Rettung der Religion durch die Kunst

Richard Wagner und die Religion – Zu einer aufschlussreichen Tagung der Katholischen Akademie in Bayern in Bayreuth zum Wagner-Jahr 2013. Von Werner Häußner
Foto: dpa | Ein bisschen Christentum, ein bisschen Buddhismus – so entstand der synkretistische Musikmix Richard Wagners.
Foto: dpa | Ein bisschen Christentum, ein bisschen Buddhismus – so entstand der synkretistische Musikmix Richard Wagners.

Bayreuth (DT) „Erlösung dem Erlöser!“ Am Ende von Richard Wagners „Parsifal“ öffnet sich der Klangraum. Das Auf und Ab der Figurationen schafft eine mystische Atmosphäre. Die Melodie scheint nach oben zu entschwinden. Und es erklingen die Worte, die ein Rätsel aufgeben, seit sie 1882 zum ersten Mal über den mystischen Abgrund die Zuhörer erreicht hatten. Die Frage nach dem Religiösen in Richard Wagners Werk macht sich stets zuallererst am „Parsifal“ fest, obwohl keine der 13 Opern Wagners – mit Ausnahme der „Meistersinger“ und des „Liebesverbots“ – auf einen transzendenten Bezug verzichtet.

So nahm der „Parsifal“ und seine Deutung auch in der Bayreuther Tagung zu „Richard Wagner und die Religion“ eine zentrale Stelle ein. Die Katholische Akademie in Bayern hatte gemeinsam mit der Katholischen Erwachsenenbildung in Stadt und Landkreis Bayreuth die Tagung unter das Motto „Die Bühne als Altar?“ gestellt. Ein wichtiger Beitrag zum Wagner-Jahr 2013, denn das Religiöse im Werk des Wahl-Bayreuthers spielt erst in jüngeren Inszenierungen wieder eine Rolle.

War der Transzendenzbezug bis in die 1970er Jahre konventionell vorausgesetzt und traditionalistisch erstarrt, versuchten viele Regisseure der neuen Generation, an den religiösen Bezügen vorbei andere Aspekte hervorzuheben oder die transzendentale Dimension zu negieren – wie etwa Harry Kupfer in seinem Bayreuther „Fliegenden Holländer“ von 1985. Andererseits gibt es Deutungen, die sich mit dem Religiösen kritisch auseinandersetzen (Peter Konwitschnys bedeutender Münchner „Parsifal“ etwa) oder einen neuen, unbefangenen Zugang finden – beispielhaft Christoph Schlingensiefs „Parsifal“ in Bayreuth. Die unterschiedlichen Sichtweisen auf den „Parsifal“ – abgesehen davon, dass ein Kunstwerk immer offen auf seine Rezeption hin ist – sind auch durch Wagners eigene Ambivalenz bedingt: Aus seinem riesigen Schriftwerk lassen sich für die eine wie die andere Position Belege zitieren, und zwischen dem Wagner der revolutionären Dresdner Zeit, dem Wagner der Feuerbach-Lektüre oder dem Wagner der Buddhismus-Rezeption gibt es markante weltanschauliche Differenzen.

In den durchweg hochrangigen Beiträgen der Bayreuther Tagung wurde deutlich, aus welch unterschiedlichen Perspektiven man sich Wagners Werk nähern kann – und sich dabei stets auf Wagner berufen kann. Die Musikwissenschaftlerin Ulrike Kienzle sieht im „Parsifal“ durchaus die buddhistischen Elemente: das Leid der Wiedergeburten, repräsentiert durch Kundry; die Enthüllung des Grals als tiefe Meditationserfahrung; das Leben Parsifals als buddhistischen Weg der Erleuchtung und Selbstvollendung.

