Nur Visionäre erobern die Welt

„Vom Schaltwerk der Gedanken“ – Das neu erschienene Buch von Egon Friedell ist wieder ein Feuerwerk seiner schöpferischen Phantasie

Egon Friedell ist am 16. März 1938 vor den heranrückenden SA-Leuten aus seiner Wohnung in den Tod gesprungen. Wie die Fama erzählt, soll er vorher seine Brille abgenommen und „Vorsicht!“ nach unten gerufen haben. Friedells Wiener Fenstersturz hat ihn nicht nur aus dieser Welt gerissen, sondern leider auch aus dem Gedächtnis der Nachgeborenen. Bis heute ist sein Werk nur noch bei Wenigen wirklich präsent. Zu seinen Lebzeiten jedoch war Egon Friedell bekannt wie ein bunter Hund.

Der Mensch der Neuzeit

Was kein Wunder ist. Denn der 1878 in Wien als Egon Friedmann Geborene und 1904 zum „Dr. phil.“ Promovierte – seine Dissertation trägt den Titel „Novalis als Philosoph“ –, sorgt nicht nur als Theaterkritiker, Dramaturg, Schauspieler, Kabarettist und Bühnenautor in Österreich und Deutschland für Furore. Die wohl größten Leistungen vollbringt er auf einem Gebiet, das heute „Kulturwissenschaften“ genannt wird.

Während sich gegenwärtig im letztgenannten Fach allerlei Schaumschläger tummeln, war Friedell darin ein wirklicher Meister. Ein Meister allerdings, der sich allen platten Weltanschauungsmustern der seit anno 68 als Aufklärung daherkommenden Volksverdummung entzieht. Seit Rudi Dutschke & Genossen halbverdaute Brocken aus Marx-Lenin-Marcuse-und-Bloch einer verblüfften Öffentlichkeit entgegenschleuderten, ist krudester Materialismus auch im nichtsozialistischen Westen gesellschaftsfähig geworden. In diesem Kontext ist für einen Denker wie Egon Friedell kein Platz mehr. Er gilt als reaktionär.

Doch wenn das Diktum „reaktionär“ all jene treffen soll, die nicht bereit sind, materialistisch zu denken, dann hatten die Linksintellektuellen mit Friedells Verbannung in die Schublade „Hat sich erledigt“ Recht. Linke Denker zeichnen sich bekanntlich dadurch aus, dass sie beharrlich Ursache und Wirkung verwechseln. Egon Friedell tut das nicht: „Nicht durch die Entdeckung Amerikas, die Buchdruckerkunst, die Reformation ist die ,Neuzeit‘ entstanden, sondern weil um die Wende des fünfzehnten Jahrhunderts eine bestimmte Menschenvarietät, der ,Mensch der Neuzeit‘, die Bühne der Geschichte betrat, wurden die Küsten Westindiens erforscht, Bücher gedruckt, die Institutionen der römischen Kirche bekämpft.“

In diesem Zitat ist die denkerische Grundposition Friedells im Kern enthalten. Für diesen Mann ist die Welt nicht irgendwann unter großem Getöse aus einem Zufallsei gekrochen. Denn im Anfang war der Logos. Alles beginnt mit dem Wort des Schöpfergottes. Der Geist ist das Primäre, nicht die Materie. Gleiches gilt auch für alles was darauf folgt: „Gibt es etwas Schöneres als das Paradies? Und doch hatte es für Adam und Eva einen einzigen Fehler: Es war nämlich ihre Bestimmung. Und der Mensch hält nun einmal nur für das Paradies, was ihm nicht bestimmt ist. Also handelten die ersten Menschen ganz logisch und folgerichtig, als sie den Geboten Gottes nicht gehorchten, freilich nach einer vom Teufel erfundenen Logik.“

Als Schauspieler auf der Bühne

Egon Friedell hat bei Max Reinhardt Theater gespielt und zwar in Berlin und in Wien. Seine hellsichtigen Feuilletons werden überall gedruckt. Man reißt sich um seine Texte. Im Mai 1927 erscheint der erste Band seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“; ein Jahr darauf schon der zweite. 1936 kommt in der Schweiz die „Kulturgeschichte Ägyptens und des alten Orients“ heraus. Im selben Jahr steht Friedell ein letztes Mal als Schauspieler auf der Bühne. Seine „Kulturgeschichte Griechenlands“ und „Die Reise mit der Zeitmaschine“ kann er nicht vollenden.

Die 1897 erfolgte Konversion vom jüdischen Glauben zum protestantischen „Augsburger Bekenntnis“ hat Friedell in den Augen rassewahnsinniger Nationalsozialisten nicht zur persona grata gemacht. Friedell zufolge „ist das deutsche Volk nicht durch den Dreißigjährigen Krieg heruntergebracht worden, sondern weil es so her-untergebracht war, entstand der Dreißigjährige Krieg“. Wie er den Zweiten Weltkrieg analysiert und beurteilt hätte, kann man nach so einem Satz nur vermuten.

