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Sehnsucht nach Altaussee

Der Ruf als einstige Künstler-Sommerfrische im Salzkammergut trägt noch immer.
Der österreichische Kurort Altaussee
Foto: Michael Kunze | Er ist zum Sehnsuchtsort für viele Künstler geworden: Der österreichische Kurort Altaussee.

Der Schriftsteller Raoul Auernheimer ist vergessen. Er indes war es, der das Bild von der weiten, dunklen Wasserfläche prägte, einem übergroßen Tintenfass gleich, in das die sommerfrischelnden Vertreter seiner Zunft von ihren Domizilen am Ufer aus ihre Federkiele tauchten. Später stellten sie, von Wien oder Salzburg oder aus dem Ausland zu Erholung oder konzentrierter Arbeit heraufziehend, in den vielfach herrschaftlichen Häusern mit reich verzierten Veranden ihre Schreibmaschinen auf, auf denen sie ihre Briefe, Feuilletons oder Romane tippten.

Kurort der Künstler

Als österreichischer Kurort der Künstler und Intellektuellen spielte mit Altaussee einst nur der Semmering in einer Liga. Viele waren hier. Das Gästebuch des für die Anfänge des Fremdenverkehrs wegweisenden „Hotel am See“ verzeichnet das Who is who des späten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: die Hermänner Bahr und Broch, Hofmannsthal, Emmerich Kálmán, Rudolf Kassner, Lehár, Schnitzler, Torberg, Jakob Wassermann. 1911 kam der Londoner Bürgermeister mit 60 Begleitern. Adel und Bürgertum machten dem Hochtal reihenweise ihre Aufwartung, nachdem der spätere deutsche Reichskanzler Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst 1858 erstmals zur Jagd an den See gereist war. Bald darauf erwarb er mit seiner Frau ein Haus, in das sie regelmäßig zurückkehrten. Der Komponist Johannes Brahms erlebte in der „Seevilla“ mehrere Uraufführungen seiner Werke. Adalbert Stifter kam ins Ausseer Land. Jakob Wassermann kaufte ein Haus. Broch traf, neben ihm und Torberg, hier Gina Kaus, Frank Thiess, Robert Neumann. Über Jahrzehnte hinweg ging es so dahin.

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Der Altausseer See, am Nordwestzipfel der Steiermark im Salzkammergut gelegen, von Bergen umzingelt, hat von seiner Anziehungskraft nichts eingebüßt, der wir heuer – Leid der einen, Freud‘ für andre – leicht auf die Spur kommen können. Denn ohne Schnee bleibt‘s ruhig auf den Pfaden. „Sonst sieht es hier in dieser Jahreszeit ganz anders aus“, sagt Marianne Goertz, Inhaberin des alten Hotel-Gasthofs „Villa Salis“ und Obfrau des Literaturmuseums. Mit Buchhändlerin Gudrun Suchanek, die ihren anspruchsvollen und für ein 1.860-Seelen-Dorf gewaltig großen, traumschönen Laden nur wenige Hundert Meter entfernt von der Wirtschaft unterhält, ist sie eine vorzügliche Gesprächspartnerin, um sich mit dem literarischen Erbe des Landstrichs vertraut zu machen.

Der Große, Unvergessene

Reisende haben den alten Ort, dessen Markt früh ins rund vier Kilometer südöstlich gelegene Aussee verlegt worden ist, in diesen Wochen nur wenige als Raststatt gewählt. Nur in den letzten Faschingstagen geht es zünftig zu, sind die Gaststätten voll, ziehen Kostümierte unter Blasmusik über die Straßen, tönt bis in die Nacht Gelächter aus dem Volkshaus, dem schräg gegenüber an der Hauptstraße im Kur- und Amtshaus 2005 das Literaturmuseum zugesellt wurde. Gegründet worden war es 1970. Nach der Jahrtausendwende von Schließung bedroht, zog es nach Intervention der am See aufgewachsenen Schriftstellerin Barbara Frischmuth hierher um. Die Altausseer pflegen ihr Erbe und das ihrer Gäste. Erst im Januar wurde das Museum nach gelungener Renovierung wiedereröffnet und erinnert nicht nur an die große Zeit der Literaten, sondern auch an den berühmten Hofnarren des sächsisch-polnischen Kurfürst-Königs Augusts des Starken, Joseph Fröhlich, der 1694 in Altaussee geboren wurde.

