Netzwerk der Möglichkeiten von Erinnerung, Phantasie und Glauben

Ein Jahr nach seiner Eröffnung inszeniert Kolumba, das Kunstmuseum des Erzbistums Köln, einen neuen Ausstellungskosmos

Zebra, Löwe mit Jungem, Basset und Hirsch queren den Weg der Besucher auf der mittleren Ebene des Museums. Hinter den Tierskulpturen markieren auf verschiedenen Papierblättern die „Good Peoples“ einen farbigen Horizont. Aus der Kammer am einen Ende des Raumes funkelt der Kirchenschatz der Pfarrgemeinde St. Kolumba. Die Wand an der anderen Seite des Ausstellungsraums wird vom großartigen Kreuz aus Erp dominiert. Was auf den ersten Blick wie ein fragwürdig zusammengestelltes künstlerisches Ensemble anmutet, erweist sich beim näheren Betrachten, mehr noch: Verweilen in diesem Raum als berührendes Gesamterlebnis.

Die Schönheit der Dinge

Die naiv anmutenden Tierskulpturen, die Erich Bödecker von 1965 bis 1970 aus vorgefundenen Materialien wie etwa Beton und Holz formte, sind in Blickrichtung des Kreuzes aus dem zwölften Jahrhundert aufgestellt. Die in warmen Farben gehaltenen Papierblätter (1988 bis 1990) von Purvis Young korrespondieren ebenfalls mit dem Gekreuzigten, der, in einen noblen Mantel gewandet, nach seinem qualvollen Todeskampf eine wundersame Gelöstheit und Milde ausstrahlt.

Aber nicht nur in diesem Raum wird sie deutlich, jene Eigenwertigkeit der Ausstellungsobjekte, denen jedem für sich etwas Wesenhaftes, ein geheimnisvoll ruhender Kern innezuwohnen scheint. Von der „notwendigen Schönheit der Dinge“ spricht Museumsdirektor Stefan Kraus, und wer sich darauf einlässt und dafür öffnet, wird genau das erfahren, worum es in Kolumba geht: das individuelle ästhetische Erleben im Dreiklang von Ort, Architektur und Sammlung. Wie konsequent das Kunstmuseum des Erzbistums Köln“ dieses Spezifikum seines Konzepts auch ein Jahr nach seiner Eröffnung verfolgt, lässt sich seit einigen Tagen an der neuen Präsentation ablesen. „Der Mensch verlässt die Erde“ hat das vierköpfige Museumsteam den neuen Ausstellungskosmos betitelt, der, wie eine Besucherin treffend anmerkte, fast völlig neu und doch so vertraut wirkt.

Es mag jene Ruhe und Gelassenheit sein, den der spektakuläre Bau des Schweizer Architekten Peter Zumthor ausstrahlt und dem Museumsteam die so notwendige Freiheit gibt, ihrer Verantwortung gerecht zu werden, „ein Netzwerk assoziativer Möglichkeiten von Erinnerung, Phantasie und Glauben“ zu spannen, wie es im Begleitheft heißt. Die weiterhin fehlenden Beschriftungen an den sehr bewusst und mitunter fast asketisch positionierten Objekten prägen diesen Ort der Entschleunigung ebenso wie die wechselvollen Einfälle des Tageslichts. Auch die Maßnahme, Führungen nur außerhalb der Öffnungszeiten anzubieten, muss in diesem Zusammenhang genannt werden. Bereits 150 000 Besucher haben sich, mit einem kleinen Führer als Eintrittbillet ausgestattet, auf die sehr persönliche Erkundung der Räumlichkeiten mit Kunstgegenständen von der Spätantike bis zur Gegenwart gemacht.

Doch nicht so sehr die Zahl der Gäste oder die wissenschaftliche Aufarbeitung ist entscheidend, so Stefan Kraus, „sondern jeder Einzelne und seine Erfahrungen in einem lebendigen Haus“. Besonders sinnlich, ja spielerisch erfahrbar wird das beispielsweise in der aktuellen Schau an der „Kugelbahn“. Manos Tsangaris schuf 1997 diese „räumlich-installative Komposition für eine Person im Zentrum“. Jeder Besucher ist eingeladen, in der Mitte der aufwändigen Installation Platz zu nehmen, den Startknopf zu drücken und dann den verzweigten Bahnen der Kugeln mit Augen und Ohren zu folgen. Ein paar Schritte weiter schlagen mittelalterliche Handschriften eine geistige Brücke zu zeitgenössischen Skulpturen.

Die reichhaltig und liebevoll gestalteten Darstellungen einer Muttergottes mit Kind von Johannes Geisselbrunn (um 1650) oder der heiligen Dreifaltigkeit aus dem 17. Jahrhundert treten in Beziehung zu Gemälden ohne Titel, die in den vergangenen Jahren Heiner Binding mit den ihm eigenen behutsamen Farbsetzungen malte und die doch so komplex und üppig erscheinen. Weil die Besucher herausgefordert sind, Altes durch Neues und umgekehrt zu reflektieren, können sich zeitliche Differenzen auflösen und bewusst existentielle Fragen wie die nach der irdischen oder individuellen Zeit, nach Glaube und Gott aufwerfen.

Wer das Haus bereits kennt, wird rasch die Objekte finden, die bereits im ersten Ausstellungsjahr präsentiert wurden. Sie haben ihre „Heimatschaft“ gefunden, wie Kraus deren wohl endgültige Verortung in der Ausstellungsszenerie benennt. Das gilt etwa für die „Madonna mit dem Veilchen“ (um 1450) von Stefan Lochner, die weiterhin in beeindruckender Blickbeziehung dem Kölner Dom zugewandt ist. Das gilt etwa für die „Tragedia civile“ (1975) von Jannis Kounellis, eine blattvergoldete Wand, vor der ein Garderobenständer einen abgetragenen Mantel und einen Hut trägt. Der beständige Platz gilt natürlich auch für die Klanginstallation „Tauben von Kolumba“, die so wundersam in die freigelegte archäologische Erinnerungslandschaft 2 000-jähriger Stadtgeschichte im Erdgeschoss eingewoben ist. Auch das herrliche elfenbeinerne Kruzifix aus dem zwölften Jahrhundert trägt skulptural weiterhin als Solitär eine der Wände des größten Ausstellungsraumes. Schließlich schwebt auch Paul Theks „Fishman in Excelsis table“ (1970/71) nach wie vor unter der Decke seines Ausstellungsraumes und ruft den Betrachtern nochmals eindrucksvoll den Titel der aktuellen zweiten Präsentation ins Gedächtnis.

Sich überraschen lassen

Doch rund 90 Prozent der Ausstellungsstücke sind gewechselt worden oder – in Bezug auf die wohl definitiv fixierten Objekte – in neue ungewohnte, überraschende Dialogsituationen und Korrespondenzen gesetzt worden. Was Jahre lang am alten Standort unweit des Domes gleichsam als Laborsituation mehrmals im Jahr erprobt worden ist – eben die intensive und im tatkräftigen Sinne des Wortes wechselhafte Arbeit mit den eigenen Beständen und Sammlungen – wird nunmehr im neuen Haus jährlich als schlüssiger, neuer Ausstellungskosmos inszeniert. Ein Ritual soll dar-aus entstehen: Jeweils am 14. September wird Kolumba dann nach zwei Wochen selbst gewählter künstlerischer Exerzitien das Haus wieder öffnen und die Besucher mit einer neuen Präsentation aus seinem umfangreichen Bestand einladen: sich überraschen zu lassen, die Sinne zu aktivieren und über die persönliche geistige und geistliche Heimatschaft nachzudenken.

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