Royalist und Verteidiger kirchlicher Freiheit

Der französische Gesellschaftschronist Antoine de Rivarol in einer neuen Auswahl: Ein Erzwitzbold, der die Wahrheit kennt und auch ausspricht. Von Urs Buhlmann
Foto: IN | Der Dichter Antoine de Rivarol (1753–1801).
Foto: IN | Der Dichter Antoine de Rivarol (1753–1801).

Es gibt Literaten, die zu Lebzeiten den Rang nationaler Berühmtheiten haben, deren Werk in aller Munde ist, um nach dem Tod des Autors ziemlichem Vergessen anheimzufallen. Antoine de Rivarol (1753–1801), Schwadroneur und Snob, der sich als Gastwirtssohn aus Frankreichs Süden einen Adelstitel anmaßte, dessen blitzend-kluge, mit gelegentlich ätzender Bosheit versetzte Bonmots und Maximen aber auch heute noch gefallen können, fällt wohl unter diese Kategorie. In der ersten Phase der Revolution, deren Furchtbarkeit er in allen Folgen präzise erkannte und benannte, war sein Name in aller Munde. In seinem „Journal politique national“, später im „Discours sur l'homme intellectuell et moral“ hielt er dem „tugendhaften“ Robespierre und seinen Spieß- und Mordgesellen unbestechlich den Spiegel vor, zeigt sich als nüchterner Royalist und Verteidiger von Religion und kirchlicher Freiheit, ohne dabei so pathetisch zu argumentieren wie Chamfort. Noch gerade der unermüdlich arbeitenden Guillotine entkommen, stirbt er im ungeliebten Berlin 1801 mit gerade 47 Jahren.

In Deutschland hat ihn Ernst Jünger geschätzt

Aus dem umfangreichen Werk an Maximen und Porträts hat der als Kenner romanischen Denkens hervorgetretene Ulrich Kunzmann eine großzügige Auswahl getroffen und mit der nötigen Eleganz übersetzt, Johannes Willms, auch er ein renommierter Frankreich-Experte, hat ein einordnendes und abwägendes Nachwort beigesteuert. Der letzte bedeutende deutsche Anwalt Rivarols war übrigens Ernst Jünger, der 1956 bereits eine kleine Auslese der Sprachkunstwerke, mit einem kundigen Essay versehen, getroffen hat. Jünger betont das Überzeitliche der Gedankensplitter und Personen-Porträts des zunächst zur kirchlichen Laufbahn bestimmten Franzosen, der bei aller Spottlust und Frivolität total ernst sein konnte: „Erst das Herz gibt dem Menschen das rechte Maß.“

Rivarol wusste aber auch: „Was nicht klar ist, ist nicht französisch.“ Friedrich II. beeindruckte das so sehr, dass er ihn in die Berliner Akademie berief. Es ist wohl kein Zufall, dass Rivarol mit seinen sich an den Tagesaktualitäten entzündenden Gedankengängen in einer langen Reihe französischer Denker und Moralisten steht, die ihren Ahnherr wohl in Montaigne haben. Doch schont er seine Landsleute nicht und kennt ihre spezifischen Veranlagungen und Fehler nur zu genau.

Frankreich ist für ihn das Land, wo es „nützlich ist, seine Laster zu zeigen, und immer gefährlich, seine Tugenden zu zeigen“. Wenn Rivarol dennoch unbeirrt zu seinem Geburtsland hält, hat das viel mit Grammatik und Syntax der Muttersprache zu tun, denen der Schriftsteller seine lebenslange Aufmerksamkeit widmete: „Die französische Syntax lässt sich nicht verderben. Hieraus ergibt sich diese bewundernswerte Klarheit, diese ewige Grundlage unserer Sprache. (...) Was nicht klar ist, ist immer noch Englisch, Italienisch, Griechisch oder Latein.“ Für den ungeübten Leser aus deutschen Landen: Das ist nicht etwa Arroganz, Rivarol und alle Franzosen vor und nach ihm sehen es so. Insofern nimmt es nicht Wunder, dass des Schreibers Beziehung zu Deutschland keine herzliche war: „Europa lernte von den Deutschen, die deutsche Sprache zu vernachlässigen.“ Die Gelehrten und die führenden Kreise hätten lange lieber auf Latein parliert, was der Aus- und Durchbildung des Deutschen, das außerdem zu „hart“ in der Aussprache sei, sehr geschadet habe. Als Rivarol während des Exils in Hamburg eine witzige Bemerkung fallen ließ und gewahr wurde, wie sich alle mit roten Wangen bemühten, sie zu würdigen, meinte er zu einem französischen Freund: „Sehen Sie sich diese Deutschen an! Sie legen zusammen, um ein Bonmot zu verstehen.“ Ist das Bosheit oder ist es nur genaue Beobachtung?