Dank der leider vergriffenen Broschüre „Via Artis“, fällt es uns leicht, die Künstlerhäuser im Ort anzusteuern. Wir begeben uns vom Kurhaus zum 2007 geschlossenen Café Fischer; es sind nur wenige Meter die Hauptstraße entlang. Am Gebäude zweigt ein Stich in Richtung See ab, an dem die „Villa Königsgarten“ steht. Beide Anwesen sind mit dem Schriftsteller, Kritiker und Publizisten Friedrich Torberg (1908-1979) verbunden. Für Joachim Kaiser war er „der [G]roße, [U]nvergessene“, für Marcel Reich-Ranicki „eine Wiener Institution, ein österreichisches Wunder“. Hier und in weiteren Häusern im Ort arbeitete Torberg, der konservative Meister der Polemik und Theaterkritik, über Jahrzehnte hinweg, wenn ihm Wien zu anstrengend wurde, nachdem er aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrt war. Im „Fischer“ nahm er seine Jause ein, wenn er während einer Schreibpause nicht beim nach wie vor im Bad Ausseer Kurhaus betriebenen Pendant „Lewandofsky“ Freunde traf. Von den Nationalsozialisten ob seiner jüdischen Herkunft ins Ausland gezwungen, schrieb er 1942 eines der schönsten Gedichte der deutschsprachigen Emigration, seine „Sehnsucht nach Altaussee“: „Gelten noch die alten Strecken?“, fragte er darin von Kalifornien aus. „Streben Gipfel noch zur Höh‘? / Ruht im bergumhegten Becken / noch der Altausseer See?“

Auch James Bond schaute bereits vorbei

Anders als die geschäftigeren Siedlungen um Traun- oder Attersee, das von Touristen oft überrannte Hallstatt oder Bad Ischl, ist Altaussee kein Durchgangsort. Nur ein Pfad führt um das Wasser zur „Seewiese“ vor der steilabfallenden Trisselwand, einem Ausläufer des Toten Gebirges. Auf der Landzunge, die sich davor in den See schiebt, türmt sich vor der Felswand, von Nadelbäumen überwachsen, Geröll auf, das in beinahe kanadisch anmutende Landschaft mit kleinen Tümpeln und Bächen ausfließt, an denen sich in Ufernähe, neben einem gewaltigen Gesteinsbrocken, eine Hütte erhebt, das Jagdhaus, 2015 Drehort für den James-Bond-Streifen „Spectre“.

Wir lassen uns nieder – und schauen in südwestlicher Richtung auf Altaussee am gegenüberliegenden Ufer und das sich dahinter erhebende Dachsteinmassiv mit seinem Gletscher. Es ist eine Kulisse, wie sie sich Adalbert Stifter hätte ausgedacht haben können, indes keine Postkartenidylle. Der Wind bläst stark; Schaumkronen tanzen über das unruhige Wasser unter bald regenwolkenverhangenem, bald strahlend blauem Himmel – die Stimmungen wechseln schnell. „Alles andere als lieblich, eher gravitätisch, dramatisch“ hat, wie wir finden: treffend, ein früherer Beobachter die Umstände beschrieben. Nähme der Mensch hier „gewisse ,Verschönerungen‘“ vor, schrieb Peter Rosegger 1876, es wären „Sünden gegen die Natur“.

Altaussee ist ein Abschluss, ein krönender

Trotz der unbeständigen Wetterlage füllen sich um Mittag die Wege mit Passanten. Wir befinden uns nun am Nordufer, unterhalb des 1 837 Meter hohen Hausberges Loser mit seinem wuchtigen Gipfel. Kaum erreichen wir die Ausläufer Altaussees, stoßen wir oberhalb des Weges auf die einstige Villa Jakob Wassermanns, die er, obgleich damals weithin mittellos, erwerben und zum Wohnsitz machen sollte. Nur wenige Schritte in Richtung Kirche, deren Inneres unter Kaiser Franz Joseph wenig glücklich im Stil der Zeit „modernisiert“ wurde, fügt sich auf gleicher Seite der Friedhof an, auf dem Wassermann wie andere namhafte Bürger, etwa Klaus Maria Brandauers Ehefrau Karin, begraben liegen. Der Schauspieler ist in Bad Aussee geboren worden, wuchs jedoch bei seinen Großeltern in Altaussee auf. Noch immer hat er ein Haus im Ort und bringt sich ins Kulturleben ein. „Auf zwei Dinge kann ich um nichts in der Welt verzichten“, hat er einmal gesagt, „auf meinen Heimatort Altaussee und auf die Bühne des Wiener Burgtheaters.“

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Anderthalb bis zweieinhalb Stunden muss aufbringen, je nach Schritttempo und Pausen, wer den See zu Fuß umrunden möchte. Wir wollten den Spaziergang am liebsten täglich wiederholen, trotz weiterer lohnender Ziele im Umland: der Grundl- oder der kleine Toplitzsee etwa, an dessen Ufer sich 1819 Erzherzog Johann und die Ausseer Postmeisterstochter Anna Plochl, spätere Gräfin von Meran, erstmals begegneten, um nach Überwindung des Widerstands bei Hofe zu heirateten. Geschichten wie im Märchen: Wer sie sich „erwandert“ und daraufhin an den Ufern stärken möchte, ziehe – ob geräuchert oder in Butter, Thymian, Knoblauch gebraten – die vorzüglichen Saiblinge in Erwägung.

„Wer nach Altaussee kommt, will nirgendshin als nach Altaussee und wollte er’s, so könnt‘ er‘s nicht“, bekannte Friedrich Torberg, „Altaussee ist ein Abschluss, ein krönender!“ Wir wüssten ihm nichts zu entgegnen. 

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