Rehabilitation des Seelenheils

Die Sorge um das eigene Seelenheil ist eine hoffnungslos veraltete theologische Kategorie. Mehr noch: Sie ist in der katholischen Kirche verdächtig geworden. Individueller und kollektiver Heilsegoismus wird ihr unterstellt. In der Welt dagegen feiert das Wort unbefangen profane Urständ. Dabei könnte eine Wiederaneignung dieses Begriffes über Sokrates, Paulus und auch Luther das hiesige Christentum durchaus aus seiner Lähmung führen. Von Johannes Seibel
Foto: dpa | Wie wenig noch vom existenziellen Ernst des Wortes Seelenheil in unserer Gesellschaft präsent ist, dokumentiert die Bildunterschrift, die die Nachrichtenagentur dpa für dieses Bild aus dem Jahre 1999 gewählt hat: ...
Foto: dpa | Wie wenig noch vom existenziellen Ernst des Wortes Seelenheil in unserer Gesellschaft präsent ist, dokumentiert die Bildunterschrift, die die Nachrichtenagentur dpa für dieses Bild aus dem Jahre 1999 gewählt hat: ...

Die Sorge um das Seelenheil belegt längst keine oberen Plätze mehr in der Hitliste zeitgenössischer katholischer Themen und Debatten. Ob in den Sonntagspredigten, den Vorlesungen an den Theologischen Fakultäten, in den Akademieprogrammen oder im aktuellen Dialogprozess der Bischofskonferenz in Deutschland – das Wort und die Kategorie des Seelenheils, das ist erledigt, antiquiert, nicht mehr zu gebrauchen im Hier und Heute des katholischen Lebens.

Dem „Lexikon für Theologie und Kirche“ ist das Wort kein eigenes Lemma, kein eigener Eintrag wert. Auch dessen säkularer Bruder, das „Historische Wörterbuch der Philosophie“ weiß nichts (mehr) von Seelenheil. Deshalb wohl ist das altehrwürdige Wort aus den Katechismen des 18. und 19. Jahrhundert ausgewandert in andere kulturelle Welten – zuvörderst in die Psychotherapie, oder in die Hitparaden der modernen Popkultur. Jüngst landete Xavier Naidoo mit dem Titel „Seelenheil“ in seinem Album „Telegramm für X“ einen solchen Hit. Völlig unbefangen bestimmt der Sänger mit diesem Wort das Ziel des Lebens, das höchste Glück als das „eigene Seelenheil“.

Vertrieben aus der christlichen Welt ist es weiter noch in die unendlichen Weiten der Esoterik entwichen. Wer das Wort in die Internet-Suchmaschine Google tippt, dem spuckt sie zuerst etwa einen Link „www.seelenheil-shop.de“ aus. Oder bietet unter „www.seelenheil.ceteem.at“ die „Lösung systemischer und karmischer Verstrickungen“. So geht dies endlos. 108 000 Treffer offeriert die Maschine. Katholisches findet man kaum.

Dem vorausgegangen ist eine Geschichte der Verdächtigung. Die gängige Anklage gegen die Sorge ums eigene Seelenheil als vorrangiges Ziel einer gelungenen christlichen Existenz lautet: Individueller und kollektiver Heilsegoismus. Dem Gläubigen, der regelmäßig die Eucharistie feiert, betet, beichtet, fastet und andere kirchlich überlieferte Übungen der Seelensorge praktiziert, wird unterstellt: Er ist ichbezogen, er zieht sich aus der Welt zurück ins Ghetto der bloßen Frömmigkeit, ihn interessiert das Leid der anderen und der diakonische Auftrag der Kirche nicht, er blendet die soziale und kulturelle Dimension des Evangeliums aus, er verhärtet zum menschenfeindlichen Rigoristen und Moralisten. Der Vorwurf des individuellen Heilsegoismus endet schließlich nicht selten in der Diagnose der Pathologie.

Das Fegefeuer brennt heute in der Popkultur

Letzteres trifft dann die Kirche, die in ihrer Verkündigung die Sorge ums Seelenheil predigt, als Kollektiv. Das Kümmern ums Seelenheil wird als Instrument dargestellt, mit dem die Kirche eben nicht das Heil, sondern Macht über die Seelen der Menschen sucht. Die tradierte Kategorie des Seelenheils wird als eine der Angst und des Angstmachens beschrieben. Das berühmte Wort von den ekklesiogenen Neurosen kommt hier zum Einsatz. Eine Kirche als Inbegriff eines kollektiven Heilsegoismus kann nur als eine Institution der Unterdrückung gegen jegliches anderes enden – heißt es.

