Phantom des Bundestages

Seit über dreißig Jahren sorgt ein fiktiver SPD-Abgeordneter im Deutschen Bundestag für Vergnügen – ein ihm zugewiesenes Gesetz aber sorgt im Wahlkampf für Unruhe. Von Reinhard Nixdorf

Das Rennen schien schon entschieden zu sein: Lange Zeit hechelte Peer Steinbrück der Kanzlerin bei den Meinungsumfragen hinterher, doch seit dem TV-Duell holt der knorrige Mann mit der gestenreichen Ausdrucksweise auf: Nach einer Umfrage des Instituts Infratest-dimap „wen würden Sie wählen?“ entscheiden sich jetzt 48 Prozent für Merkel, 45 Prozent für Steinbrück.

Aber nicht nur Meinungsumfragen, auch eine andere Regel sieht Steinbrück und die SPD im Aufwind: Es ist das Mierscheid-Gesetz, eine nicht ganz ernst gemeinte Regel, die erstmals am 14. Juli 1983 zum Vergnügen der Genossen in der Parteizeitung „Vorwärts“ vorgestellt wurde. Nach dem Mierscheid-Gesetz soll das prozentuale Abschneiden der SPD bei Bundestagswahlen dem deutschen Rohstahl-Ausstoß folgen: So viel Millionen Tonnen Rohstahl wie die deutsche Stahlindustrie im jeweiligen Wahljahr produziert, so hoch ist der prozentuale Stimmenanteil der SPD, wobei eine Million Tonnen Rohstahl für ein Prozent SPD-Stimmen stehen.

Natürlich ist diese Regel purer Nonsens, die sich ein paar Parlamentarier ausgedacht haben. Umso erstaunlicher ist, dass die Nonsens-Regel, die zwei Parameter verknüpft, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben, der SPD mitunter genauere Prognosen beschert hat als manche Meinungsforschung. So lag im Wahljahr 2002 die deutsche Rohstahlproduktion bei 38, 6 Millionen Tonnen – und der Stimmenanteil der SPD bei 38, 5 Prozent. 1998 wurden 41 Millionen Tonnen deutscher Rohstahl produziert – die SPD erreichte 40, 9 Prozent. Und 1987 lagen nur 0, 9 Prozent zwischen dem tatsächlichen Abschneiden der SPD und der Mierscheid-Vorhersage.

Besteht also vielleicht doch ein geheimer sozialdemokratischer Zusammenhang zwischen Stahl und Stimmen? Bei solchen Übereinstimmungen unkten Spaßvögel jedenfalls 2005, Gerhard Schröder habe auch deshalb sein Heil in Neuwahlen gesucht, weil er sich aufs Mierscheid-Gesetz verließ. Denn die Voraussetzungen waren günstig: 44 Millionen Tonnen deutscher Rohstahl-Ausstoß hätten den Sozialdemokraten eigentlich einen Kantersieg bescheren müssen – jedenfalls, solange man dem Mierscheid-Gesetz folgt. Die SPD aber erzielte nur 34, 2 Prozent. Was wackere Parlamentarier, welche die ominöse Regel auch gegen jede vernünftige Erklärung vertreten, jedoch nicht aus der Fassung brachte. Die erhebliche Abweichung erklärten sie mit dem vorgezogenen Wahltermin. Andere hingegen meinten, das Mierscheid-Gesetz müsse überdacht und der Anteil der Linkspartei hinzugerechnet werden. Wie dem auch sei. 2009 aber war die deutsche Rohstahlproduktion mit 27, 1 Millionen Tonnen gar nicht so weit entfernt von den 23 Prozent der SPD. Nun die für Bundeskanzlerin Angela Merkel wichtigste Zahl der Woche: In diesem Jahr werden 42, 2 Millionen Tonnen Rohstahlausstoß erwartet. Da könnte es eng werden für das bürgerliche Lager. Zumal der Wahltermin nicht vorgezogen wurde und das Gespenst einer rot-grünen, von Tiefrot tolerierten Koalition nicht ganz vom Tisch ist.

Aber wer ist überhaupt der ominöse Mierscheid, nach dem diese Nonsens-Regel ihren Namen trägt? Jakob Maria Mierscheid ist ein Phantom – wie Harvey der Hase oder der frei erfundene Ministerialdirigent a.D. Dr. Dr. h.c. Edmund Friedemann Dräcker, der schon in den dreißiger Jahren durch die Akten des Auswärtigen Amtes geisterte und noch vor einigen Jahren spaßeshalber als Berater der Europäischen Kommission bei der Normierung von Seemannsgarn geführt wurde.

