Berlin

Pockennarben und dämonische Kühe beschäftigen das Volk

Impfen hin - Impfen her - die Corona-Pandemie lässt in der Gesellschaft die Wogen hochgehen, die Gemüter erhitzen sich: Auf der einen Seite gibt es Menschen, die eine Impfung strikt ablehnen, auf der anderen Seite Menschen, die sogar für eine Impfpflicht plädieren. Im Umgang miteinander ist man nicht zimperlich. Ein Phänomen, das jegliche Form der Impfung seit der Entdeckung begleitet.
Pockenimpfung in Großbritannien
Foto: imago stock&people | Schon um 1802 waren Impfgegner Gespött der Impfbefürworter: Den Pockengeimpften wachsen Kühe aus den Körpern. Die Anfragen der Impfgegner an Wissenschaft und Methode werden aufs Korn genommen.

Ein Meme kursiert in den sozialen Netzwerken. Es zeigt einen Mediziner um 1800, der einem kleinen Jungen eine Impfung verabreicht. Darüber steht in englischer Sprache: „Jeder, der die erste Pockenimpfung im Jahr 1798 erhielt, starb. Macht nachdenklich.“ Die Ironie der Darstellung ist offenbar nicht für jeden erkennbar – seit 1798 ist jeder Mensch gestorben. Das Meme, das Impfgegner verhöhnen soll, wird mittlerweile von Impfgegnern verwendet: aus Mangel an Ironiegefühl und Wissen um historische Tatsachen.

Das verwendete Gemälde zeigt einen historischen Augenblick. Am 14. Mai 1796 testet der englische Landarzt Edward Jenner seine Pockenschutzimpfung am damals achtjährigen James Phipps. 400 000 Menschen sterben im Europa des 18. Jahrhunderts jährlich an der Krankheit; diejenigen, die ihr nicht erliegen, sind für ihr Leben mit Narben gezeichnet. Schätzungsweise zehn Prozent aller Kleinkinder sterben an den „Blattern“, wie sie in Deutschland genannt werden.

Langzeitfolgen der Pocken: Narben

Beethovens Pockennarben sind bis heute in dessen Totenmaske abzulesen, ein Schicksal, das auch anderen berühmten Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts widerfährt: Ob Haydn, Mozart oder Goethe, sie alle erkranken an den Pocken. Maria Elisabeth von Österreich, von ihrer Mutter Maria Theresia als „Kokette der Schönheit“ bezeichnet, verunstaltet die Krankheit mit 24 Jahren so schwer, dass sie nicht mehr als Heiratskandidatin gilt und eine geistliche Laufbahn als Äbtissin einschlägt.

Bereits vor Jenner existieren in Europa Ansätze eines Immunisierungsverfahrens. In Asien war die Variolation seit Jahrhunderten bekannt, die sich auf den lateinischen Namen der Pocken bezieht: „variola“, ein Begriff, den der Bischof Marius von Avenches im 6. Jahrhundert prägt. Mittels Lanzette entnimmt der Arzt einem Pocken-Überlebenden Material aus den Pusteln. Dieses werde gesunden Personen per Wunde verabreicht. Die Methode gelangt vermutlich gegen Ende des 17. Jahrhunderts in das Osmanische Reich.

Tödliche Risiken durch Mutationen

1721 bringt Mary Wortley Montagu – die Ehefrau des britischen Botschafters in Konstantinopel – das Wissen um die Variolation nach England. Schon ein Jahr später lässt König Georg I. seine Töchter immunisieren. 1745 eröffnet das Londoner „Smallpox Hospital“, wenige Jahre darauf verbreitet sich die Variolation auf dem europäischen Kontinent. Unter dem Eindruck der Pockenepidemie in der eigenen Familie lässt Kaiserin Maria Theresia ab 1768 ihre jüngsten Kinder variolisieren und richtete ein „Inokulationshaus“ in Wien ein. Die Habsburger gehören zu den Vorreitern der europäischen Immunisierungskampagne.

Doch die Variolation beziehungsweise Inokulation ist nicht ohne Risiko. Zwei bis drei Prozent der Patienten sterben an dem Verfahren, weil die Viren rückmutieren – und damit wieder krankheitsauslösend sind. Gescheiterte Variolationen sind damit nicht nur für den Patienten selbst gefährlich, sondern können künstliche Pockenepidemien auslösen. Insbesondere in Frankreich sind die Vorbehalte gegen die Variolation so groß, dass der Aufklärer Voltaire sich lauthals über das Verhalten seiner Landsleute beklagt.

Einsatz nach wissenschaftlichem Beweis der Wirksamkeit

Hier setzt Jenner an. Bereits der Apotheker John Fewster postuliert eine Immunität gegen die Pocken bei vorheriger Infektion mit den Kuhpocken, hält die Variolation jedoch für genügend erfolgreich. Jenner setzt die Beobachtungen Fewsters fort und untersucht als Landarzt sechzehn Fälle, in denen Menschen sich mit Kuhpocken infiziert hatten und sich immun gegenüber den Pocken zeigen. Jenner führt eine Variolation bei einigen Testpersonen durch und stellt keinerlei Effekt fest. Das Experiment am achtjährigen Phipps sollte Jenners These verifizieren: er injiziert dem Sohn seines Gärtners die Kuhpocken.

