Stürmischer Karneval

Damit hatten die Narren nicht gerechnet – ein Sturmtief mit dem Namen „Ruzica“ brachte die Rosenmontagsumzüge an manchen Orten vorzeitig zum Stoppen. Da, wo die Wagen rollten, versuchte man sich mit aktuellen Themen zu befassen. So etwas kann gelingen, es kann aber auch schiefgehen, wenn man die Grenzen des guten Geschmacks und den Kern des wahren Witzes nicht kennt. Von Burkhardt Gorissen
Foto: dpa | Das war's dann mit Rosenmontag. In manchen Städten, wie etwa hier in Düsseldorf, fiel der Umzug 2016 buchstäblich ins Wasser.
Foto: dpa | Das war's dann mit Rosenmontag. In manchen Städten, wie etwa hier in Düsseldorf, fiel der Umzug 2016 buchstäblich ins Wasser.

Der Karneval stammt aus dem Volk“, schrieb der Kölner Schriftsteller und Nobelpreisträger Heinrich Böll einmal. Er sei „klassenlos, so wie eine ansteckende Krankheit keine Klassenunterschiede kennt“. Und so wie auch ein Sturm kaum Unterschiede macht, könnte man nach dem Rosenmontag 2016 hinzufügen. Denn: Aufgrund schwerer Sturmwarnungen sagten eine ganze Reihe von Städten in Nordrhein-Westfalen die Rosenmontagszüge frühzeitig ab: Duisburg, Essen, Hagen verzichteten. Auch in der Karnevalshochburg Mainz entschied man sich bereits am Wochenende auf Abblasen. Es gebe einfach zu viele potenzielle Gefahren, sagte der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling. „Das ist mehr als schade, aber es ist nicht das Ende der Fröhlichkeit in Mainz.“ So wie natürlich auch in Düsseldorf, wo der Rosenmontagsumzug ebenfalls ins Regenwasser fiel, natürlich nicht das Ende der Fröhlichkeit verkündet wird. Schon einmal musste der Rosenmontagszug in Düsseldorf abgesagt werden. Am 26. Februar 1990 stoppten orkanartige Böen mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 120 Stundenkilometer die Narren. Der Düsseldorfer Rosenmontagszug wurde damals am 18. Mai bei strahlendem Sonnenschein nachgeholt. Das könnte auch in diesem Jahr möglich sein.

Nun muss man aus Gründen der meteorologischen Objektivität sagen, dass der Karneval 2016 in Deutschland auch ohne das Sturmtief „Ruzica“ (gesprochen: Ruschiza) und den dazugehörigen Starkregen samt Gewitter gute Chancen gehabt hätte, als stürmisches Fest in die Karnevals-Annalen einzugehen.

Nach den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten war klar, dass die Stimmung nicht ganz so unbeschwert sein würde und die tollen Tage für die Polizei und ihr Sicherheitskonzept zur Bewährungsprobe werden würden. In der Karnevalshochburg Köln, wo man dem Wetter trotzte, waren doppelt so viele Polizisten wie 2015 eingesetzt – mit der Order, konsequent gegen mögliche Straftäter vorzugehen. Kölns parteilose Oberbürgermeisterin Henriette Reker hatte dazu extra betont: „Alle sollen in Köln gefahrlos Karneval feiern können.“ Aber sie musste eingestehen, eine hundertprozentige Sicherheit könne niemand garantieren.

Dass das Thema Sicherheit und Terrorismus in diesem Jahr auch auf den Wagen eine Rolle spielt, konnte man bei den Umzügen sehen, die am Sonntag, als die Wetterbedingungen noch besser waren, über die Straßen gingen. Bei größtem Umzug im Norden im niedersächsischen Braunschweig setzten sich die Karnevalisten satirisch mit der Terrordrohung auseinander, die im vergangenen Jahr zur Absage des Zugs geführt hatte. Ein meterhohes Styropor-Gespenst mit der Aufschrift „Terror“ rollte durch die Innenstadt. „Zuhause zu bleiben, wäre ein falsches Signal“, sagte eine Zuschauerin.

