Politik und Realität sind zwei Welten

„Ich bin Vermittler, aber nicht Mitspieler“: Jörg Schönenborn ist neuer Moderator im „Presseclub“

Glückwunsch zum gelungenen Start. Ihren ersten „Presseclub“ verfolgten über zwei Millionen Zuschauer. Das waren 17 Prozent Marktanteil. Lag es an Ihnen oder an der Sendung?

Danke für die Blumen, aber mit mir hat das wohl weniger zu tun. Wir hatten zwei glückliche Umstände, die den Zuschauerzuspruch begünstigten. Zum einen gab es vorher Wintersport, und da bleiben dann erfahrungsgemäß doch noch viele dran und verfolgen das weitere Programm. Zum anderen hatten wir mit der beabsichtigten Schließung des Nokia-Werks in Bochum natürlich ein aktuelles Thema, das derzeit die Schlagzeilen beherrscht. Die gesamte Gemengelage von Wirtschaft, möglicher Rezession in den USA, Immobilienkrise, Börsencrashs und Unternehmensnachrichten betrifft und beschäftigt natürlich viele Menschen und wirft viele Fragen auf.

Kann der „Presseclub“ die beantworten?

Er kann Zusammenhänge aufzeigen und erklären, Hintergründe deutlich und politische Prozesse transparenter machen. Das ist schließlich eine vornehme Aufgabe des politischen Journalismus.

Was macht für Sie politischen Journalismus aus?

Dass er sich seiner zweifachen Brückenfunktion bewusst ist. Etwas grob gesprochen ist doch die Politik eine Welt, die Realität aber eine andere. Daher ist es Aufgabe des politischen Journalisten, Politiker so zu fragen, dass eine Brücke zwischen beiden Welten geschlagen wird. Und das befördert dann auch die zweite Funktion, nämlich die Befähigung zur Meinungsbildung.

Was hebt den „Presseclub“ denn in diesem Sinne aus den telegenen nebenparlamentarischen Diskussionsrunden heraus?

Das ist zunächst die über 50 Jahre alte Tradition eines Fernsehformats, das einfach überzeugt. Das belegen auch die vielfältigen Reaktionen aus dem Publikum oder von Kollegen. Die Sendung kann auf ein festes, sehr interessiertes Publikum zurückgreifen. Denn das ist das Spezifische: die Qualität der Debatte, der Argumentationen und Gedanken. Wenn es gelingt, dass sich Zuschauer nach einer Sendung mit einer neuen Sichtweise auf einen komplexen politischen Zusammenhang oder einem möglichen neuen Lösungsansatz für eine bestimmte Problematik weiter mit einem Thema beschäftigen, ist doch viel mehr erreicht als bei vielen Talkrunden, deren Thema schon am nächsten Tag wieder vergessen ist.

Stichwort Thema. Lassen Sie uns doch kurz an der Vorbereitung einer Sendung teilhaben.

In der Regel wird Donnerstag am Mittag das Thema gesetzt. Am Freitag erfolgt die Feinabstimmung, das Thema wird sozusagen justiert. Dazu werden in der Redaktion vier bis fünf generelle Fragen zusammengestellt, an denen entlang ich in der Sendung dann diskutiere. Durch meine tägliche Arbeit als politischer Journalist bin ich in den meisten Themen ohnehin schon drin, so dass mir die persönliche Vorbereitung sehr leicht fällt. Entscheidend ist dann natürlich noch die Presseschau am Wochenende zum Thema der Sendung. Wenn es die Brisanz der Aktualität erfordert, sind wir natürlich auch in der Lage, eine Sendung kurzfristig komplett umzuplanen.

Wie sehen Sie Ihre Aufgabe als Moderator?

Ich bin Vermittler, aber keinesfalls Mitspieler. Sie kennen sicher den schon vielfach zitierten, aber so treffenden Spruch von Hanns-Joachim Friedrichs: Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.

Früher ist der „Presseclub“ auch schon mal gewandert. Wird es das wieder geben?

Tatsächlich wird es am 3. Februar einen „Presseclub“ aus Washington geben, da am 5. Februar der so genannte ,Super Tuesday‘ mit Vorwahlen in zahlreichen US-Bundesstaaten gleichzeitig ansteht. Das soll es aber nur in Ausnahmefällen geben. Der Presseclub bleibt ansonsten in seinem Kölner Studio...

...und kommt morgen daher auch nicht aus Wiesbaden oder Hannover...

Nein, natürlich nicht. Aber das wird in der Tat eine Art „Super Sonntag“. Natürlich diskutieren wir morgens im „Presseclub“ über die Landtagswahlen und abends gibt es dann die Ergebnisse.

Da erleben wir Sie dann wieder als Wahlmoderator, als der Sie ja einem breiten Publikum bekannt sind. Und vielleicht müssen Sie ja dann auch wieder über Jamaika-Koalitionen reden...

Naja, dass ich immer wieder mit dem Begriff in Verbindung gebracht werde, habe ich einem Wahlforscher zu verdanken, der mir gegenüber in einer Wahlsendung den Begriff gebraucht hat und den ich dann gern weiter verwendet habe. Ich glaube aber, dass sich weder in Wiesbaden noch in Hannover die Frage nach einer Jamaika-Koalition stellen wird.

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