Moralismus ist die neue Religion

Moralismus ist zum neuen Lifestyle geworden. Ein Gespräch mit dem Journalisten und Philosophen Alexander Grau. Von Alexander Riebel
Alexander Grau, Philosoph
Foto: Privat | Der Philosoph Alexander Grau schreibt im Magazin "Cicero" regelmäßig die Kolumne "Grauzone".

Herr Grau, ist Moral unsere neue Religion? Und dies vielleicht darum, weil selbst der Religion im Moralismus der Gesellschaft nichts übrig bleibt, als moralistisch zu werden?

Moral ist unsere neue Religion. Ursache dafür ist allerdings nicht der Moralismus, sondern die Säkularisierung. Erst wurden die Erzählungen und metaphysischen Annahmen traditioneller Religion unglaubwürdig. Dann führten die Ersatzreligionen – Nationalismus, Sozialismus – in die Katastrophe. Das Gute erscheint vor diesem Hintergrund als letzter Sinnanker, der Kontakt zu einer höheren Sinnwelt zu garantieren scheint und zudem in eine heilsgeschichtliche Erzählung einbettbar ist. Wenn aber Moral zur Religion wird, müssen die letzten Restbestände traditioneller Religiosität moralistisch umgedeutet werden.

Was meinen Sie damit, dass die Religionen unglaubwürdig geworden sind?

Das Christentum macht eine Reihe metaphysische Annahmen, die dem modernen Menschen so fremd geworden sind, dass selbst eine symbolische Lesart schwerfällt. Das ist im Kern das Problem der christlichen Kirchen in Europa. Die Vorstellungs- und Glaubenswelt, die Sprache und die Bilder einer antiken orientalischen Erlösungsreligion sind nicht mit dem Vokabular und dem Denken der Moderne vereinbar. Spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts haben wir es daher mit einer massiven Entchristianisierung im Bürgertum und der Arbeiterschaft zu tun. Was bleibt ist ein gewisses Kultur- und Kasualchristentum, das sich aber von der christlichen Dogmatik weit entfernt hat und häufig in fernöstliche Spiritualitätstechniken flüchtet, deren metaphysische Annahmen leichter mit dem wissenschaftlichen und technischen Denken unserer Zeit vereinbar sind.

Sie schreiben in ihrem neuen Buch „Hypermoral“, das Christentum setzt als Religion zwar eine zugängliche Ordnung voraus, mittels Ritualen und Gebeten. Die Moral der Offenheit aber – Gläubige geben sich zunehmend offen, aufgeschlossen, neugierig – führe vom erlösenden Gott weg zur gnädigen Gesellschaft. Was hat es mit dieser neuen Offenheit auf sich?

Nichts spricht gegen Offenheit. Aber es hat sich in den letzten Jahrzehnten eine Ideologie der Offenheit breitgemacht, die eben alles andere als offen ist, sondern letztlich verbohrt. Gefeiert wird das Diverse, Flexible, Plurale. Alles hat spannend, superinteressant und voll gut zu sein. Wer diese Affirmation der Vielfältigkeit nicht mitmacht, wird als intolerant ausgegrenzt. Es kommt zu einem Vielfaltsparadox: Wo alle Vielfalt wollen, ist das Ergebnis Eintönigkeit.

Können Sie die neue Moral noch etwas näher bestimmen?

Die neue Moral ist gar nicht so neu. Sie entstammt im Wesentlichen der Emanzipations- und Ökologiebewegung der 70er Jahre. Ihre Ideale bezieht sie daher im Wesentlichen aus dem Arsenal der politischen Linken. Das Neue ist, dass sie seit den 90er Jahren die mediale und kulturelle Deutungshoheit erobert hat und mit entsprechender Penetranz auftritt.

Sie zählen zur neuen Offenheit auch die Gesellschaft im Modus permanenter Veränderung von überlieferten Wertvorstellungen und Normen. Kann man in der neuen Elite, die vom Mainstream der Massengesellschaft kaum noch unterscheidbar ist, nicht mehr anders, als Sieger sein zu wollen und die Umwertung der Werte beschleunigen?

Gesellschaften funktionieren nach der Logik ihres sozioökonomischen Systems. Die Ideologie der Offenheit ist das notwendige Resultat einer globalisierten Wirtschaft. Deren Eliten wirken über die globalen Massenmedien als Vorbilder. Moralismus wird zum Lifestyle, der meine Zugehörigkeit zur Gruppe der Modernen, Polyglotten und Erfolgreichen beglaubigt. Die Transformation der Werte, die wir beobachten, ist daher ein Stück weit unvermeidbar und konsequent.