Die Warnung der Einsatzkräfte, wegen der weiter bestehenden Terrorgefahr auf Kostüme mit Waffenimitaten zu verzichten, hat sich auf die Nachfrage in den Karnevalsgeschäften aber nicht ausgewirkt. Produkte wie eine Plastik-Kalaschnikow oder eine Cowboy-Pistole seien ähnlich gut verkauft worden wie in den vergangenen Jahren, ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei mehreren Händlern. „Die Leute kaufen ganz normal, auch echt aussehende Schusswaffen“, sagte Antonia Guerrero von „Karnevalswierts“ in Köln. Man habe sogar schon nachbestellen müssen. Nun kann man auf einem Karnevalswagen im Namen der Narren-, Rede- und Meinungsfreiheit natürlich alles mögliche thematisieren und es war klar, dass einige Karnevalisten in der Absicht, den Mächtigen den Spiegel vorzuhalten, nicht nur der Fifa, Volkswagen oder der Deutschen Bank ihre Aufmerksamkeit schenken würden, sondern auch höchst sensible Themen wie die Flüchtlingskrise, den Umgang mit dem Islam und das Erstarken des Extremismus in Deutschland zum Thema machen würden.

So sorgte etwa in Mainfranken ein vollverschleierter Narr mit einem Schild, auf dem geschrieben stand „Wörzborch, Alaahf!“, für einen auffälligen Beitrag zum Dialog der Religionen. Dabei ist der Würzburger Zug deutlich weniger politisch als Umzüge in anderen Regionen Deutschlands. Im Mittelpunkt des Zuges steht die Unterhaltung. Weshalb man das diesjährige Würzburger Motto „Faschingszug in Gefahr“ auch nicht auf terroristische Bedrohungen übertragen darf. Stattdessen wollten die Veranstalter auf die zunehmenden Schwierigkeiten bei der Finanzierung des Umzuges hinweisen – so wie es an einem der Wagen formuliert stand: „Mit Zusatzkosten und weiteren Auflagen müssen wir den Zug zu Grabe tragen“. Schluss mit lustig aufgrund leerer Kassen? Auch ein interessanter Gefahrenaspekt.

Überschattet wurden die vergnüglichen Feierlichkeiten aber von einem Zwischenfall im oberbayerischen Steinkirchen bei Pfaffenhofen. Bei dem dortigen Faschingsumzug am Sonntagnachmittag war ein als Panzer dekorierter Wagen mit den Aufschriften „Ilmtaler Asylabwehr“ und „Asylpaket III“ sowie einem schwarzen Kreuz zu sehen, wie ein Sprecher der Polizeiinspektion in Pfaffenhofen an der Ilm bestätigte. Die Behörden ermitteln nun wegen des Verdachts der Volksverhetzung. Auf der Seite des Vereins OCV Steinkirchen, der den Umzug organisiert hatte, hagelte es scharfe Kritik und heftige Vorwürfe. Der Verein betonte, es gebe keine rechtsradikalen Tendenzen unter den Mitgliedern. Auch Flüchtlinge seien integriert worden und beim Umzug mitgelaufen. Weiter wollte sich zunächst niemand zu dem Vorfall äußern. Der Verein kündigte aber eine offizielle Stellungnahme an. Die wird auch nötig sein, denn mag bei Karnevals- oder Faschingsumzügen auch die Kunstfreiheit eine Rolle spielen, ein Frei-Ticket für Hass und Volksverhetzung bedeutet das noch lange nicht. Auch Narrenfreiheit hat Grenzen – spätestens dann, wenn für eine derbe Narretei die Menschenwürde missachtet wird.

Auch in Thüringen, wo die fünfte Jahreszeit auch ohne Kölsch und Weißwurst zelebriert wird, wurden die Grenzen des guten Geschmacks nicht überall eingehalten. Die dortigen Karnevalisten hatten sich bei ihren Umzügen am Wochenende besonders die Bundesregierung und Angela Merkels Schaffens-Ethos vorgeknöpft – wogegen prinzipiell nichts zu sagen ist. Regierende sind stets ein beliebtes Ziel für den Spott und die Häme der Narren. Für Diskussionen sorgte aber ein Motivwagen beim Umzug in dem südthüringischen Städtchen Wasungen. Auf einer riesigen Lokomotive stand die Bezeichnung „Balkan Express“; die Lokomotive wurde von Narren begleitet, die als Heuschrecken verkleidet waren. Eine menschenverachtende Anspielung auf die vielen Flüchtlinge, welche Europa über die sogenannte Balkan-Route erreichen.

