Pyrrhussieg der Popularität

Wie die Verbindung von Politik und Aufsichtsgremien den Mitteldeutschen Rundfunk zu massiven Problemen führte. Von Max-Peter Heyne
Foto: dpa | Der neue Fernsehdirektor des Mitteldeutschen Rundfunks, Wolf-Dieter Jacobi.
Foto: dpa | Der neue Fernsehdirektor des Mitteldeutschen Rundfunks, Wolf-Dieter Jacobi.

Ein leitender Mitarbeiter der Sportredaktion: als Stasi-IM enttarnt; der Unterhaltungschef: wegen mutmaßlicher Vorteilsnahme und undurchsichtigen Finanzgebarens fristlos gekündigt; der Vizechef des unterstellten Kinderkanals (Kika): wegen Korruption und Betrugs angeklagt; der einzige Intendantenkandidat: beim Rundfunkrat durchgefallen – das Jubiläumsjahr zum zwanzigjährigen Bestehen des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) hat sich der bisherige Intendant Udo Reiter sicherlich anders vorgestellt. Vor allem wegen der hochkriminellen Vorgänge beim Kika, wo ein Redakteur und andere Mitwisser Scheinaufträge für über acht Millionen Euro vergeben hatten, waren bereits alle Jubiläumsfeierlichkeiten von Reiter abgesagt worden. Dabei hätte stolz gefeiert werden sollen, dass der MDR das mit Abstand erfolgreichste Dritte Programm im Senderverbund der ARD auf die Beine stellt – jedenfalls wenn man die absoluten Zahlen zu Grunde legt und nicht gerade die Quotenreichweite bei Zuschauern unter sechzig Jahren.

Unverhofft haben die Wellen der Chronique scandaleuse des MDR am Wochenende auch noch den Privatsender RTL erreicht: Nachdem der Spaßvogel Oliver Pocher bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises am Sonntag in einer spöttischen Ansprache den Witz riss, dass nur noch Bernd das Brot – das Maskottchen des Kinderkanals – „der Einzige beim MDR ohne Vorstrafen“ sei, wurde die Passage für die Ausstrahlung auf RTL herausgeschnitten. Pikant daran: Der für die Aufzeichnung der Feierstunde zuständige Produzent Werner Kimmig gehört zu den Branchenleuten, bei denen sich der geschasste MDR-Unterhaltungschef Udo Foht Geld geliehen haben soll. Offenbar systematisch hatte Foht Geschäftspartner und -freunde mit der Begründung angebettelt, einer wirtschaftlich angeschlagenen, beim MDR gut gelittenen Produktionsfirma aus der Patsche helfen zu wollen, und daraufhin wohl mehrere hunderttausend Euro erhalten. Dass die Programmverantwortlichen von RTL bei anderen Gelegenheiten und deutlich geschmackloseren Scherzen bislang weniger zimperlich reagiert haben, ist geeignet, Verdachtsmomente zu schüren, mit der Witz-Zensur wolle sich eine ganze Branche vor polemischer Kritik schützen. Kritik, die sie mit einem teilweise undurchsichtigen Netzwerk aus Abhängigkeiten zwischen den Redaktionen der Sender und die um die Aufträge buhlenden Produktionsfirmen selbst provoziert hat.

