Ohne Vorurteile berichten

Immer weniger Journalisten glauben an ihren Einfluss auf die Politik

Wer im Urlaub durch die Zeitungen des Gastlandes blättert, der bemerkt schnell, dass trotz aller Globalisierung jedes Land doch noch einen ganz eigenen Blick auf die Welt hat. Aber nicht nur, was berichtet wird, unterscheidet sich, sondern auch, wie berichtet wird. Auch den Journalismus prägen nationale und gesellschaftliche Faktoren.

Die vergleichende Journalismusforschung beschäftigt sich mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der nationalen Journalismus-Kulturen. An der Universität Zürich hat der Kommunikationswissenschaftler Thomas Hanitzsch die wohl umfangreichste Studie in diesem Bereich angestoßen. Forscher aus siebzehn Nationen machen mit. Auf der Jahrestagung der International Communication Association im kanadischen Montreal stellte Hanitzsch jetzt erste Ergebnisse vor.

Die Regierung kontrollieren

Mit dabei bei der Riesenstudie sind Australien, Brasilien, Bulgarien, China, Ägypten, die Fidschi-Inseln, Deutschland, Indonesien, Israel, Mexiko, Rumänien, Russland, Spanien, die Schweiz, die Türkei, Uganda und die Vereinigten Staaten. In all diesen Ländern haben ausgewählte Redakteure einen standardisierten Fragebogen ausgefüllt. Finanziert wird das Vorhaben von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und ihrem Schweizer Pendant, dem Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung.

Hanitzsch entdeckte zunächst einige Gemeinsamkeiten, die sich um die ganze Welt ziehen. In allen Ländern – von Bulgarien abgesehen – halten es mehr als zwei Drittel der befragten Journalisten für „sehr“ oder „extrem“ wichtig, unvoreingenommen zu berichten. Etwa 60 Prozent der Journalisten sehen sich in den meisten Ländern außerdem als „Wachhund“, in fünf Ländern halten sich sogar mehr als achtzig Prozent dazu bemüßigt, ihre Regierung scharf zu kontrollieren.

Rumänien ist die Ausnahme, wo weniger als die Hälfte der Journalisten glauben, die Politiker im Zaum halten zu müssen. Dass Journalisten interessante und politische Informationen bereitstellen sollten, darüber sind sich wieder fast alle einig. Die weltweite Übereinstimmung in diesen Bereichen deutet darauf hin, dass der Journalismus trotz aller nationalen Unterschiede auf dem Weg zur Professionalisierung und Internationalisierung ist.

Es gibt aber nach wie vor auch große Differenzen. Die politische Tagesordnung mitbestimmen, das schaffen nach eigenen Angaben in der Schweiz und in Deutschland, aber auch in Spanien, Bulgarien, Brasilien und Australien nur weniger als ein Viertel der Journalisten. In Russland glauben das 35 Prozent, in der Türkei und in Uganda mehr als die Hälfte. In Uganda sind Journalisten und Politik allerdings auch ein Herz und eine Seele, 78 Prozent der Redakteure gaben in dem afrikanischen Land an, die Regierung zu unterstützen. In der Schweiz und in Deutschland können das nur zwischen zehn und zwanzig Prozent von sich behaupten.

In der EU sind die Unterschiede relativ gering, auch Australien und Israel gehören in journalistischer Hinsicht eher nach Europa. Brasilien, Indonesien, Russland, die Türkei und Uganda sind weit davon entfernt. Befragt wurden in jedem Land hundert Journalisten aus zwanzig verschiedenen Redaktionen, jeweils zwei in leitender Position und drei auf niedrigerer Ebene. Flankiert werden diese Aussagen von einer Analyse der jeweiligen Medienunternehmen und der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen die Redaktionen arbeiten.

In Montreal gab es auch neue Forschungsergebnisse aus Deutschland zu hören. Wolfgang Donsbach von der TU Dresden geht es bei seiner Arbeit nicht um einen repräsentativen Querschnitt, sondern um eine zeitversetzte Zeitreihenuntersuchung diverser Journalismuskulturen. Nach fünfzehn Jahren wiederholt Donsbach derzeit einen Vergleich von deutschem, amerikanischem, britischem und italienischem Journalismus. Vorerst ist nur der deutsche Teil ausgewertet. Hier fällt auf, dass nicht mehr jeder dritte, sondern nur noch 18 Prozent der Journalisten daran interessiert sind, Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen. Und die Öffentlichkeit wollen nur noch neun Prozent beeinflussen. Vor fünfzehn Jahren waren es noch 16 Prozent. Zugenommen hat der Anteil derer, die mit ihrer Arbeit ein möglichst großes Publikum erreichen wollen. Zumindest im Bewusstsein der deutschen Journalisten hat auch die Recherche an Bedeutung gewonnen. 52 Prozent stimmen der Aussage zu, dass „gute Berichterstattung aus mehr besteht, als beiden Seiten Gehör zu verschaffen“. Das sind zehn Prozent mehr als 1993.

Geringe Teilnahme an Umfragen

Wie aussagekräftig die Ergebnisse sind, bleibt vor allem bei internationalen Vergleichsstudien fraglich. Denn nicht nur die Journalismuskulturen unterscheiden sich teils erheblich, auch die Wissenschaftler jeden Landes backen oft ihre eigenen Brötchen. Unklar bleibt außerdem, ob die Journalisten bei der Beantwortung der Fragebögen bei der Wahrheit bleiben oder vielleicht einfach die erwünschte Antwort geben. So gaben 57 Prozent der russischen Journalisten und 87 Prozent der Kollegen in Uganda an, gegenüber ihren Regierungen als „Wachhund“ zu fungieren. Wenn das tatsächlich so wäre, dann würde die Pressefreiheit dort gewiss anders aussehen.

Ein drittes Problem der Journalismus-Studien liegt in ihnen selbst. Es gibt zu viele von ihnen. Fast jeder Student der Kommunikationswissenschaft bastelt an Umfragen für seine Semester- oder Abschlussarbeit. Viele Redakteure stöhnen über die Flut an Anfragen. Deshalb wandert immer mehr in den Papierkorb. Der Rücklauf ist auf zwanzig Prozent gesunken, klagten mehrere Forscher in Montreal. Wenn die Entwicklung so weitergeht, gibt es bald mehr Forscher, die etwas wissen wollen, als Redakteure, die ihnen antworten können.

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