Nur der Katholizismus kann die Kultur noch retten

Ein Film und ein neuer Roman: Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq wird 60 Jahre alt. Von Alexander Riebel
Michel Houellebecq
Foto: dpa | Michel Houellebecq.

Eines ist bei Michel Houellebecq unzweifelhaft: Er beschrieb die christliche Kultur in seinen Romanen als gefährdet und sah das Problem dafür im Islam. Das war nicht erst in seinem Roman „Unterwerfung“ (2015) so, der am Tag des Anschlags auf das Satiremagazin Charlie Hebdo erschien, in „Plattform“ (2002) nahm Houellebecq bereits islamistischen Terror vorweg. Allerdings sah er die Gefährdung auch in der Lauheit der Christen selbst, denn die Hauptfigur in „Unterwerfung“ ist zwar Huysmans-Forscher und damit engstens mit der katholischen Tradition vertraut, aber er lässt sich treiben und letztlich willenlos in die im Roman beschriebene Islamisierung Frankreichs hineinziehen.

Es sind diese Ambivalenzen, die Houellebecq zum Liebling vieler Intellektueller machen, die immer auf ein Wort des Schriftstellers zur Lage hoffen, weil sie wissen, dass hier unverblümt Wahrheit zum Ausdruck kommt. So war bereits sein erster Roman „Ausweitung der Kampfzone“ (1999) ein viel beachteter Erfolg, worin er den Wirtschaftsliberalismus mit der Sexualität verband und die Ansicht nahelegte, dass auch der Liberalismus weder die Lage der Wirtschaft noch der Geschlechterbeziehungen verbessere. Die angebliche sexuelle Befreiung der 68er spielt dann auch im nachfolgenden Roman „Elementarteilchen“ (1999) eine Rolle, allerdings werden hier auch Fragen des Lebensschutzes und besonders des Klonens behandelt, das die Individualität des Menschen vernichtet.

All diese Themen hängen wohl auch mit der Hoffnung auf eine Renaissance des Katholischen zusammen, die Houellebecq hegt. So sagte er in einem Interview mit dem Magazin „Der Spiegel“ 2017: „Es gibt eine bemerkenswerte Wiederkehr des Katholizismus in Frankreich. Es ist ein Phänomen, das ich fühle, ohne es wirklich zu verstehen, und es ist weniger reaktionär, als vielfach behauptet wird... Die Demonstrationen gegen die Ehe für alle und das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare haben die Politik durch ihre Massenmobilisierung überrascht. Niemand hätte derlei für möglich gehalten. Die Katholiken in Frankreich sind sich ihrer Stärke so wieder bewusst geworden. Das war wie eine unterirdische Strömung, die plötzlich zutage trat. Für mich einer der interessantesten Momente in der jüngsten Geschichte.“ Nur ein Christentum oder ein Judentum, das über eine starke spirituelle Kraft verfüge, könne dem Islam noch Paroli bieten, meinte er in einer Rede in Berlin 2016. Aber: „Die Bürger werden in einem Zustand fortgesetzter Kindheit unterhalten, und der erste Feind, den unsere westliche Gesellschaft auszurotten versucht, ist das männliche Zeitalter, ist die Männlichkeit selbst.“ Houellebecqs ernste Bedenken gegenüber der Zukunft Europas hatten ihn vielleicht auch zu der Schlüsselstelle in „Unterwerfung“ veranlasst, François – auch der Name ist hier Programm – zur schwarzen Muttergottes nach Rocamadour reisen zu lassen; es ist die Stelle des Romans, in der der Hauptdarsteller seine Individualität zu verlieren droht – wieder eine dieser Ambivalenzen, die die kulturelle Existenz des heutigen Europäers bedrohen, sofern er überhaupt noch in der Lage ist, ein existenziell wahrhaftes Leben führen zu können. Und was hat Houellebecq künftig vor? Am Montag feiert er wohl seinen 60. Geburtstag, was auch nicht sicher ist, weil sich nicht genau feststellen lässt, ob er am 26. Februar 1956 oder 1958 geboren ist. Immerhin sind jetzt aber ein Film und ein Buch geplant. Der Film „Rester vivant: méthode“ (etwa: Am Leben bleiben: Methode) kommt am 11. April in die französischen Kinos mit dem Musiker Iggy Pop und Houellebecq selbst – er spielt einen Künstler, der an der Installation „Geheimnis des Lebens“ arbeitet. Der Roman soll die Liebe zum Thema haben, mit der der Autor noch nicht abgeschlossen habe, anders als mit der Politik. Offenbar ist er der Auffassung, politisch alles gesagt zu haben, was man nicht recht glauben möchte. Denn zumindest das Analysieren gesellschaftlicher Zustände gehört zum Metier dieses Autors. Das hat er auch in großer Ausführlichkeit mit seinen Gedichten belegt, wie etwa die Ausgabe der „Gesammelten Gedichte“ (2016), die eine zuweilen düstere Sicht auf das freigibt, was uns alltäglich begegnet. Dennoch – die Hoffnung bleibt. Zumindest in Frankreich sieht Houellebecq einen Überlebenswillen, weil die Demographie stimmt. Jetzt kommt es noch auf die spirituelle Kraft an.

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14.11.2020, 11  Uhr
Susanne Schröter
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