Einsamkeit und Größe

Wer Egon Friedells Max Reinhardt gewidmete „Kulturgeschichte der Neuzeit“ kennt weiß, dass sie faszinierend ist. So beginnt sie: „Durch die unendliche Tiefe des Weltraums wandern zahllose Sterne, leuchtende Gedanken Gottes, selige Instrumente, auf denen der Schöpfer spielt. Sie alle sind glücklich, denn Gott will die Welt glücklich. Ein einziger ist unter ihnen, der dieses Los nicht teilt: auf ihm entstanden nur Menschen. Wie kam das? Hat Gott diesen Stern vergessen? Oder hat er ihm die höchste Glorie verliehen, indem er ihm freistellte, sich aus eigener Kraft zur Seligkeit emporzuringen? Wir wissen es nicht. Einen winzigen Bruchteil der Geschichte dieses winzigen Sterns wollen wir zu erzählen versuchen.“

Wem hier das Herz aufgeht, wer nach diesen Anfangssätzen bei nächster Gelegenheit in eine Buchhandlung seines Vertrauens stürmt, um sich Friedells „Neuzeit“ in wetterfesten Karton einpacken zu lassen, den können wir nur ermuntern. Diese Kulturgeschichte führt uns luzide von der Renaissance bis zur Relativitätstheorie. Ihre Menschenporträts gehören zum Besten, was über große Geister je zu Papier gebracht worden ist. Friedell schreibt über alles. Selbst wechselnde Kleidermoden sprechen zu ihm, weil sie zu den Fäden eines Myzels gehören, die den Fruchtkörper einer Epoche offenbaren und zur Anschauung bringen.

Doch Achtung: Wer die „Neuzeit“ kauft, der sollte „Vom Schaltwerk der Gedanken“ gleich mit erwerben (Egon Friedell: Vom Schaltwerk der Gedanken. Diogenes Verlag, 672 Seiten, ISBN-13: 978-3257066-258, EUR 28,90). So heißt die bei „Diogenes“ in einem wunderschönen Schuber jüngst neu edierte Sammlung von „Essays zu Geschichte, Politik, Philosophie, Religion, Theater und Literatur“. Gewiss, eine Reihe von Friedells Menschenporträts aus der „Neuzeit“ hätte man dann doppelt. Aber dafür bekommt man auch sehr viel bislang nur verstreut in irgendwelchen Archiven Eingesargtes vor die entzückten Augen. Denn all das, was weiland in „Fackel“, „Schaubühne“, „Weltbühne“, „Neues Wiener Journal“, „Simplicissimus“ und „Berliner Zeitung am Mittag“ nur allzu gerne gelesen wurde, haben die beiden Herausgeber Daniel Keel und Daniel Kampa für uns zusammengetragen.

Im Kapitel „Abschaffung des Genies“ erfahren wir von Friedell Definitives über Vorurteile und Takt. Wer „Zur Psychopathologie des Schauspielers“ liest, wird fürderhin wie neugeboren seinen Sitz im Theaterparkett einnehmen. Wer „Literaturpolizei“ verkostet, bietet jedem sicherheitsfanatischen Innenminister spielend die Stirn. In dem Essay „Hat Christus gelebt?“ verabschiedet Friedell mit lockerer Hand jedwede Hybris sogenannter liberaler Theologen, und im Kapitel „Das Altertum war nicht antik“ ist er auf Augenhöhe mit Jacob Burckhardt.

Egon Friedells Bücher sind eine einzigartige Kunstkammer aus Einsicht, Klugheit und Esprit. In seinem sehr lesenswerten Nachwort nennt Wolfgang Lorenz Friedell einen „dramatischen Denker.“ Wir finden, das sitzt und hoffen sehr, dass ausgehend „Vom Schaltwerk der Gedanken“, eine fulminante Friedell-Renaissance einsetzen möge. Der ziemlich genau vor 70 Jahren von den braunen Barbaren in den Tod Gejagte hätte es mehr als verdient, aber auch unsere Zeit, deren Gedankenarmut sich nicht nur an römischen Universitäten offenbart.

Was sind die realsten Kräfte auf dieser Erde, und in welchen Menschen haben sie sich am reinsten verkörpert? Diese Frage treibt Friedell zeitlebens um. Sind es Cäsars praktischer Um- und Vorausblick oder Shakespeares schöpferische Phantasie? Können wir sie in Goethes Kenntnis der menschlichen Natur wiederfinden und in der Kraft, Gedachtes sogleich in Wirklichkeit umzusetzen? Für Egon Friedell sind die realsten Kräfte dieser Erde die menschlichen Ideale.

Friedell wusste, dass auf die Dauer nur ein Träumer die Welt erobern kann. Die großen Propheten des Alten Testaments sind solche Visionäre gewesen. Aus ihrem Wurzelwerk ist Egon Friedell erwachsen und hat als Christ Antworten gegeben, denen auch ein Rabbiner wird zustimmen können. Wer will, kann auch hierin Friedells Größe erkennen – und seine Einsamkeit. Denn wer soviel Weisheit und Weltwissen in sich verkörpert wie er, ist immer einsam. il

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