„Tanzen ist generell meine große Leidenschaft“

Sechzig junge Europäer engagieren sich für das Jugendprojekt „RuhrNation“ der Ruhrfestspiele Recklinghausen

Sie ist ein „Kind der Städtepartnerschaften“: Die 21-jährige Amelie Kunder kommt aus Frankreich, aus Amiens – Partnerstadt von Dortmund. Ihre französische Mutter und ihr deutscher Vater hatten sich damals im Rahmen eines Austauschprogramms im Ruhrgebiet kennengelernt, zogen nach der Heirat gemeinsam nach Frankreich.

Und nun ist die Studentin ins „Revier“ gekommen, um zusammen mit 60 Jugendlichen aus anderen europäischen Partnerstädten beim Projekt „RuhrNation“ mitzuwirken – einem Jugendprojekt der Ruhrfestspiele Recklinghausen. Unter professioneller Anleitung sollen die Teilnehmer im Alter zwischen 15 und Anfang 20 über einen Zeitraum von zwei Jahren eine Bühnenshow entwickeln. Zu sehen sein wird diese Performance im Jahr 2010, wenn Essen als europäische Kulturhauptstadt und damit die gesamte Region im Mittelpunkt stehen.

Ein musikalisches Lebensgefühl

Unter anderem kommen die Teilnehmer beim Projekt „RuhrNation“ aus Tampere, finnische Partnerstadt von Essen, Kocevje, Partnerstadt von Oer-Erckenschwick in Slowenien, und dem polnischen Bytom, Partnerstadt von Recklinghausen. Auch Jugendliche aus dem Ruhrgebiet sind dabei. An diesem Nachmittag versammeln sich alle auf der Bühne im Theater Marl, um – am Ende eines einwöchigen Workshops – erste Proben ihres tänzerischen Könnens zu präsentieren.

Eine Woche harten Trainings liege hinter ihnen, berichtet Amelie Kunder: „Jeden Tag haben wir um neun Uhr angefangen und durchgeprobt bis halb eins. Dann Mittagessen, eine kurze Pause. Und um zwei Uhr ging es weiter – bis zum frühen Abend.“ Durchhaltevermögen war gefordert: „Wenn ich zwischendrin müde wurde“, so die französische Studentin, „musste ich trotzdem weitertrainieren, immer weiter – nur nicht aufgeben. Es war schon eine Menge Arbeit, aber wir hatten auch viel Spaß dabei.“ Unter Anleitung professioneller Künstler von der renommierten Zoo Nation Dance Company in London, die von den Ruhrfestspielen als Partner für dieses Projekt gewonnen werden konnte, erarbeiteten die 60 jungen Menschen erste Teile einer Bühnenshow – vor allem mit Elementen aus den Bereichen Hip Hop und Break dance.

Die Vorkenntnisse der Teilnehmer waren sehr unterschiedlich: Die Französin Amelie trainiert schon seit fast sechs Jahren Hip Hop: „Tanzen ist generell meine große Leidenschaft!“ Andere Jugendliche hatten noch niemals vorher getanzt, mussten sich alles vollkommen neu erarbeiten. Es gebe ein breites Spektrum an Befähigungen, stellt Tamra Lind, künstlerische Leiterin der Londoner Dance Company fest. „Unter den Teilnehmern haben wir eine Kerngruppe, die schon das Niveau hat, eine Show weiterzuentwickeln. Viele haben ein großes Potenzial, aber noch wenig Erfahrung, müssen sicher noch einige Trainingskurse und Workshops absolvieren, ehe sie den Stand der anderen erreichen.“

Positiv wertet Tamra Lind, dass wirklich alle von der Begeisterung für Tanz mitgerissen worden seien. „Musik verbindet junge Menschen. Das besondere Lebensgefühl, das sie beim Tanzen erfahren, die Freude an der Bewegung, am Rhythmus – das schafft auch ein Gefühl von Gemeinschaft. Jugendliche aus verschiedenen Ländern, mit unterschiedlichen Sprachen haben sich eine Woche lang intensiv mit Musik und Tanz beschäftigt. Und es ist großartig zu beobachten, wie sie in kurzer Zeit zusammengeschweißt worden sind. Da ist echte Kameradschaftlichkeit gewachsen.“ Musik führe Menschen zusammen, so Tamra Lind. „Musik und Tanz genügen als gemeinsame Sprache, damit wir uns verstehen.“

Dieses Gemeinschaftsgefühl wird auch deutlich spürbar bei der Präsentation im Theater Marl. In fünf verschiedenen Gruppen treten die Jugendlichen auf, setzen den harten Rhythmus der Hip Hop-Musik in teilweise akrobatische Bewegungsabläufe um. Es ist überraschend zu beobachten, welche Körperbeherrschung viele von ihnen schon vorweisen können. Während die eine Gruppe ihren Auftritt hat, wird sie von den anderen aus dem Zuschauerraum durch Händeklatschen und Zurufe angefeuert. Immer wieder Applaus, wenn es kurze Solonummern gibt, seien es gewagte Pirouetten oder Saltos – nicht der Hauch von Neid, von Rivalität. Mit diesem Jugendprojekt geht das traditionsreiche Theaterfestival ein Stück weit neue Wege, wie Alois Banneyer, Theaterpädagoge bei den Ruhrfestspielen, feststellt.

Der Titel „RuhrNation“ sei naheliegend gewesen: „Jeder weiß: Das Ruhrgebiet ist ein „melting pot“, wo eine ,neue Nation‘ entstanden ist – aus Menschen verschiedener nationaler und kultureller Herkunft. Und so sehen wir heute Nachmittag hier auf der Bühne unter den Teilnehmern aus dem Ruhrgebiet eine ganze Reihe mit dunkler Hautfarbe oder andere mit asiatischen Gesichtszügen, aber auch typisch ,deutsche‘ Jugendliche.“ Gleichzeitig seien Mädchen und Jungen aus europäischen Partnerstädten eingeladen worden: „Und damit verweisen wir auf die vielfältigen Verbindungen unserer Region innerhalb Europas, auf den Stellenwert, den das Ruhrgebiet im gesamteuropäischen Kontext besitzt.“ Das Projekt sei also geeignet, den internationalen, den europäischen Charakter der Ruhrfestspiele zu unterstreichen. Und gerade mit Blick auf das Jahr 2010, so Alois Banneyer, sei „RuhrNation“ ein passender Titel.

Es liegen noch zwei Jahre harter Arbeit vor den Teilnehmern des Projekts, ehe eine vollständige und „bühnenreife“ Show kreiert ist. In den kommenden Monaten werden sich Gruppen vor Ort in den verschiedenen Städten treffen und weitertrainieren. Für 2009 ist ein zweiter großer Workshop im Ruhrgebiet geplant. In der Zwischenzeit aber sollen die Kontakte nicht abreißen. „Die Adressen sind ausgetauscht“, sagt die Studentin Amelie aus Amiens. „Auf keinen Fall können wir einfach so auseinandergehen – das würde uns allen zu weh tun.“

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