Jakob Maria Mierscheid ist das Phantom des Bundestags. Er verdankt seine Entstehung einer lockeren Runde um die SPD-Abgeordneten Peter Würtz und Karl Hähser, die am Abend des 12. Dezember 1979 im Restaurant des Bonner Bundeshauses ins Fabulieren geraten war. Man sann über einen Nachrücker für den gerade verstorbenen SPD-Politiker Carlo Schmid nach. Und so nahm zwischen Zigarrenqualm, Bier und Wein die Mär vom Abgeordneten Jakob Maria Mierscheid Gestalt an. Seine Personalia, verzeichnet auf der Rückseite der Speisekarte: Mierscheid, Jakob Maria, geboren am 1. März 1933, römisch-katholisch, Schneidermeister, verwitwet, vier Kinder, Kleintierzüchter, Ehrennadelträger des Männergesangvereins, Turner, Gewerkschaftler, seit 1956 SPD-Mitglied, Gründungsmitglied des „Vereins zur Verhinderung von Hunsrück-Erdbeben“. Und um hervorzuheben, was für ein sozialdemokratisches Urgestein dieses Phantom sei, machten ihn seine Schöpfer zum Nachfahren des legendären „Schinderhannes“, der Anfang des neunzehnten Jahrhunderts die reichen Leute im Hunsrück das Fürchten lehrte.

Seither wird Mierscheid als ewiger Hinterbänkler geführt, dessen Vorschläge, die sich natürlich irgendjemand ausdenkt, glucksendes Vergnügen und Gelächter auslösen: etwa der Antrag, den Bundesrechnungshof aus Kostengründen von Frankfurt in die Eifel zu verlegen – und zwar in den kleinen Ort „Filz“. Für Jubel sorgte sein Vorschlag, Reden auf den Satz „Ich komme zum Schluss“ zu beschränken. Der Rest solle zu Protokoll gegeben werden. Das erspare viel Streit und Nerven. Wenig Gegenliebe erntete der Vorschlag, im Plenarsaal alle Abgeordneten in der ersten Reihe zu platzieren, um das Hinterbänklertum abzuschaffen.

Groß war der Schreck, als im Juli 2005 die Nachricht durch die Ticker ging, aus Ärger über die Arbeitsmarktreform habe Mierscheid die SPD verlassen und sei Oskar Lafontaine in die Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) gefolgt. „Alles Kappes. Eine ganz blöde Ente“, lautete das Dementi. Und ein Hamburger Nachrichtenmagazin brachte den Ulk auf die Spitze, indem es in einem – natürlich fingierten – Interview das Phantom seinen Verdacht äußern ließ, wer verantwortlich für diese Falschmeldung sei: „Dem Oskar ist viel zuzutrauen!“

Zu ungeahnten Ehren kam Mierscheid 2004, als die Brücke zwischen Paul-Löbe- und Marie-Elisabeth Lüders-Haus vorübergehend zum „Jakob-Mierscheid-Steg“ erklärt wurde – wann sonst als am 1. April. Das Phantom des Bundestags hatte sich davon allerdings distanziert. „Über diese Brücke gehe ich nicht. Sie ist mir zu windig“, hieß es in einer Email. Mittlerweile ist das Phantom des Bundestags achtzig Jahre alt – und seine virtuelle Existenz wird mit vereinten parlamentarischen Kräften am Leben gehalten. Zum achtzigsten Geburtstag am 1. März zollte auch Bundestagspräsident Lammert seinen Tribut und gratulierte unter Beifall und Gelächter dem ,,geschätzten und gelegentlich verzweifelt gesuchten Kollegen“, der sich für die aktuelle Sitzung „aus zwingenden Gründen“ entschuldigt habe.

Übrigens taucht Mierscheid auch im „Who is who“ auf, besitzt eine eigene Homepage, hat eine Seite bei Facebook und twittert – oder wer immer das für ihn tut.

Dass ihn noch keiner gesehen hat, stört Jakob Maria Mierscheid – oder seine Schöpfer – offensichtlich nicht. „Mich gibt’s“, sagte das Phantom des Bundestags, oder wer immer da sprach, vor einiger Zeit in einem nicht ganz ernst gemeinten Interview mit dem Hessischen Rundfunk. „Und wenn es mich nicht gäbe, hat mal einer meiner Kollegen gesagt, müsste ich erfunden werden.“ Denn Phantom hin – Phantom her: Das Plenum des Deutschen Bundestages glänzt nur allzu oft durch leere Reihen. Wundert es da, wenn unter den Parlamentariern jemand geführt wird, den noch keiner zu Gesicht bekommen hat?

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