So lässt sich entlang solcher Kategorien wie der Sorge um das Seelenheil die kirchenpolitische Frontstellung beschreiben und verstehen, die derzeit die Kirche im deutschsprachigen Raum lähmt. Das vermeintlich „bloß“ Fromme und die Treue zum päpstlichen Lehramt wird gegen das Politische und Soziale des kirchlichen Auftrags des sogenannten Reformkatholizismus ausgespielt – wodurch umgekehrt dieses Politische und Soziale seinerseits in einen Verdacht geraten muss, nämlich dem, mit dem authentischen christlichen Glauben nichts mehr zu tun zu haben. Ähnliches ist etwa auch am Beispiel der modernen kulturellen Rezeptionsgeschichte und Auslegung der Kategorie des Gottesgerichts beobachten, das mit dem Verweis auf die Heilsuniversalität Gottes für einen aufgeklärten Katholiken als suspendiert erklärt wird – und schon lassen sich die Gläubigen wieder fein säuberlich in die kirchenpolitischen Schubladen einsortieren und gegeneinander in Stellung bringen, die vermeintlich Ewiggestrigen nämlich und die Fortschrittlichen.

Dabei ist ja trotz aller Aufklärungsbemühungen die Sorge um das Seelenheil und ein Gottesgericht nicht aus der Welt verschwunden. Im Gegenteil. Solche Kategorien leben munter in profaner Form auch in einer von der Religion weitgehend emanzipierten Gesellschaft weiter. Abgesehen von allfälligen Ratgebern und Talkshows, in denen Rezepte ausgetauscht werden, wie der Mensch glücklich wird, existieren weiter veritable Sündenkataloge – nur spricht man dann expressis verbis von Umweltsünden, Ernährungssünden und ähnlichem. Und es spricht weiter ein Gericht in Form des „man sagt“ oder „man tut“ oder der Werbung oder der Medien oder der Wissenschaft seine Urteile, die für die Gesellschaft und den Einzelnen bedeutsame Normen aufstellen, denen sich dann jeder stellen muss – ob er nun Bundespräsident ist und Christian Wulff heißt, und eine Boulevardzeitung das jüngste Gericht spielt, oder ob er ein junger Musikfan ist, dem der Rocksänger Marius Müller-Westernhagen das grausamste aller modernen Fegefeuer androht: „Mensch, bin ich froh, dass ich kein Dicker bin, denn Dicksein ist ne' Quälerei“. An Strafandrohungen überhaupt mangelt es nicht: Weltweite Seuchenkatastrophen, Klimakatastrophe und globaler Finanzkollaps. Die Apokalypse hat Konjunktur.

Der Mensch ist Ankläger und Angeklagter zugleich

Die vermeintlichen Zwänge der Religion und Kirche, was an Begriffen wie dem Seelenheil oder Gericht Gottes durchbuchstabiert und wegrationalisiert wurde, sind lediglich durch neue Zwänge ersetzt worden. Heute ist nach dem Tod Gottes und dem Ende jeglichen Jenseitsglaubens nicht mehr Gott der Angeklagte des Menschen, wie es der skeptische Philosoph Odo Marquard einmal formuliert hat, sondern der Mensch ist nun allein des Menschen Ankläger und Angeklagter.

Die Kirche und die Welt sind also mit der kulturellen Denunziation solcher religiöser Kategorien wie der Sorge um das eigene Seelenheil keinen Schritt weitergekommen. Also ist es durchaus überlegenswert, diese Kategorie zu rehabilitieren und den aktuellen ideologischen Stellungskriegen herauszuholen. Dafür braucht man nicht allein auf das Christentum zu schauen. Einer der bis heute wirksamen geistigen Gründer unserer Zivilisation, der antike Philosoph Sokrates etwa, könnte wiedergelesen werden. Angesichts des Todes meditiert er vor seinen Freunden, so überliefert es bekanntlich Platons „Phaidon“, über die Unsterblichkeit der Seele. Sich nun um sein eigenes Heil dieser Seele mittels solcher Tugenden und Haltungen wie Weisheitsliebe, Besonnenheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Edelmut und Wahrheit zu kümmern, nennt er ein „schönes Wagnis“, dessen höchste Hoffnung die Erlösung der Seele ist. Allein, dass Sokrates diese Gedanken in einer Situation spricht, in der er vom Staat dazu verurteilt ist, den Giftbecher zu trinken, weil er angeblich keinen guten Einfluss auf die Gesellschaft hat, illustriert: Die Sorgen ums Seelenheil ist mehr als naive Innerlichkeit, sie ist immer auch öffentlich, politisch. Es verkürzt das Menschsein, beide Dimensionen auseinanderzureißen und die Legitimität des Seelenheils mit der Legitimität der politischen Wirksamkeit zu bestreiten – und umgekehrt.

