brachte Friedrich gleich nach seiner Thronbesteigung, vor dem Angriff auf Schlesien dazu, diese politisch schwer durchschaubare Figur Manteuffel aus Preußen auszuweisen. Friedrich hat das nur wenige Tage bevor er seine Truppen in Richtung Schlesien in Marsch setzte getan. Manteuffel hatte eine Woche Zeit, Preußen zu verlassen – nicht viel Zeit für einen umfänglichen Haushalt eines Reichsgrafen. Dass der König taktisch damit nicht falsch lag, sieht man aus den Briefen Manteuffels, der Friedrichs Beutezug gegen die habsburgische Provinz erstaunlich genau vorausahnte. Ein so scharfsinniger Beobachter, der zugleich die Interessen der nun feindlichen Höfe und die Maßstäbe des Naturrechts vertrat, konnte in dieser Situation in Berlin nur stören.

Schon Kronprinz Friedrich war gegenüber dem biblischen Offenbarungsglauben verschlossen, andererseits schützte er später als König Katholiken vor Angriffen. Wie könnte man diese Jeder-nach-seiner-Façon-Toleranz näher bestimmen? Wo liegen die Grundlagen?

Das ist eine Frage, auf die schon sehr verschiedene Antworten gegeben worden sind. Im Begriff der Toleranz steckt, so meinen wir heute meist, ein gewisses Wohlwollen gegenüber einer Situation faktischer Meinungspluralität und auch ein gewisses Interesse an der jeweils anderen Position. In diesem Sinne könnte man Friedrichs Position wohl eigentlich gar nicht als Toleranz bezeichnen; vielmehr dominiert bei ihm auch eine elitäre Verächtlichkeit, die alle Religionen tolerieren kann, weil er sie alle letzten Endes für Humbug hält. Das mischt diesem Pluspunkt, den man dem König immer zurechnet, doch einen etwas bitteren Beigeschmack bei.

Wie sehr hat sich Friedrich denn selbst mit dieser aufklärerischen Toleranz beschäftigt, oder hat er alle seine Informationen aus den Gesprächen mit Manteuffel oder Voltaire?

Friedrichs Toleranzidee entsteht immer im Rahmen praktisch-politischer Überlegungen. Die Toleranz, so wie sie praktiziert wird, ist ein Ergebnis von Nützlichkeitserwägungen.

Der junge Friedrich hat sich noch auf die naturrechtliche Prinzipien von Pufendorf und Wolff berufen. Hat Friedrich diese Ideen nicht eigentlich durch die Tat, den Angriff auf Schlesien, widerlegt?

Streng genommen schon. Üblicherweise wird mit Blick auf den sogenannten „Anti-Machiavell“ Friedrichs, der ja nur wenige Monate vor dem Angriff auf Schlesien erschien, eine erhebliche Widersprüchlichkeit, eine „Doppelnatur“ des Königs festgestellt. In der Tat hat dies die Zeitgenossen recht ratlos zurückgelassen. Man hat dann vom „Anti-Machiavellist der Theorie“ und dem „Machiavellist der Praxis“ gesprochen. Wenn man sich dieses Werk, das stellvertretend für Friedrichs naturrechtliche Position steht, indes genauer ansieht, bemerkt man gleichwohl schon, dass hier Lücken und Freiräume gelassen werden, die, wenn es dem höheren Wohl des Staates dient, auch Angriffskriege möglich machen. Wichtiger aber scheint mir: Das Wolffsche Verständnis des Naturrechts lässt sich, wenn es nicht zusammen mit seiner metaphysischen Verankerung gesehen wird, kaum begründen. Da Friedrich diese jedoch ablehnt, ist die darauf aufgebaute Herrschaftsethik nur ein Relikt, eine Konstruktion, die in der Luft hängt. Das mag erklären, dass Friedrich dies dann so schnell über Bord werfen kann.

Wie steht das politische Handeln des Königs zu dem, was er in seinem „Anti-Machiavell“ geschrieben hat?

