„Schreiben ist für mich, als ginge ich in einen dunklen Raum mit einer Kerze“

Sie schreibt aus der Sicht der Opfer von Mächtigen: Morgen feiert die peruanische Schriftstellerin Isabel Allende ihren 75. Geburtstag. Von Barbara Stühlmeyer
Foto: dpa | Die Schriftstellerin Isabel Allende bei der Frankfurter Buchmesse 2015.

Sie ist eine Weltbürgerin und ihre in 30 Sprachen und einer Auflage von 57 Millionen erscheinenden Bücher werden auf allen Kontinenten gelesen. Isabel Allende, die am 2. August 1942 als Tochter des chilenischen Diplomaten Tomás Allende in Lima in Peru geboren wurde, lernte schon früh, in verschiedenen inneren und äußeren Landschaften zuhause zu sein.

„Schreib, sonst wirst Du sterben“, sagte ihre Mutter

Sie lebte in Peru, Chile, Bolivien und weiteren lateinamerikanischen, europäischen und arabischen Hauptstädten. Die Autorin, deren Schreibprozess mit einem bemerkenswerten Ritual verknüpft ist – Allende beginnt jedes ihrer Bücher am 8. Januar – arbeitete zunächst als Journalistin für die Vereinten Nationen, für die sie unter anderem eine wöchentliche Fernsehsendung über die Weltkampagne gegen den Hunger moderierte und nach ihrer Rückkehr nach Chile, wo sie während der Herrschaft Salvador Allendes, eines Cousins ihres Vaters, lebte, für verschiedene Zeitschriften und Fernsehsender des Landes. Zwei Jahre nach dem Militärputsch und der Machtergreifung Augusto Pinochets verließ die engagierte Frauenrechtlerin ihre Heimat und lebte für einige Jahre im Exil in Venezuela, wo sie als Journalistin und Lehrerin arbeitete und später in den USA.

Ihr erstes, vor 35 Jahren erschienenes Buch, „Das Geisterhaus“, hat biografische Wurzeln. Denn als ihr Großvater, eine stabilisierende Gestalt in ihrem Leben, da Allende nach der Scheidung ihrer Eltern für mehrere Jahre bei ihren Großeltern lebte, 1981 im Alter von 99 Jahren starb, begann sie, ihm von ihrem Exil in Venezuela aus einen langen Brief zu schreiben, aus dem sich ihr Roman entwickelte. Die Familiensaga, die sie erzählt, ist zugleich Selbstvergewisserung und intimer Dialog mit einem geliebten Menschen, der, wie Allende berichtet, selbst ein begnadeter Geschichtenerzähler war. Dass die Autorin die Geschichte ihrer Vorfahren über vier Generationen hinweg lebendig werden lässt, ist eine Art Pilgerweg zurück zu ihren Wurzeln, dessen Notwendigkeit sie umso stärker empfand, als sie ihn aus politischen Gründen nicht in der sichtbaren Welt gehen konnte.

Allende ist keine Autorin, die den Plot ihrer Geschichten durchplant. Sie erlebt sie eher als in sich ruhende Samenkörner, von denen einige zu wachsen beginnen, andere nicht. Natürlich betreibt sie, wie jeder andere Autor, auch Recherchen, wenn sie an einem historischen Stoff arbeitet. Ihre Figuren aber lernt sie erst kennen, wenn der Schreibprozess beginnt. Das Arbeiten an einer Geschichte beschreibt die Schriftstellerin wie einen Blick auf eine Bühne, auf der sich das Geschehen Schritt für Schritt entfaltet. Sie selbst ist in diesem Szenario gewissermaßen die Chronistin, die die miterlebte Geschichte für andere aufzeichnet. Manche ihrer Stoffe sind wie „Das Geisterhaus“ eminent persönlich. Dies gilt auch für ihren Roman „Paula“, in dem sie die Geschichte ihrer an Porphyrie, einer Stoffwechselstörung leidenden Tochter Paula erzählt, die aufgrund einer Fehlbehandlung ins Koma fiel und der sie im Krankenhaus und später zu Hause die Geschichte ihrer Familie und ihres, Allendes, Herkunftslandes Chile erzählte, um sie ins Leben zurückzulocken und ihr Orientierung zu geben. Die Autorin berichtet, wie ihre eigene Mutter sie nach dem tragischen Tod Paulas dazu motivierte, ihre gemeinsame Geschichte zu erzählen und beschreibt die schmerzhafte, aber heilende Wirkung des Schreibprozesses. „Schreib, sonst wirst Du sterben“ hatte Allendes Mutter in der ihr eigenen, direkten und entschiedenen Art gesagt und tatsächlich empfand die Autorin ihre Auseinandersetzung mit dem Sterbeprozess ihrer Tochter als für sie lebensrettend.