Nachdem dieser die milden Symptome der Krankheit durchlaufen hat, testet er an ihm Material aus einer Variolation. Nachdem der Junge keine Reaktion zeigt, testet Jenner nach mehreren Monaten erneut. Jenner führt seine Nachforschungen fort und entschließt sich dazu, diese im Jahr 1798 zu veröffentlichen. Obwohl es schon früher Experimente mit Kuhpocken gab und die Erkenntnisse nicht völlig neu sind,ist es Jenners Verdienst, als erster einen wissenschaftlichen Beweis erbracht zu haben, diesen schriftlich festzuhalten und zur Grundlage eines neuen medizinischen Verfahrens zu machen.

 

Vaccination leitet sich von „Kuh“ ab

Der Begriff „vaccination“ beziehungsweise Vakzination leitet sich vom lateinischen Wort „vacca“ für Kuh ab. Der erste moderne Impfstoff ist damit geboren. Von Anfang an ruft die Vakzination Befürworter und Skeptiker auf den Plan. Drei Monate lang sucht Jenner in London nach Freiwilligen – vergeblich. Erst nachdem drei ansässige Ärzte die Impfung öffentlich unterstützen, beginnt der Siegeszug der neuen Methode. Bald mangelt es nicht mehr an Patienten, sondern am Impfstoff. Um 1800 verbreitet sich das Verfahren in ganz Europa, Napoleon lässt ab 1805 seine gesamte Armee impfen. Spanien unterstützt eine weltweite Impfkampagne, indem es in allen Kolonien die Vakzination propagiert. Bereits 1799 bringt der hannoverische Hofchirurg Christian Friedrich Stromeyer die Impfung nach Deutschland, sein Kollege Georg Friedrich Ballhorn übersetzt Jenners Werk.

Zugleich ziehen die ersten Impfgegner gegen die „Verkuhung“ ins Feld. Tierisches Material in Menschen zu injizieren erscheint auch Ärzten als bedenklich. Theorien kursieren, dass Kuhpocken und Syphilis miteinander verbunden seien. In der Presse tauchen Karikaturen auf, in denen Jenner tausende Kinder in das Maul eines dämonischen Rindes schaufelt. Als die Befürchtung laut wird, dass die Pockenimpfung zu Deformationen führen könnte, nutzt das der „Vater des political cartoon“ James Gillray, als Vorlage, um in überspitzter Form die Ängste von Impfgegnern aufs Korn zu nehmen: In einer Karikatur entwachsen den Geimpften Kühe aus dem Körper. Einer der bekanntesten Impfgegner ist Immanuel Kant, der kritisiert, dass die „Vorsehung“ eine Dezimierung der Überbevölkerung durch Krankheiten vorsehe. Später rückt der Königsberger Philosoph von der Position ab.

Auf dem Festland ist es der katholische Klerus,
der die Impfung als ‚wertvolles Geschenk Gottes‘ propagiert,
oft in Kombination mit den Behörden

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Zwar regt sich auch von religiöser Seite Widerstand: Für Seuchen und Epidemien sei allein Gott zuständig, Impfungen seien daher eine Einmischung in den göttlichen Plan. Aber es handelt sich um eine Minderheitenposition in den christlichen Konfessionen. So macht sich der Prediger Rowland Hill für die Pockenimpfung stark und impft auch selbst. Er wirbt in jeder Pfarrei, die er besucht und veröffentlicht 1806 ein Traktat, das die Vorteile der Vakzination hervorhebt. Dort bezeichnet Rowland die Vakzination als „allgemeinen Segen für unser Land“.

Auf dem Festland ist es der katholische Klerus, der die Impfung als „wertvolles Geschenk Gottes“ propagiert, oft in Kombination mit den Behörden. Beim Impfprogramm im napoleonischen Königreich Italien kündigen die Geistlichen auf der Kanzel Impfungen an und läuten an Impftagen die Glocken. Der apostolische Provikar Preposto della Volpe spricht von einer „religiösen Pflicht“, seine Pfarrer zu animieren, die Vorteile dieser „heilvollen Abhilfe“ hervorzubringen. „Die Priester nutzen ihren ganzen Einfluss, um die Idioten davon zu überzeugen (geimpft zu werden)“, lobt ein Beamter aus dem Bolognesischen.

Der Entdecker will keinen Profit machen

Jenner versucht aus seiner Entdeckung keinen Profit zu schlagen. In seinem Garten errichtet er ein Häuschen, in dem er Arme kostenlos impft. Das britische Parlament spendet ihm 1802 jedoch 10 000 Pfund für seine Verdienste, 1807 folgen 20 000 weitere Pfund. Zeit seines Lebens sieht er sich weiteren Angriffen ausgesetzt. Den Sohn eines anglikanischen Priesters prägt jedoch die christliche Erziehung. Wenige Tage vor seinem Tod sagt er: „Ich bin nicht überrascht, dass die Menschen mir nicht dankbar sind; ich frage mich, warum sie Gott nicht dankbar sind für all das Gute, das ich als sein Instrument übermittelt habe.“ Am 26. Januar 1823 stirbt der Landarzt an einem Schlaganfall. Sein Erzfeind, das Pockenvirus, überlebt ihn um anderthalb Jahrhunderte. Seit 1980 ist die Welt dank Vakzination offiziell pockenfrei.

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