Wer in Sorge um das eigene Seelenheil sein eigenes Denken und Tun beispielsweise im Beichtspiegel oder in Gottes Wort, der Bibel, reflektiert und sich dort den Sätzen von Gottes Anspruch, Herrlichkeit und Gerechtigkeit und der Möglichkeit des Gerichtes Gottes aussetzt, der wird im eigenen privaten, beruflichen und öffentlichen Leben davon nicht unbeeinflusst bleiben – und sich eben für heilere, gerechtere Verhältnisse einsetzen. Seine eigene Frömmigkeit muss zwangsläufig politisch werden. Die Formen, die dieses Engagement dabei annehmen kann, sind unterschiedliche und sprengen jede herkömmliche Einteilung in kirchenpolitische Lager – sie reichen vom Lebensschützer in den USA über den christlichen Hospizhelfer in Westeuropa bis zum Pfarrer in indigenen Gemeinden Lateinamerikas, der mit seiner Gemeinde die Mosesgeschichte liest, die dadurch motiviert selbst den Aufbau der Infrastruktur der Wasserversorgung in Angriff nimmt – eine Art diakonische Sorge um das Seelenheil.

Dass die Frage nach dem Seelenheil oder dem Gericht Gottes keine überholte ist, lässt sich auch am fundamentalen Anliegen des Reformators Martin Luther nachspüren: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Beweist sie doch, dass die Frage der Bewährung vor Gott mit Blick auf das Nachdenken über das Schicksal jedes einzelnen Menschen nach seinem Tod eine ist, die den Menschen ernst nimmt, anstatt ihn zu entmündigen. Und was der Mensch ernst nimmt, erst das kann ihn befreien. Die Frage also, wie sich das Individuum in seinem Leben vor Gott bewährt, entfaltet mitunter ungeheure politische, soziale und kulturelle Energien. Kategorien wie das Seelenheil oder Gericht Gottes sind welche, die auch das ökumenische Gespräch heute neu inspirieren können.

Paulus kam es nie darauf an, die Hölle zu predigen

Luther ist entscheidend durch die Theologie des heiligen Paulus und dessen Römerbrief geprägt. Dass ein Wiederaneignen solcher Kategorien wie dem Seelenheil und des Gottesgerichts an der Zeit sind – gerade um das Lagerdenken im Christentum und im Katholizismus aufzubrechen –, das erkennt beispielsweise auch der katholische Neutestamentler Professor Thomas Söding (Ruhr-Universität Bochum). Kürzlich hat er in einem Vortrag mit Titel „Für wen dürfen wir hoffen? Perspektiven des Neuen Testamentes“ eine wichtige Feststellung zur Theologie des heiligen Paulus getroffen: Diesem komme es nicht darauf an, die Hölle zu predigen, sondern im Gegenteil: den „Gott der Hoffnung“ zu begründen und zu verkünden. Dafür aber muss sich der Gläubige vor Augen führen, so Söding: „Das ist also unsere Aufgabe, und es ist eine Frage der Hoffnung, wie man auf der einen Seite diese ungeheure Positivität der Zusage, Gott ist ein Gott der Hoffnung und nur ein Gott für alle, ins Verhältnis setzen kann mit der Notwendigkeit des Glaubens und der Unabdingbarkeit des Gerichts auf der anderen Seite.“

Der Vortrag von Professor Thomas Söding „Für wen dürfen wir hoffen? Perspektiven des Neuen Testamentes“ ist als Audio-Datei nachzuhören und im Internet herunterzuladen unter: www.domradio.de/kopfhoerer/79393/fuer-wen-duerfen-wir-hoffen-perspektiven-des-neuen-testaments.html

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