Orakeln über die Zukunft der Parteien

Die Diskussion zwischen Politikern und Journalisten bei Günter Jauch bleib frei von Ritualen der Entrüstung. Von Burkhardt Gorissen
Foto: NDR | Günter Jauch (2. v.r.) fragte am Wahlabend nach der künftigen Regierung; zu seinen Gästen gehörten (v.l.) Klaus Wowereit (SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin, Bettina Böttinger, Moderatorin sowie ...
Foto: NDR | Günter Jauch (2. v.r.) fragte am Wahlabend nach der künftigen Regierung; zu seinen Gästen gehörten (v.l.) Klaus Wowereit (SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin, Bettina Böttinger, Moderatorin sowie ...

Es war ein aufregender Wahlkrimi. Dabei stand schon früh fest, dass Angela Merkel Kanzlerin bleibt und die FDP vor den Trümmern ihrer Existenz steht. Was Spannung verheißt, muss nicht immer spannend sein. Bei Günther Jauch erstarrten die Gäste in staatstragender Attitüde.

Der Bundesfinanzminister, Berlins Regierender Bürgermeister, ein ehemaliger Bundesinnenminister und zwei renommierte Journalisten, das Quotenkalkül dieser Sendung ließ sich leicht durchschauen. Ein bisschen Show und Feuilleton, ein bisschen Nostalgie und hohe Politik. Das hätte großes Kino werden können, schließlich bieten Wahlabende immer ein verlässliches Aufmerksamkeitspotenzial. Hinzu kam der historische Absturz der Liberalen. Kein Krimiregisseur könnte sich eine spannendere Konstellation wünschen.

Die Praxis sah anders aus. Statt erwünschter Erkenntnismehrung erging man sich allenthalben sattsam in Allgemeinplätzen. Finanzminister Schäuble betonte gleich am Anfang die große Verantwortung, die mit dem Wahlergebnis verbunden sei, während Talkmasterin Böttinger scheinbar verblüfft feststellte: „Merkel flößt Vertrauen ein“. Kein Wunder, bekräftigte Schäuble, die Kanzlerin habe es schließlich geschafft, Deutschland durch die schwerste Krise Europas zu führen. Dem schloss sich Wowereit an, die Kanzlerin habe ihren Stil, den sie zelebriere: „Kompliment an Merkel, weil sie das versteht“. An Erkenntnissen dieser Art lässt sich nicht rütteln.

Böttingers ARD-Talk-Kollege Giovanni di Lorenzo, zudem Chefredakteur der „Zeit“, legte seinen Finger in die klaffende Wunde der liberalen Partei, hinter der „die finsterste Woche ihrer Geschichte liegt. Sie haben nicht erklären können, wofür sie in den nächsten vier Jahren da sein wollen.“ Das rief Altinnenminister Gerhart Baum auf den Plan; „Die Quittung musste kommen“, stellte das FDP-Urgestein lapidar fest, die FDP erreiche liberale Wähler nicht, weil sie keine Ziele mehr habe. Stattdessen habe die CDU zunehmend erfolgreich liberale Schwerpunkte und Wirtschaftsthemen besetzt. Jauch fragt: „Ist das Tod der FDP?“ Was provozierend gemeint war, entlockt dem Alt-Liberalen kein Schulterzucken. „Es bedeutet eine tiefe Zäsur, auch für das Land. Eine wirklich liberale Kraft muss aufgebaut werden. Sie fehlt für dieses Land.“

Leider fehlten dem gehemmt wirkenden Jauch die sonst gewohnte Leichtigkeit und die richtigen Fragen. Hätten di Lorenzo oder Bettina Böttinger in ihren Talkshows nicht dort nachgebohrt, wo es Politikern weh tut? Für einen Moment ließ die einzige Frau in der Runde von ihrer staatstragenden Haltung ab. Man müsse die herkömmlichen Vorstellungen von Parteienblöcken aufgeben, „warum nicht rotrotgrün, wenn es rechnerisch möglich ist?“

Dankbar nahm Jauch den Ball auf, aber die Frage, ob die SPD noch einmal „Ypsilantisieren“ würde, verneinte Berlins Bürgermeister vehement: „So wie die Linkspartei aufgestellt ist, kann es keine Regierung mit ihr geben.“ Andererseits habe die SPD auch keine große Sehnsucht nach einer großen Koalition. „Der Ball liegt im Feld der Kanzlerin.“ Das hatte ihr gescheiterter Kandidat kurz zuvor wortgleich vor laufenden Kameras verkündet.