Der Präsident des Landesverbandes Thüringer Karnevalsvereine, Michael Danz, hält dieses Motiv für grenzwertig. Danz stößt sich vor allem an der Aufschrift „Die Plage kommt“ auf der Dampflok. „Wir werden uns das nun in aller Ruhe anschauen und mit der Zuggruppe sprechen, wie sie das gemeint hat“, sagte er am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur. Vielleicht könne ein Leitfaden für künftige Umzüge erstellt werden. Danz hatte in den vergangenen Wochen immer wieder darauf hingewiesen, dass die Narrenfreiheit auch Grenzen kenne – zum Beispiel wenn es um Hetze oder Ausländerfeindlichkeit gehe. Anlass zum Fremdschämen in dieser Hinsicht bot allerdings auch die legendäre ZDF-Karnevalssendung „Mainz wie es singt und lacht“, die am vergangenen Freitag zur besten Sendezeit am Abend ausgestrahlt wurde. Der Kabarettist Lars Reichow als Nachrichtenmann des „Fastnachts-Journals“ amüsierte sich zunächst über polnische Wähler, die an der Wahlurne zu viel Wodka getrunken hätten. Nur so sei der Wahlerfolg der nationalkonservativen Partei PiS erklärbar. Dann ging Reichow auf den PiS-Vorsitzenden Jaros³aw Kaczyñski ein, der ein eineiiger Zwilling sei. Sein Bruder („das andere Ei“) sei vor Jahren aus dem Nest auf den Boden gefallen.

Womit Reichow auf den früheren polnischen Präsidenten Lech Kaczynski anspielte, der 2010 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Der Kolumnist Hans-Martin Esser von der „Achse des Guten“ bringt Reichows Komikversuch angemessen auf den Punkt, wenn er dazu schreibt: „In so zynischer Weise über den Tod durch Flugzeugabsturz eines verstorbenen demokratisch gewählten Politikers zu reden, ist nicht nur widerwärtig, sondern tief verletzend.“ Aber zeigt sich an solchen Entgleisungen nicht auch, dass wir – Karneval hin, Sturm her – offenbar das Gefühl für das richtige Maß des Witzes und des Humors verloren haben? Dass der „Witz“ an sich beleidigende Abschattungen hat, ist nicht neu. Das wusste schon der Seelen- und Kulturanalytiker Sigmund Freud. Doch geistreich ist der Witz ja gerade dann, wenn er – so wie es die legendären Narren der Karnevalstradition eigentlich immer taten – die Borniertheit und Beschränktheit der Mächtigen, also der Starken, aufspießte. Wer Witze auf Kosten von Flüchtlingen macht, also eine der hilflosesten Menschengruppe schlechthin, die fern der Heimat um ihr Recht kämpft, oder auf Kosten eines anderen EU-Landes, das wirtschaftlich schwächer ist als die Bundesrepublik und aufgrund seiner spezifischen Geschichte eine traditionellere Einstellung zu Religion und Nation besitzt, jegliche Pietät vergisst, beweist damit eigentlich nur, dass er mit der christlichen Grundidee des Humors (und damit auch des Karnevals) nicht vertraut ist. Es geht bei der Einheit von Karneval und Christentum (Vgl. DT vom 7. Februar 2016, S. 12) nicht darum, zu hetzen oder zu diskriminieren, sondern die Macht dieser Welt mit spielerischem Ulk zu relativieren. Genau darin liegt die befreiende Wirkung, die Katharsis, dass das Publikum daran erinnert wird, dass der mächtige Wahnsinn dieser Welt nicht alles ist, nicht das letzte Wort hat und man somit all die irdischen Verrücktheiten nicht zu ernst nehmen sollte.

Verstoßen vielleicht deshalb manche Wagengestaltungen oder Narrenwitze gegen den guten Geschmack, weil den Ausübenden diese Dimension des Denkens und Glaubens verloren gegangen ist? Haben wir uns schon zu sehr an die abgestandenen Witzstandards professioneller Comedian-Lustigkeit gewöhnt? Erkennen wir deshalb nicht mehr die Differenz zwischen dem Lachen, das befreit, und dem Lachen, das bitter macht? Die Fastenzeit bietet eine gute Gelegenheit der kritischen Selbstprüfung und Besinnung. Was nicht heißen soll, dass man dabei völlig auf den Humor verzichtet. Inzwischen ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass eine humorvolle Lebenseinstellung ein gutes Ventil ist, um aufgestauten Stress abzubauen. Lachen ist die beste Medizin. Zu Risiken und Nebenwirkungen braucht man nicht einmal den Arzt oder Apotheker zu fragen. Und auch nicht den Meteorologen.

Mit Material von dpa

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