Diese wendet Antoine Rivarol jedenfalls hoch und niedrig und insbesondere auch seinen Landsleuten ganz unparteiisch zu: Einem Bekannten, der sich rühmte: „Ich habe in meinem Leben nur eine einzige Bosheit begangen“, erwiderte er: „Wann hört sie auf?“ Über das Gesellschaftsleben, das ihn letztlich bekannt gemacht hatte, gab er sich selber keinerlei Illusionen hin: „Die Gesellschaft besteht aus zwei Klassen – jenen, die mehr Essen als Appetit haben und jenen, die mehr Appetit als Essen haben.“ Überhaupt gilt: „Man sagt, Geist sei etwas allgemein Verbreitetes – aber das ist ein Gerücht, das die Dummköpfe verbreiten.“ Auch gegenüber den Damen nahm der Südfranzose kein Blatt vor den Mund. Als man ihm von einer dicken Dame sagte, sie sei aus der Provinz, widersprach er: „Sagen Sie lieber, sie ist selber eine Provinz!“ Über ein junges Fräulein: „Sie lebt so ehrbar, wie es außerhalb der Ehe und des Zölibats möglich ist.“ Und zu einer alte Dame, die ihn kokett fragte: „Wie viele Jahre geben Sie mir?“ „Warum soll ich Ihnen welche geben, Madame, haben Sie nicht genug?“ In Paris kommt man mit derlei Sottisen durch und gilt noch als geistreicher Mann, während einer wie Rivarol für deutsche Ohren nur impertinent klingt. Doch war der in den Salons Glänzende mehr als ein witziger und gelegentlich boshafter Spötter. Er formulierte auch tiefere Wahrheiten, wie dem ihm gewidmeten Band gleichermaßen zu entnehmen ist. „Gerade die Mittel, die einen Menschen befähigen, ein Vermögen zu erwerben, hindern ihn daran, es zu genießen“ – die Gültigkeit dieses Diktums konnte er sicher öfters beobachten. „Je geringer der Abstand zwischen zwei Menschen ist, desto eifriger sind sie darauf bedacht, ihn hervorzuheben“ – auch das ist einfach wahr. Den Satz „Das schlechteste Rad macht den größten Lärm“ hob Ernst Jünger als besonders gelungen hervor.

Rivarol trat auch als Verfasser von Kurzporträts vieler handelnder Personen der Revolutionszeit hervor, die nicht nur die gewohnte Spitze verrieten – als Madame de Stael ihn fragte, wie er über ihr Buch denke, antwortete er: „Ich mache es wie Sie, Madame, ich denke nicht“, über Mirabeau: „Für Geld ist Mirabeau zu allem fähig, selbst zu einer guten Tat“ – sondern scharfsinnig die handelnde Motivation hinter den häufig verwirrenden Schachzügen der Protagonisten einer turbulenten Zeit erkannte. So verteidigt er Marie Antoinette gegen ungerechte Kritik und entlarvt den lange hochgelobten Finanzpolitiker Necker als Scharlatan. Über Zarin Katharina: „Der einzige große Mann, den es heute, seit dem Tod Friedrichs II., in Europa gibt, ist die außerordentliche Frau, die Russland regiert.“

Montesquieu, der Staatstheoretiker, wird von Rivarol mit guten Argumenten kritisiert (aber doch geschätzt). Vor allem aber ließ sich der selbsternannte Graf nicht von der Rhetorik, nicht von den Demokratie- und Gleichheitsreden der Revolutionäre blenden.

„Der Ungläubige täuscht sich über das Jenseits“

Er glaubte ihnen von Anfang an nicht, während manche seiner Zeitgenossen noch einige Hekatomben an Opfern abwarten mussten, um zur gleichen Erkenntnis zu kommen. Empört und in Großbuchstaben schreit er den Berufsrevoluzzern zu: „Hundert Neros hätten in zehn Jahrhunderten weniger Verbrechen begangen“. Der häufig ideell infizierten Priesterschaft seines Landes wirft er wiederholt vor: „Warum haben sie uns nicht das Gegenmittel angeboten?“ Die Einsicht kam zu spät, schon 1789 hatte Rivarol gewusst: „Die Laster des Hofes haben die Revolution eingeleitet, die Laster des Volkes werden sie vollenden“. Die mit dem Zuckerguss präziser Sprachbeherrschung versehenen Aussprüche Rivarols enthalten oft eine bittere Medizin, deretwegen sie auch heute noch Beachtung verdienen: „Der Ungläubige täuscht sich über das Jenseits. Der Gläubige täuscht sich oft über das Diesseits.“

Antoine Rivarol war unter der Maske des Witzboldes der Tacitus seiner Epoche. Er schreibt über die Verfassung seiner Zeit und über die Verfassungen, die in den wechselnden Zeitläufen so kurzlebig waren wie oft genug Lauf- und Lebensbahn ihrer Verfasser. Er schreibt über den Menschen, wie er war und wie er ist. Deswegen, und nicht nur aus Gründen des Amüsements, lohnt sich die Lektüre Rivarols. Er ist wiederzuentdecken.

Antoine de Rivarol: Vom Menschen. Herausgegeben und übersetzt von Ulrich Kunzmann, Nachwort von Johannes Willms. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2012, 498 Seiten ISBN 978-3- 88221-740-7, EUR 39,90

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