„Ist Steinbrück an den Medien oder an sich selbst gescheitert?“, fragte Jauch. Giovanni di Lorenzo sah sich zu einer etwas ausgiebigeren Analyse veranlasst: Steinbrück wurde unfair behandelt. Die Wahl ist verloren worden, weil die Kanzlerin nicht zu schlagen ist. Die Menschen im Land sind nicht so unzufrieden, wie von der Opposition dargestellt. Die muss mehr eigenes Profil entwickeln. Außerdem waren die Grünen völlig von der Rolle. Wer könnte da widersprechen? Es folgte ein Einspieler, ein Böttinger-Interview mit Steinbrück und dessen Frau auf einer SPD-Veranstaltung. Frau Steinbrück gibt ziemlich kiebig zu verstehen, dass sie sich frage, weshalb ihr Mann sich diese Kandidatur überhaupt antue. Auf Böttingers Nachfrage stockt Peer Steinbrück der Atem. Tränen stehen ihm in den Augen. Ungeklärt bleibt, warum es ausgerechnet diesen Einspieler gab, an diesem historischen Tag, an dem sich das Gefüge verschiebt, wie Jauch feststellte, ein wenig Ratlosigkeit im Blick, fast so, als säße er als Kandidat bei „Wer wird Millionär“. Bei soviel Einigkeit nahm es nicht Wunder, dass die Runde zustimmte, es sei „Bewegung in die Parteienlandschaft gekommen“. Gerhart Baum fügte leise mahnend hinzu: „Die CDU kann sich nicht immer auf Merkel verlassen. Die Menschen wollen Inhalte!“

Davon war wenig die Rede. Selbst nicht, als der AfD-Chef Bernd Lucke zugeschaltet wurde. Dessen Neinsager-Partei hatte immerhin mit ihrem einzigen Programmpunkt „Ausstieg aus dem Euro“ aus dem Stand 4,9 Prozent erreicht. Jauch versuchte erfolglos, ihn aus der Reserve zu locken: „Wird Ihnen nicht dasselbe Schicksal bevorstehen wie den Piraten, von denen heute niemand mehr spricht?“ Das rief Schäuble auf den Plan. Mit Ressentiments komme man nicht weiter. Viel mehr müsse man fragen: „Was steht auf dem Spiel, wenn die Währung scheitert? Darüber wird von Demagogen nicht diskutiert.“

Lucke verwahrte sich gegen die Diskreditierungsstrategie, widerlegen konnte er sie nicht. Für Giovanni di Lorenzo stand fest, die AfD könne leicht auf eine zweistellige Prozentzahl klettern, weil sich die anderen Parteien nicht offensiv genug dem Europathema stellten. Immerhin sei Europa keine Schreckensvision, pflichtete Böttinger bei: „Es geht um mehr als Märkte.“

Bei soviel Eintracht durfte ein Zitat des größten deutschen Showmasters aller Zeiten nicht fehlen. Günther Jauch zitierte seinen Freund mit den Worten: „Keine große Koalition. Die schwarz-grüne Kette der Kanzlerin macht mir Hoffnung“.

Finanzminister Schäuble stellte in atemberaubender Offenheit fest, es sei wichtig, eine Regierung zu bilden, „Die CDU wird Koalitionsgespräche führen. Grün oder SPD werden sich erbarmen, das Land muss regiert werden“. Schwarz-Grün im Bund also doch denkbar? Jauch fasste nicht nach, sondern fragte stattdessen: „Was wird aus Steinbrück?“ Wowereit: „Er bleibt eine wichtige Person in der SPD.“

Immerhin blieb die Debatte wohltuend frei von Ritualen der Entrüstung oder kalkuliert zänkischen Tönen.

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