Aber Kienzle hält die christlichen Elemente im „Parsifal“ für stärker: Bewusst habe Wagner aus den unterschiedlichen Gralsvorstellungen diejenige der Schale gewählt, die Jesus beim Abendmahl verwendet und in der Joseph von Arimathäa das Blut Jesu bei der Kreuzigung aufgefangen habe. In dem Sehnen nach der „Entsündigung der Natur“ sieht Kienzle einen Reflex auf den Römerbrief. Wagner zitiere liturgische Urformen in der Grals-Liturgie, die er – aus dem kirchlichen Kontext gelöst – als Zeichen für eine neue spirituelle Erfahrung einsetzt. „Im Zentrum“, so die These Kienzles, „steht der leidende Christus.“ Vor allem in der Musik zeige sich das, etwa in der Verwendung des „Abendmahlsmotivs“ in der Gralsszene. Parsifal erneuere die Erlösungstat Jesu, werde zum Erlöser der Welt und erlöse den Erlöser aus „schuldbefleckten Händen“. Kienzle sieht im „Parsifal“ eine Synthese christlicher und indischer religiöser Elemente. Ist der „Parsifal“ also ein christliches Musikdrama? „Nein, wenn man die Bestätigung kirchlicher Dogmatik sucht. Ja, wenn man die verschlungenen Wege der mittelalterlichen Mystik, das Christentum ohne Gott Schopenhauers, die buddhistische Mitleidsethik und die mystischen Impulse eines Meister Eckhart ernst nimmt.“ Wagner versuche, „aus der Idee eines neuen Christentums eine neue Transzendenz zu initiieren.“

Peter Steinacker, bis 2008 Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, ausgewiesener Wagner-Kenner und Verfasser eines Buches über „Richard Wagner und die Religion“ setzt den Schwerpunkt anders: Er stellte das Konzept der Rettung der Religion durch die Kunst, das Wagner entwickelt hat, ins Zentrum seiner „Parsifal“-Betrachtung. Zugespitzt gesagt: Die auch durch das Christentum korrumpierte Gesellschaft sei nur zu regenerieren auf dem Boden einer wahren Religion. Die Möglichkeit, Erlösung aus der Verfallenheit der Welt zu erreichen, sehe Wagner in der Anteilnahme am „Parsifal“. So sei das Bühnenweihfestspiel in Bayreuth der „Kult der neuen Religion“. Steinacker: „Auch wir sollen, wie Parsifal, welthellsichtig werden.“

Jürgen Mohn, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Basel, stieg in seinem Vortrag „Religion im Werden“ tief in das Religionsverständnis und die Buddhismus-Rezeption bei Wagner ein. Er bezog sich vor allem auf Wagners wenig gelesenes Hauptwerk „Religion und Kunst“ aus dem Jahr 1880. In Wagners Religionsverständnis sieht Mohn eine Aneignung buddhistischer Positionen in christlicher Sprache. „Wagners Zugang zum Buddhismus ist entscheidend für sein Religionsverständnis“, fasst Mohn zusammen. Seine Argumente: Wagner sehe Religion vornehmlich als Erlösung aus einer leidvollen Welt. Er lehne einen personalen Schöpfergott ab. Das Göttliche sei für ihn vor allem ein Bild der Erlösung. In diesem eher soteriologischen als theistischen Verständnis sei Wagner dem Buddhismus näher als dem Christentum. Daraus habe Wagner, angeregt durch Friedrich Schiller und geprägt von Arthur Schopenhauer, seine Theorien von der Kunst als „Regeneration“ und Erkenntnisfunktion und seinen entwicklungsgeschichtlichen Gedanken von der „Religion im Werden“ gewonnen. Die tiefste Grundlage jeder wahren Religion sieht Wagner in der „Hinfälligkeit der Welt“ – nach Mohn ein implizit buddhistisches Konzept, das Wagner jedoch in allen Religionen am Werke sieht.

Eng mit der Buddhismus-Rezeption bei Wagner sei die Erfindung seines Religionskonzepts verbunden: Wagner gehe aus von der Diskrepanz zwischen der christlichen Religion und ihren – von ihm oft heftig kritisierten – Erscheinungen. Er spreche der Kunst eine wesentliche Erkenntnisfunktion zu: Sein Konzept von Kunst sehe sie als Regeneration der „Religion im Werden“. Der Künstler als Schöpfer und Erfinder der Bilder und Symbole leite auf den „wahren Kern“ der Religion hin, auf die „unaussprechliche göttliche Wahrheit“.