Der innere Widerspruch der multikulturellen oder pluralistischen Gesellschaft ist doch, dass sie selbst nicht pluralismusfähig ist, also nur den modernen Gesinnungslifestyle duldet...

Richtig. Der tatsächlich tolerierte Meinungskorridor ist in unserer angeblich so pluralistischen Gesellschaft denkbar eng geworden. Das ist das eigentlich Bedrohliche. Betrachten Sie nur die Medien. Ein Moderator wie einst Gerhard Löwenthal wäre heute unvorstellbar. Und das ist kein gutes Zeichen.

Die pluralistische Gesellschaft tritt mit ihren Werten universalistisch auf, die gültig für jeden und überall seien. Wie sehen Sie die Zukunft kultureller Identitäten oder lokaler Traditionen? Sie sprechen von einem Krieg gegen die Herkunft.

Eine globalisierte Wirtschaft braucht global verschiebbare Arbeitskräfte und einen globalen, möglichst homogenen Markt. Der universalistische Linksliberalismus liefert die passende Ideologie dazu. Herkunft und Tradition werden abgewertet. Die Individuen definieren sich nicht mehr über ihre Abstammung und Prägung, sondern suchen sich ihre Identität auf dem globalen Markt von Identitätsangeboten zusammen. Wer diese Ideale nicht teil, wird als Abgehängter gebrandmarkt.

In Ihrem Buch klingt die Sorge an, dass es aus der nivellierten Einheitsgesellschaft kein Entkommen mehr gibt, wie man früher in andere Erdteile emigrieren konnte. Die Rhetorik der Alternativlosigkeit unterstreicht das...

Wie gesagt: Diese Entwicklungen gehorchen einer inhärenten Logik. Insofern denke ich tatsächlich, dass es da kein Entrinnen gibt, solange man an dieser Gesellschaft teilhaben will. Erst ein ökonomischer Zusammenbruch, der die Grundlagen unserer Gesellschaft nachhaltig erschüttern würde, könnte daran etwas ändern.

Der neue Moralismus reagiert auf seine Gegner empört oder „sprachlos“ mit Pathologisierung und sozialer Ächtung – können Sie das erläutern?

Zum herrschenden Moralismus gehört, dass er sich selbst nicht als Ideologie sieht, sondern schlicht als Anwalt des objektiv Guten. Die Konsequenz: Wer das nicht einsieht, muss an intellektuellen, sozialen oder emotionalen Defiziten leiden. Beispiel Migration: Wer die derzeitige Einwanderungspolitik kritisiert, gilt entweder als empathielos oder von Ängsten erfüllt. Er wird pathologisiert und im Grunde als Patient abgestempelt, den man behandeln muss.

Wie kann sich das moderne Individuum noch selbst verstehen? Man will das ganz Andere sein, wird man aber so bezeichnet, ist es Diskriminierung.

Die wenigsten von uns wollen tatsächlich hinter den modernen Individualismus zurück. Das wäre absurd. Man muss den Gedanken des Individualismus nur ernst nehmen. Nichts spricht dagegen, ganz anders sein zu wollen als alle anderen. Dann muss man aber auch bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. Wer ganz anders sein will, muss es eben auch ertragen, dass andere ihn als ganz anders wahrnehmen. Alles andere ist infantil.

Müssten die Kirchen also nicht unzeitgemäß werden, um sich ihrer Verklärung zur Moral zu entziehen?

Meiner Meinung nach ja. Die Erlösungstat Christi bestand ja nicht darin, die Welt ökologischer oder sozial gerechter gemacht zu haben, sondern darin, zu zeigen, dass es genau darauf nicht ankommt. Auch in einem ökosozialpazifistischen Paradies wäre der Mensch noch erlösungsbedürftig. Das Reich Gottes ist nicht durch Mülltrennung oder Friedenarbeit zu erreichen, denn das Reich Gottes ist inwendig in jedem Einzelnen. Daher ist das christliche Leben kontemplativ, weltabgewandt.

 

Zur Person

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur-und Wissenschaftsjournalist. Im Magazin „Cicero“ schreibt er die Kolumne „Grauzone“. Zuletzt veröffentlichte Gau das Buch „Hypermoral – Die neue Lust an der Empörung“ (DT vom 18.1). Claudius Verlag, 128 Seiten, ISBN-13: 978-353262-803-4, EUR 12,–

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