Manche Ausstellungen zeigen nicht nur Kunst, im besten Fall Meisterwerke, sondern verändern die Perspektive auf ganze Epochen. Das gilt auch für „A la manera de Italia“ („Nach italienischem Vorbild“) im Madrider Prado-Museum. Denn gewöhnlich lässt man die Renaissance kunsthistorisch mit dem Quattrocento beginnen: mit Florenz, Brunelleschi, Donatello, Masaccio, Alberti, Zentralperspektive, Antikenstudium und einem neuen Menschenbild.
Nach dieser verbreiteten Sicht wäre das Trecento, italienisch für das 14. Jahrhundert, lediglich ein Vorspiel. Doch lange bevor die Renaissance Europa eroberte, löste Italien bereits eine künstlerische Revolution aus. Hier setzt die Ausstellung an. Sie erzählt nicht die bekannte Geschichte der Renaissance als florentinischen Aufbruch um 1400, sondern fragt nach ihren Voraussetzungen und vor allem nach ihrer frühen Verbreitung im westlichen Mittelmeerraum. Im Mittelpunkt steht die Übernahme italienischer Vorbilder durch spanische Meister und Auftraggeber im 14. Jahrhundert. Dabei geht es nicht um Nachahmung, sondern um einen komplexen Austausch. Die stilistische Sprache des Trecento erscheint als eine Art „Lingua franca“, offen für Variationen und überraschende Mischformen. Die spanische Kunstgeschichte spricht von „estilo italogótico“ – einige Maler orientierten sich direkt an Giotto und der Schule von Siena.
Die spanischen Königreiche gehörten zu den ersten Regionen im Westen, die für die Ausdrucksformen des italienischen Trecento empfänglich waren. Handel, Diplomatie, Politik und dynastische Beziehungen erleichterten die Ankunft von Künstlern, Werken und Ideen. Schon in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts lassen sich transalpine Maler, Bildhauer und Goldschmiede in der Krone Aragon und im Königreich Mallorca nachweisen. Spanische Künstler wie der Hofmaler Ferrer Bassa dürften nach Italien gereist sein, um dort neue ästhetische und technische Ansätze kennenzulernen.
Materiale Vielfalt
Joan Molina Figueras, Kurator der Ausstellung und Leiter der Sammlung europäischer Malerei am Prado, betont den Ausnahmecharakter der Schau: „Ich halte diese Ausstellung für etwas ganz, ganz, ganz Außergewöhnliches.“ Die Leihgaben aus Malerei, Skulptur, Goldschmiedekunst, Handschriften und Textilien des 14. Jahrhunderts zusammenzubringen, sei „ein unglaubliches Unterfangen“. Mehr als 100 Exponate, über 57 Leihgeber, fast 30 davon international, etliche Werke, die ihren Ursprungsort nie verlassen hatten, machen sichtbar, wie weit die künstlerischen Verbindungen reichten. Dazu kommen Werke aus dem Prado selbst, „die noch nie zu sehen waren“
Der Prado arbeitet hier gegen sein eigenes Bild. Denn die große Sammlung des Museums ist im allgemeinen Bewusstsein vor allem eine Sammlung der Malerei auf Leinwand: Tizian, Rubens, Velázquez, Goya. Molina sieht die Ausstellung deshalb als Gegenpol zum üblichen Prado-Erlebnis. „Das Konzept basiert auf der Verschmelzung von Malerei und Gold, von Pigmenten und Vergoldung, was im 15. Jahrhundert dann verschwinden wird.“ Was hier zu sehen ist, unterscheide sich „radikal“ von jener Malerei, auf der der Ruhm des Museums beruht.
Im Zentrum steht eine Kunst von außerordentlicher materieller Raffinesse. Gold ist nicht bloß Verzierung. Es ist ästhetisches, symbolisches und optisches Element. Molina beschreibt eine Malerei, die „durch die Schaffung von Texturen, durch die Verwendung von Gold“ funktioniert, nicht als ornamentale Zugabe, sondern als aktiver Bestandteil des Bildes. Ursprünglich waren diese Werke auf bewegtes Licht angewiesen: Kerzen, Tageslicht, wechselnde Blickwinkel. Das Gold brachte die Oberflächen zum Leuchten, ließ sie wieder erlöschen, erzeugte Bewegung und Faszination. Heute lässt sich diese Wirkung nur noch annähernd rekonstruieren, doch die Ausstellung macht sie wieder erfahrbar.
Trecento auf spanisch
Gerade darin lag ein wesentlicher Grund für die Anziehungskraft des Trecento auf das spanische Publikum. Mehr noch als Stil oder Ikonografie faszinierte die technische Virtuosität: kostbare Materialien, glänzende Oberflächen, geprägte Goldgründe, raffinierte Texturen. Die Kunst des Trecento weckte Begehren, weil sie Schönheit nicht nur darstellte, sondern materiell erzeugte.