So rette die Kunst den Kern der Religion, der in den dogmatischen Festlegungen und der gesellschaftlichen Korrumpiertheit etwa eines „künstlich“ gewordenen Christentums verdeckt und verloren sei. Die „Priester“ haben, folge man Wagner, ein „Darstellungsproblem“: Mit ihrer Dogmatik und ihrem Anspruch auf Glauben führten sie am wahren Kern der Religion vorbei. Die Kunst überwinde die Dogmen – und vor allem die Tonkunst, so Wagner, erfasse das innerste Wesen der christlichen Religion. Denn die Musik, gänzlich vom Begriff gelöst, stehe unmittelbar zum göttlichen Gehalt und sei daher welterlösend.

In der „Erlösung dem Erlöser“ im „Parsifal“ sieht Mohn ein ausgesprochen buddhistisches Konzept, vermittelt durch Schopenhauer: Die Negation des Willens alleine erlöse nicht vom Leiden, da sie selbst wiederum vom Willen zur Negation bestimmt sei. Erst die Verneinung der Verneinung des Willens bringe dem Erlöser selbst die Erlösung.

Dass man den Schluss der „Parsifal“ buddhistisch oder christlich lesen könne, meint auch Ulrich Berner, Religionswissenschaftler an der Universität Bayreuth. Berner machte auf einen vernachlässigten Aspekt der Wagner-Rezeption aufmerksam: Ausgehend von der Darwin-Lektüre Wagners kam er auf die Antikenrezeption zu sprechen, die er vor allem am Interesse Wagners für Plutarch erläuterte. Der Philosoph, um 45 nach Christus in Chaironeia geboren, wurde später in die Nähe christlichen Gedankenguts gerückt, obwohl er die Christen in seinem Werk nicht erwähnt. Plutarch hatte Atheismus und Unglauben kritisiert – vor allem eine falsche Vorstellung vom Göttlichen, die er auch dem Judentum unterstellte.

Wagners antijüdische Haltung und seine Kritik am Juden- wie am Christentum sei auch auf eine selektive Lektüre des Alten Testaments zurückzuführen: Wagner habe den „Judengott“, der Krieg und Gewalt fordere, für die „verfehlte Entwicklung des Christentums“ verantwortlich gemacht, das zur Begründung von Machtpolitik und militärischen Operationen herangezogen werde. In Wagners Jesus-Drama – einem Entwurf aus dem Jahr 1848 – ist Jesus nach Berners Worten kein Revolutionär, sondern ein „Wissender, der den wahren Zusammenhang der Welt kennt“: ein Konzept, das buddhistisch, aber auch von Meister Eckhard beeinflusst ist. Wagners Synkretismus sei – so jedenfalls Ulrike Kienzle – ein nicht zu unterschätzender Beitrag zum heute geführten Dialog der Religionen.

Sein Verhältnis zur Kirche blieb ambivalent

Die Tagung der Katholischen Akademie hat einen profunden Beitrag zur längst nicht abgeschlossenen Debatte um das Religiöse in Wagners Werk und um Wagners eigene Religiosität geleistet. Denn auch bei seinen persönlichen Überzeugungen zeigen sich ambivalente Züge: Spott und Kritik vor allem an der Katholischen Kirche, aber auch Kontakt mit Geistlichen. Ablehnung kirchlicher Lehren, aber auch intensive Lektüre und Reflexion der Bibel. Und ob die Taufe seiner Kinder oder die Teilnahme an kirchlichen Riten nur einer äußeren Anpassung entsprangen oder nicht, wird vornehmlich aus der jeweiligen ideologischen Position der Betrachter entschieden.

Was im vorgegebenen Rahmen nicht zu leisten war, aber jenseits historischer Forschungen dringend erwünscht wäre: Wagner hat viele zeitbedingte Erscheinungen des Christentums kritisiert. Er hat sich ideologisch auf überholte Positionen wie die von Ludwig Feuerbach („Das Wesen des Christentums“) gestützt. Spannend wäre, Wagners Positionen einmal von der Einkleidung in die weltanschaulichen Kämpfe und Bedingtheiten des 19. Jahrhunderts zu lösen. Und sie auf die Frage hin zu untersuchen, was Wagner denn vom Kern des Christentums, wie es einem modernen Verständnis entspricht, erfasst habe. Vielleicht würde sich zeigen, dass er hellsichtiger kritisiert und Forderungen gestellt hat, als der Rekurs auf alte ideologische Fronten zu erweisen in der Lage ist.

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