Rotzlöffelkino

Die Verächter der Religion formieren sich. Ob es die Gebildetsten sind, die da gegenwärtig die Religion aufs Korn nehmen, sei dahingestellt. Auffällig aber ist: Einer Duldung weicht die aggressive Konfrontation. Den Atheisten reicht's. Egal ob in den USA oder in Deutschland: Spätestens seit den Bestsellern von Richard Dawkins und Christopher Hitchens fühlt sich der organisierte Atheismus intellektuell gerechtfertigt und dringt mit Macht in die Öffentlichkeit. Die Auseinandersetzung um Pro Reli in Berlin hat die politische Willenskraft, die sich vor allem im dortigen „Humanistischen Verband“ bündelt, eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Die Strategie ist klar: Konfessionslose – im Jargon Konfessionsfreie – wollen als relevante weltanschauliche Gruppe wahrgenommen werden – und damit ihren gesellschaftlichen Einfluss vergrößern. Die intellektuellen Versatzstücke des neuen Glaubens an den Unglauben, sein Credo sozusagen, sind denkbar einfach. Busse in London, Washington und Madrid fahren sie jetzt sogar spazieren: „Es gibt (wahrscheinlich) keinen Gott. Hör auf, dich zu sorgen, und genieße dein Leben.“ Hinter diesem intellektuellen Minimalkonsens soll die ansonsten eher komplexe Wirklichkeit der heutigen A-Religiosität zu einem scheinbar homogenen Weltanschauungsverband umgeschmiedet werden. Auch eigene Feiertage will der neue (Un-)Glaube. So hat die Giordano-Bruno-Stiftung jüngst gefordert, Christi Himmelfahrt zum Darwin-Gedenktag umzuwidmen.

Kurz: Der Unglaube wird sichtbar. Jüngstes Produkt dieser ästhetischen Offensive ist der Film „Religulous“, der seit diesem Monat in den deutschen Kinos läuft. Als „eine göttliche Dokumödie von Borat-Regisseur Larry Charles“ wird er beworben.

Die Struktur des Streifens ist einfach. Bill Maher, ein erfolgreicher US-Komiker, macht sich auf, den Religionskosmos zu erkunden. Und tatsächlich wirkt er dabei wie ein Außerirdischer, abgeschossen aus einer anderen Galaxie. Ungläubiges Staunen steht ihm ins Gesicht geschrieben. Nicht, dass er den Gläubigen all der Religionen, Konfessionen und Sekten, denen er begegnet, immer Unrecht täte: Sie machen sich selbst schon nach Kräften lächerlich. Der Witz liegt in der Selbstentlarvung. Eine amerikanische Christin etwa glaubt, am Ende der Zeiten auf einem weißen Ross vom Himmel herabzufahren. Zu kurios ist, was da im Tiergarten der Religion alles kreucht und fleucht.

Erbärmlich ist vielmehr das intellektuelle Niveau, das Maher dem entgegensetzt. Ein Beispiel: Den ethischen Wert der Zehn Gebote Gottes versucht er durch den Hinweis zu entkräften, dass dort von Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und Folter nicht die Rede sei. Zudem geht ihm jegliches Gespür für das ab, was Religion überhaupt ist. Religion wird zur Freakshow. Ausnahmslos jedes Phänomen der vor allem amerikanischen Glaubenswelt wird über einen Leisten geschlagen. Amerikanische Freikirchen stehen da neben ultraorthodoxen Rabbinern, die den Holocaust leugnen. Kreationisten dürfen in ihrem Bibelpark beweisen, warum es eine Zeit gab, in der Mensch und Dinosaurier friedlich zusammenlebten. Aber ist Religion gleich Religion?

Allein es bleibt nicht beim Gang durchs religiöse Kuriositätenkabinett. Maher und Co. wollen mit ihrem Film vielmehr einen pädagogischen Imperativ illustrativ untermauern: „Werdet erwachsen – oder geht unter.“ „Religulous“ hat also mit dem Überleben der Menschheit zu tun. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der Mensch wird nicht leben können, ehe nicht die Religion gestorben ist.

Was stört, ist die mit pubertärer Freude vorgetragene Rotzlöffelattitüde des Besserwissens. Sie verbirgt sich hinter dem Zweifel als einer angeblich allein wirklichkeitsgemäßen Haltung. In Wahrheit aber wird hier Rationalismus der dumpfesten Art präsentiert. Ich glaube nur, was ich sehe. Die aufgeklärte Masse in den Kinos wird sich in ihren grobschlächtigen Vorurteilen durch diesen falschen Wissensbegriff bestätigt sehen. Dem Phänomen Religion, von der Wirklichkeit einmal ganz abgesehen, wird man dadurch nicht gerecht.

Irgendwann will's Billy aber dann doch wissen. Warum sind ansonsten durchaus vernünftige Zeitgenossen partout nicht von ihren Fabeln zu kurieren? Die Antwort: Sie sind verrückt. Im Gespräch mit einem „Neurotheologen“, der Religion und Glaube durch Hirnphänomene für umfassend erklärbar hält, geht er der Sache auf dem Grund. Maher: „Selbst wenn eine Milliarde Menschen daran glauben, kann es immer noch lächerlich sein?“ Der Neurotheologe: „Absolut. Was verrückt ist oder nicht an der Religion, hängt letztlich davon ab, wie wir verrückt definieren.“

„Religulous“: Das ist ein eher müder Film, in dem der religiöse Fundamentalismus der Befragten auf den vulgärszientistischen des Fragestellers trifft. Gut meinen es womöglich beide. Geholfen ist damit aber niemandem. Keine Frage, im Namen der Religion sind Ströme von Blut vergossen worden. Und oft haben Gläubige – christliche eingeschlossen –, ein hohes Lehrgeld zahlen müssen, um Pluralismus aushalten zu können. Ob die atheistische Alternative unbedingt friedvoller daherkommt sei dahingestellt. Bill Donohue, streitbarer Präsident der „Catholic League“ in New York, der größten katholischen Bürgerrechtsvereinigung in den USA, hat es auf den Punkt gebracht. „Maher's Argument, dass Religion tötet, sieht schwach aus angesichts der Tatsache, dass das 20. Jahrhundert das gewalttätigste in der Geschichte war. Hat er nicht bemerkt, dass Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot ausdrücklich atheistisch und anti-religiös waren? Der Katholizismus jedenfalls wird Religulous überleben.“ Kein Zweifel. Trotzdem schad' ums Geld.

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer