Musik, die innovativ und eingängig war

Sein wohl größter Konkurrent war Johann Sebastian Bach – Erinnerungen an den Komponisten Georg Philip Telemann in dessen 250. Todesjahr. Von Barbara Stühlmeyer
Foto: IN | Georg Philip Telemann.
Foto: IN | Georg Philip Telemann.

Georg Philip Telemann ist einer derjenigen Komponisten, bei denen Musikfreunde und Wissenschaftler über eine ausgezeichnete Quellenbasis verfügen. Von seinen unzähligen Werken ist ein großer Teil überliefert, aber noch nicht alles bekannt, sodass es, was ihn betrifft, nicht nur viel zu erforschen, sondern auch noch viel zu entdecken gibt. Telemann selbst gehört zu den ersten, die zur Schaffung eines Informationsnetzwerkes über ihn und seine Musik beitrugen, sind doch allein von ihm mehrere Beschreibungen seines Lebens überliefert. Was er dort erzählt, ist einfallsreich, informativ und oft auch unterhaltsam, denn letzteres war etwas, was Telemann als Mensch und Musiker nie verschmähte. Er wollte gut, sogar sehr gut sein, aber es war ihm auch immer ein Anliegen, mit seiner Musik die Welt ein wenig heller zu machen. Das bestreiten auch diejenigen nicht, die den ernsthaften Kontrapunktiker Johann Sebastian Bach dem gefälligen Telemann vorziehen, dessen charmanten Melodien und Harmonien man sich selbst dann nicht entziehen kann, wenn man es gerne wollte.

Dennoch wurde die Kontroverse darüber, ob es einem ernsthaften Musikforscher erlaubt sein dürfe, Telemann zu mögen, lange und heftig geführt und es musste in den Augen der Notenzähler und Fehlerfinder erst der Beweis geführt werden, dass Telemanns Musik nicht nur die Herzen erfreute, sondern auch den Geist. Dies aber gelingt nur, wenn man sich bewusst macht, dass Telemann und Bach völlig verschiedene Ausdrucksformen pflegen und daher zwar nicht verschiedenen Epochen, wohl aber unterschiedlichen Geistes- und somit Ausdruckswelten angehören. Immerhin musste Bach im Laufe seiner Karriere drei Mal hinter dem menschlich so anziehenden und künstlerisch so erfolgreichen Kollegen zurückstehen und trug ihm dies nicht nach, weil er im Gegensatz zu manch einem Musikwissenschaftler sehr wohl erkannte, welch ein Genie er vor sich hatte.

Georg Philip Telemann, der am 24. März 1681 in Magdeburg geborene und vor 250 Jahren am 25. Juni 1767 in Hamburg gestorbene Komponist ist heute wieder in aller Ohren präsent. Gesamtausgaben seiner Werke in Noten und CD-Einspielungen erfreuen seit einigen Jahren Musiker und ein Publikum, das seinen einstigen Liebling offenbar wiederentdeckt hat. Endlich, denn zu seinen Lebzeiten war Telemann ein Superstar, dessen Strahlkraft die seiner heute weit bekannteren Kollegen Johann Sebastian Bach oder Georg Friedrich Händel bei weitem übertraf.

„Die Geschichte ist die parteiischste alle Wissenschaften. Wenn sie sich einen Menschen erkoren hat, liebt sie ihn eifersüchtig und will von anderen nichts mehr wissen. Seit dem Tage, da die Größe Johann Sebastian Bachs erkannt wurde, ist alles, was zu seiner Zeit groß war, weniger als nichts geworden. Kaum verzeiht man Händel die Anmaßung, ebenso genial gewesen zu sein wie Bach und mehr Erfolg geerntet zu haben. Die anderen sind zu Staub geworden; mehr als alle Telemann, den die Nachwelt den Sieg entgelten ließ, den er zu seinen Lebzeiten über J.S. Bach davonzutragen wagte.“ Was der französische Schriftsteller Romain Rolland hier 1921 zusammenfasst, ist eine korrekte Zustandsbeschreibung der Rezeption Telemannscher Werke zu Beginn des 20. Jahrhunderts. „Dieser Mann, dessen Musik in ganz Europa von Frankreich bis Russland bewundert war, den Schubert einen unvergleichlichen Meister nannte, den selbst der strenge Mattheson für den einzigen Musiker erklärte, der über jedes Lob erhaben sei, ist heute vergessen und verachtet. … Er ist dem Eifer der Bach-Forscher zum Opfer gefallen, wie dem von Bitter, Wolfrum oder unserem Freund A. Schweizer, der nicht begreift, dass Bach mit eigener Hand ganze Kantaten von Telemann kopiert hat.“ Wie Rolland richtig anmerkt, war es die Bachrenaissance, die Telemann eine lange komplett aus dem Rennen schlug. Der einst alte Zopf Bach galt nun als der wahre Komponist, der ernsthafte Kontrapunktiker und Telemann machte man gerade das zum Vorwurf, was sein größtes Erfolgsrezept gewesen war, die Leichtigkeit, die Eingängigkeit und die Tagesaktualität seiner Musik.