Der „Anti-Machiavell“ ist eigentlich eine langweilige Schrift und wirkt eher wie so eine Fleißarbeit. Das kann auch daran liegen, dass Friedrich Machiavelli nicht so verstanden hat, wie wir ihn heute sehen würden. Es ist auf den ersten Blick eine relativ einseitige Gegenposition, die Punkt für Punkt aufgebaut wird – mit gewissen Ausnahmen, wie ich vorhin schon gesagt habe.

Wenn aber schon der „Anti-Machiavell“ Friedrichs in keinen völligen Gegensatz zum aggressiven, ruhmsüchtigen Bellizismus Friedrichs ab 1740 zu bringen ist, so noch weniger sein von Voltaire inspirierter antimetaphysischer Skeptizismus. Hier gilt vielmehr eine erstaunliche Widerspruchsfreiheit, die Zeitgenossen wie Manteuffel anhand des Unsterblichkeitsproblems sehr klar vorausgesehen hatten. Denn nun galt mit Blick auf Friedrich: Die Aufklärung erst ebnet dem Preußenkönig den Weg zum Angriffskrieg – zu einem Krieg, der nun eine reichs- oder naturrechtliche oder gar konfessionelle Begründung weder hatte noch brauchte.

Diesen Weg hatte die Schrift „Anti-Machiavell“ vorbereitet?

Es ist eigentlich ein Entwurf zu einer politischen Ethik. Alles zielt darauf ab, das Bild eines idealen Fürsten zu zeichnen. Es ist eine Schrift, die auf der politischen Ebene bleibt; es sind naturrechtliche Argumentationen, die dort geführt werden, aber, wie gesagt, unter Verzicht auf die Gesamtsystematik, auf die Begründung und Herleitung des Naturrechts, wie Wolff es eigentlich gemacht hatte. Friedrich verschafft sich über die Begründung, die Herkunft und Voraussetzung seines Herrschaftsideals in dieser Schrift keine Klarheit.

Sie hatten bereits angedeutet, dass der Toleranzgedanke bei Friedrich dadurch eigentlich aufgehoben ist, dass beim König Geist und Macht getrennte Wege gehen. Dient die Toleranz letztlich nur dazu, für Ruhe im Staat und damit für Friedrich zu sorgen?

Das neuzeitliche Toleranzdenken hat ja die wesentlichsten Impulse durch die Religionskriege erfahren. Insofern ist der Gedanke der Befriedung der Gesellschaft, das Entziehen des Gemeinwesens aus Konflikten, die unter gegebenen Umständen unlösbar bleiben müssen, etwas Naheliegendes. So auch bei Friedrich. Die Toleranzfrage drängt sich schon auf nach der Eroberung Schlesiens – ein bikonfessionelles, vielfach sehr stark katholisch geprägtes Gebiet und zugleich wirtschaftlich und strategisch von enormer Bedeutung für Preußen. Friedrich musste daran interessiert sein, dass gerade dort Konflikte, eben auch vor allem Konfessionskonflikte, nicht entstehen konnten.

Friedrich soll in den letzten Tagen seines Lebens doch wieder zum Glauben zurückgefunden haben – gibt es dafür Indizien?

Ich wüsste nicht, dass sich hier unstrittige Indizien finden ließen. Grundsätzlich aber kann man sagen, dass das harte Urteil mancher Zeitgenossen schon gegenüber dem Kronprinzen vor der Thronbesteigung, nämlich es würde mit ihm der Atheismus auf den Thron gelangen, doch zu weit gegriffen war. Der pure Atheismus, der später in der Geschichte mit den Enzyklopädisten und vor allem mit d'Holbach erst vehement auftritt, ist Friedrich – wie auch Voltaire – zuwider. Wie viele „gebildete“ Menschen der französischen Aufklärung ist Friedrich weitgehend ein klassischer Deist, der es sich bequem macht, indem er viele Probleme ausblendet. Deswegen stoßen diese Fragen nach dem, was er wirklich glaubte und meinte, rasch an eine Grenze, weil dort eben für einen Deisten gar kein sicheres systematisches Nachdenken möglich ist und deshalb auch nicht angestellt wird.

Johannes Bronisch ist Autor des Buchs „Der Kampf um Kronprinz Friedrich – Wollff gegen Voltaire“. Landt Verlag, Berlin 2011, 126 Seiten, EUR 19,90

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