Ihr Thema war der Machtmissbrauch

Alle ihre Werke entstehen in ihrem Studio, einem Gartenhaus, in das Allende sich nach ihrem morgendlichen aus Mediation und einem Spaziergang bestehenden Ritual zurückzieht. Zum Ambiente, in dem die auf eine Mischung aus kreativer Freiheit und Disziplin setzenden Autorin, täglich acht bis zehn Stunden schreibt, gehört das Anzünden von Kerzen, die gewissermaßen als Türöffner für das Eintreten in ihre Geschichten dienen und mit denen sie im übertragenen Sinn in die Ecken leuchten kann, um jene facetten- und farbenreichen Details in den Blick nehmen zu können, die ihre Erzählungen so lebendig machen. Sie dienen zugleich als Symbol für die Art und Weise, in der Allende sich ihren Figuren annähert, da sie keine fertigen Plots ausarbeitet und ihre Figuren ihr selbst als Schatten begegnen, die erst nach und nach Konturen erhalten und während des Schreibprozesses zu lebendigen Menschen werden. „Schreiben ist für mich, als ginge ich in einen dunklen Raum mit einer Kerze“

Auch formal lässt Allende ihrer Kreativität freien Lauf. Als sie mit dem Brief an ihren sterbenden Großvater begann, der dann zu ihrem Erfolgsroman „Das Geisterhaus“ wurde, war sie sich nicht sicher, ob es sich um einen Brief, eine Chronik, eine Erzählung oder einen Roman handeln würde, der da unter ihren Händen entstand. Selbst, nachdem sie 500 Seiten geschrieben hatte, war ihr nicht klar, mit welchem Etikett sie ihr Werk versehen sollte. Manchmal entwickeln sich Szenen in bereits fertigen Romanen zu eigenen Werken weiter. So recherchierte Allende für ihr Buch „Zorro“ über Piraten und kreierte dann später daraus Die Insel unter dem Meer, ein Roman, in dem sie tief in die Welt der Karibik eintaucht und auf dem historischen Hintergrund der Sklavenaufstände das Schicksal der Mulattin Zarité lebendig werden lässt. Auch in diesem Buch, für das sie vier Jahre lang recherchierte, weil die scheinbar demokratischen Lebensformen der Piraten sie faszinierten, finden sich biografische Spuren. Denn es geht hier, wie Allende einmal erzählte, im Kern um ein Thema, das sie als Chilenin ihr Leben lang beschäftigt hat, um Macht und Machtmissbrauch. Allende schreibt aus der Sicht der Opfer von Mächtigen, die die ihnen gesetzten Grenzen überschreiten und sieht es als ihren Auftrag an, die Stimme der Stimmlosen zu sein. Allende schreibt, weil es ihr gegeben ist, stellvertretend für jene, die diese Gabe nicht haben. Im Entstehungsprozess von Paula griff sie auf ihr am Krankenbett ihres Kindes entstandenes Tagebuch und die Briefe zurück, die sie ihrer Mutter geschrieben hatte und wurde so fähig, zunächst für sich selbst den Prozess der Krankheit und des Sterbens ihrer Tochter zu verstehen und zu verarbeiten und im Lesen ihres Romans anderen, von einem ähnlichen Schicksal Betroffenen, zu helfen, dasselbe zu tun. „Wenn man etwas benennt, so beginnt die Bibel“, sagt Allende, „– am Anfang war das Wort – dann wird es greifbar, dann wird es real. Indem man die richtigen Worte findet und beschreibt, was geschehen ist, wird das Leben verständlich.“

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