In Spanien wurde diese Sprache nicht einfach übernommen. Molina spricht von spanischen Malern, die italienische Vorbilder „auf sehr kreative Weise aufnehmen, durch eine Verschmelzung, durch einen Hybridismus, durch eine Vermischung“. Die Ausstellung handle davon, „diese Grenzen zu durchbrechen und zu sehen, wie sich die Vorbilder vermischen, verschmelzen und neue Schöpfungen hervorbringen – auf formaler, typologischer, struktureller und ikonografischer Ebene“. Es entsteht ein breites Panorama der Aneignung und Umformung.
Diese Kreativität zeigt sich auch ikonografisch. Italienische Marienbilder konnten in Aragon zu einer besonderen Form der „Veronika der Jungfrau“ führen. Die neuen Franziskanerheiligen erhielten in Spanien eigene Akzente, etwa in der monumentalen Figur der heiligen Klara auf Mallorca. In anderen Fällen verändert nicht das Bildmotiv selbst seine Bedeutung, sondern der Ort, an dem es erscheint. Ein toskanischer Flügelaltar mit der „Virgen de la Leche“ in der Kapelle San Pedro der Kathedrale-Moschee von Córdoba, unmittelbar vor den Mosaiken des islamischen Mihrabs, erzeugte ein visuelles Erlebnis, das nur auf spanischem Boden möglich war.
Eine besondere Rolle spielt der spanische Altaraufsatz. Ab dem zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts wurde er zum bevorzugten szenografischen Mittel, um den Kultraum zu dominieren. Hier konnten die raffinierten Techniken der polymateriellen Malerei in großem Maßstab erprobt werden. Vergoldete Metalle, geprägte Oberflächen und farbige Pigmente ahmten Brokate, Schmuck und kostbare Stoffe nach. Gold veredelte einfache Materialien und verwandelte die Oberfläche in einen aktiven Bildraum, der Licht aufnahm, brach und modulierte. Das Ergebnis war ein illusionistischer Realismus, der nicht allein Formen wiedergab, sondern materielle Eigenschaften hervorrief.
Die Ausstellung endet mit einer überraschenden Umkehrung der Perspektive. Nicht nur Spanien empfing italienische Impulse; auch Italien wurde von Spanien beeinflusst. Das zeigt Gherardo Starnina. Der toskanische Maler arbeitete in Kastilien und Aragon, besonders in Valencia, und kehrte 1402 nach Florenz zurück. Dort brachte er eine spätgotische Sprache mit, die er in Spanien verinnerlicht hatte. Molina formuliert es pointiert: „Es ist ein Weg des Hin und Her und der gegenseitigen Beeinflussung.“ Man könne Lorenzo Monaco oder sogar Fra Angelico nicht ohne diese valencianisch geprägte spätgotische Malerei Starninas verstehen. „Nach italienischer Art“ wird so am Ende auch zu „nach spanischer Art“.
Moderner als die Renaissance
Damit korrigiert die Ausstellung ein lineares Fortschrittsmodell der Kunstgeschichte. Das Trecento ist hier nicht bloß Vorstufe einer späteren, „eigentlichen“ Renaissance. Molina spricht lieber von einer „Dämmerung, einer strahlenden Dämmerung“. Die Malerei des Quattrocento werde intellektueller, rationaler, perspektivischer sein; die hier gezeigte Kunst dagegen besitze eine sinnliche Dimension, eine chromatische Lebendigkeit, bearbeitete Goldtöne, Reliefs und Texturen. Molina geht so weit zu sagen: „Ich glaube, es ist viel moderner als das, was später mit der Renaissance kommen wird.“
Der Besucher werde, so Molina, „unglaublich moderne Malerei in einer Welt sehen, die er für eine geschlossene, dunkle Welt hält“. Eine der Ideen der Ausstellung sei es, „diese Brillanz und außergewöhnliche Faszination gegen Ende des Mittelalters wiederherzustellen“. Das Mittelalter verabschiedet sich hier nicht düster, sondern als „prächtiges, wunderbares Kaleidoskop“.
Wer bis zum 20. September Madrid besucht, sollte den Prado deshalb nicht nur wegen Velázquez, Goya oder Rubens aufsuchen. „Nach italienischer Art“ zeigt eine seltene, kostbare und methodisch wichtige Ausstellung. Sie führt vor Augen, dass die Renaissance aus Begegnungen, Wanderungen, Aneignungen und materiellen Experimenten entstand.
A la manera de Italia. España y el gótico mediterráneo (Nach italienischem Vorbild. Spanien und die mediterrane Gotik) (1320–1420). Museo del Prado Madrid. Bis zum 20. September.
Der Autor schreibt als Historiker über Kunst und Kultur.
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