Doch wer war der Mensch hinter dem Erfolg? Telemann hat sich aus Liebe für seinen Beruf entschieden, er war ein Autodidakt, der sich während seiner Schulzeit im Selbststudium mehrere Instrumente beibrachte und erste Kompositionen verfasste. Die Sorge seiner Verwandten, er könne Musiker werden und somit einen unehrenhaften Beruf ergreifen, zerstreute er, indem er sich mit dem Rektor der Schule, an die man ihn geschickt hatte, um ihn von seinen geliebten Instrumenten zu trennen, anfreundete, dessen Texte vertonte und danach die vakante Stelle des katholischen Kirchenmusikers übernahm. Während seines Jurastudiums in Leipzig gründete er ein Amateurorchester, dessen Aufführungen so erfolgreich waren, dass er zum Musikdirektor der Universitätskirche ernannt wurde. Dem Rechtswesen schenkte er danach keine Beachtung mehr, sondern arbeitete als Hofmusiker in Sorau und Eisenach, ging dann für neun Jahre als Musikdirektor und Kirchenmusiker nach Frankfurt am Main bevor er 1721 Johanneskantor und Musikdirektor in Hamburg wurde, was die Organisation der Musik an den fünf großen lutherischen Stadtkirche einschloss – damals eine der bedeutendsten Stellen, die ein Musiker in Deutschland einnehmen konnte. Wenig später bot man ihm auch die Leitung der Oper am Gänsemarkt an. Telemann war nun für den größten Teil der repräsentativen Musik in Hamburg zuständig. Dass er ein umgänglicher und verträglicher Mensch gewesen sein muss merkt man daran, dass er mit Johann Mattheson, der als Musiker und Musikschriftsteller am Dom tätig war und von dem wir wissen, dass er sich mit Georg Friedrich Händel duellierte und gegenüber Kollegen eine spitze Feder führte, gut zurechtkam. Das Arbeitspensum, zu dem er sich verpflichtet hatte, war immens: zwei Kantaten pro Woche und jährlich eine neue Passion waren das Minimum, dass die Hamburger von ihrem leitenden Musiker verlangten.

Telemann legte es darauf an, erfolgreich zu sein. Wie viele andere Kollegen ließ er Texthefte für seine Kantaten und Passionen drucken und an Subskribenten seiner Konzerte verkaufen, aber der Hamburger Ratsdrucker verweigerte ihm seinen Anteil. Hier zeigte der bodenständige Komponist sich konfliktfreudig, er ging vor Gericht und bekam Recht. Allerdings zogen sich die Streitigkeiten hin und um den Hamburgern zu zeigen, dass auch andere Städte an seiner Kunst interessiert waren, bewarb sich Telemann um das Leipziger Thomaskantorat und erhielt die Stelle. Die Hamburger bekamen einen gehörigen Schreck, als Telemann seine Kündigung einreichte und entschlossen sich, pragmatisch wie sie nun einmal sind, sein Gehalt um 400 lübische Mark zu erhöhen, weshalb Telemann in Hamburg blieb und Bach die ersehnte Stelle in Leipzig bekam. Schaut man sich den Musikmarkt heute an, kann man zufrieden konstatieren, dass die beiden damals einander schon gewogenen Musiker heute beide die Achtung genießen, die sie verdienen.

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