Dank Kika- und Foht-Skandal nimmt der erfolgsverwöhnte MDR mittlerweile eine unrühmliche Sonderstellung innerhalb der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ein, von denen bereits einige, darunter der Hessische (HR) und der Norddeutsche Rundfunk (NDR), in den letzten Jahren mit Betrugsvorfällen konfrontiert waren. Viele Journalisten und Medienexperten erinnern nun an die hastige und unter verwaltungsrechtlichen Gesichtspunkten teils dubios betriebene Gründung des MDR, der Ursache für die jetzigen Probleme sein soll: Um die im deutsch-deutschen Einigungsvertrag festgeschriebene Abwicklung des zentralistisch ausgerichteten DDR-Rundfunks termingerecht zu absolvieren und zugleich Begehrlichkeiten westdeutscher Sender abzuwehren, hätten die CDU-dominierten Parlamente der Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen auf ein konzertiertes ostdeutsches Vorgehen gesetzt und die Intendanz sowie den neunköpfigen Verwaltungsrat allzu einseitig nach parteipolitischem Proporz besetzt und entsprechend schwarz eingefärbt. Federführend sei dabei der machtbewusste Ex-Ministerpräsident Sachsens, Kurt Biedenkopf (CDU) mit seinem Medien-Adlatus Herbert Goliasch (ebenfalls CDU) gewesen, die sich auch für den West-Import Udo Reiter als Intendanten stark gemacht hätten. Dessen unbestreitbare Qualitäten als Verwaltungschef schlossen dubiose Finanzgeschäfte mit ein, mit denen Reiter in der Anfangsphase die Anschubfinanzierung von knapp einer Viertelmilliarde Euro erheblich aufstocken konnte. Eine objektive, institutionalisierte Kontrolle schien es damals wie auch später nicht gegeben zu haben – denn auch die Problematik, dass ostdeutsche Mitarbeiter offenkundig nicht intensiv genug nach möglichen Stasi-Belastungen überprüft worden waren, kam erst im vor einigen Monaten ans Licht.

Doch manches an der Kritik von linker Seite wirkt auch wohlfeil: Parteienproporz bei der Besetzung von Aufsichtsgremien und Chefposten eines öffentlich-rechtlichen Senders kann immer zu politischen Schieflagen führen, also nicht nur dann, wenn zufällig in gleich drei beteiligten Länderparlamenten eine Partei – damals wie heute wieder die CDU – dominiert. Diese Konstellation ermöglichte eine langfristig erfolgreiche Bündelung der Kräfte: Als abschreckendes Beispiel für das gegenteilige Vorgehen, nämlich eine aus parteipolitischen Eitelkeiten vollzogene Splitter-Lösung, darf die Gründung oder Weiterführung zweier nicht lebensfähiger Sender – der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg und der Sender Freies Berlin – gelten, die Geld und Kräfte verschlissen, bis sie schon nach wenigen Jahren zur Fusion gezwungen waren.

Der Blick zurück hilft dem MDR in der jetzigen Situation also nur bedingt: Von den in der Gründungsphase begangenen Fehlern sollte allerdings das Prozedere für die Wahl eines Intendanten reformiert werden. Denn die Konstruktion, dass zunächst der neunköpfige Verwaltungsrat über einen – und zwar nur einen Kandidaten – entscheidet, der den 41 Männern und Frauen des Rundfunkrates vorgeschlagen wird, ist bizarr. Der Frust, als bloßes Abnickgremium zu fungieren, hat denn auch vermutlich dazu geführt, dass dem von der Parteipolitik dominierte Verwaltungsrat eins ausgewischt wurde, sprich: deren einziger Kandidat für den Posten als Nachfolger Udo Reiters, der Chefredakteur der „Leipziger Volkszeitung“, Bernd Hilder, nur zwölf Stimmen von 41 anwesenden Rundfunkräten erhielt. Diese MDR-Spezifik sollte jedoch nicht den Blick davor verschließen, dass der Mitteldeutsche Rundfunk mit denselben Problemen wie alle anderen öffentlich-rechtlichen Sender zu kämpfen hat – allerdings dramatisch zugespitzt: Das Publikum vergreist oder wandert in andere Medien ab, die Zahl potenzieller Gebührenzahler schrumpft, die Redakteure setzen auf Mainstream und vernachlässigen ihren öffentlichen Programmauftrag, die Hierarchien begünstigen Vetternwirtschaft und erschweren objektive Kontrollen. Lassen sich daraus eher glaubwürdige Argumente für oder gegen eine Gebührenerhöhung ziehen? Die Programmverantwortlichen sind sich da schon sicher.

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