Mit der Sekte im „moralischen Relativismus“

In seinem Buch über Tom Cruise kämpft Andrew Morton gegen Scientology, stellt aber unbewiesene Thesen auf

Den Zeitpunkt für das Erscheinen seiner „nicht autorisierten Biographie“ über Hollywood-Schauspieler Tom Cruise hätte Autor Andrew Morton nicht besser wählen können. Kaum hatten sich die ersten Wellen um die Dreharbeiten für den Spielfilm „Walküre“ („Valkyrie“) gelegt, in dem Tom Cruise Claus Schenk Graf von Stauffenberg darstellen soll, wird mit seinem Buch „Tom Cruise. Der Star und die Scientology-Verschwörung“ die Diskussion neu entfacht.

Denn die Hauptfrage, der Andrew Morton in den etwa 430 Seiten seiner Biografie nachgeht, lautet: In welcher Beziehung stehen Tom Cruise und Scientology zueinander? Nach Mortons Schilderung kam Tom Cruise (geb. 1962) erstmals im Jahre 1986 mit den Schriften des Scientology-Gründers Ron Hubbard in Berührung: „Tom fing an, sein Leben auf der Basis von Hubbards berühmten Satz vom moralischen Relativismus zu leben: ,Wenn es für dich nicht wahr ist, dann ist es unwahr.‘ Langsam, fast unmerklich tauschte er seine Familie und seine Erinnerungen an eine unglückliche Vergangenheit gegen die neue, strahlende Familie der Scientology ein.“

Laut Morton beeinflusste die Sekte immer mehr Tom Cruises Leben. So sei die Trennung von Nicole Kidman im Jahre 2001 nach zehnjähriger Ehe auf Betreiben von Scientology erfolgt – aus Angst vor dem möglichen Einfluss der gläubigen Katholikin auf Cruise. Die darauffolgenden Affären des Schauspielers mit dem kolumbianischen Model Sofía Vergara sowie mit der spanischen Schauspielerin Penélope Cruz seien auch daran gescheitert, dass die beiden nicht bereit gewesen seien, ihren katholischen Glauben aufzugeben.

Als Scientology-Chef David Miscavige Tom Cruise im Jahre 1989 zu einem exklusiven Treffen ins Scientology-Camp Golden Base einlud, wollte Miscavige laut Morton den Schauspieler systematisch zum zweitmächtigsten Scientologen weltweit aufbauen. David Miscavige habe, so Morton, die außerordentliche Bedeutung Tom Cruises für die Sekte erkannt.

Im Jahr 1989, als Scientology unter dem Druck der Steuerfahndung stand, „war Cruise die Kavallerie, die ihr zu Hilfe kam“. Morton weiter: „Mehr als jeder andere Filmstar ist Tom ein Messias, der die Ängste und Zweifel unserer Zeit bricht und widerspiegelt, der sich der uneingeschränkten Macht der Stars in der heutigen Zeit bedient und unsere Neigung zu religiösem Extremismus und das unfassliche Ausmaß der Globalisierung ausnutzt.“ Tom Cruise könne helfen, weitere Prominente zu rekrutieren – als Zielobjekte nennt der Buchautor die Cruise-Freunde David und Victoria Beckham. Darüber hinaus sei Tom Cruises Filmprojekt „Walküre“ eigentlich eine PR-Kampagne von Scientology. Die Darstellung des Hitler-Attentäters durch Cruise solle der Organisation zu mehr Ansehen in Deutschland verhelfen.

Als Kronzeuge für diese Behauptungen führt Morton den deutschen Christian Markert an, der von sich behauptet, ein leitender Scientologe gewesen zu sein. Markert will an einer Besprechung zwischen Tom Cruise und David Miscavige im April 2007 teilgenommen haben, bei der diese Strategie festgelegt worden sei.

Mortons Umgang mit der Reaktion auf Markerts Aussage ist typisch für jedwede Verschwörungstheorie: „Die diskreditierende Strategie von Scientology war teilweise erfolgreich, denn ein deutscher Rundfunksender schlussfolgerte, dass Markerts Geschichte Widersprüche enthalte und in ihrer Gesamtheit nicht glaubhaft sei. Die Heftigkeit und das Ausmaß der Diskreditierungsversuche legten jedoch nahe, wie wichtig er für die Organisation gewesen sein muss.“

In einem Interview mit „Spiegel online“ antwortete Andrew Morton auf die Frage „Und was plant Cruise in Deutschland?“: „Er wird vermutlich sehr viel Zeit hier verbringen, um seinen Film zu promoten. Das ist sein Job. Deutschland ist ja eine der letzten Bastionen gegen seinen Glauben – und Cruise will die Bastion Deutschland nehmen.“

Warnen davor etwa Pfarrer Thomas Gandow, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, der Tom Cruise als „Goebbels von Scientology“ bezeichnet, sowie Historiker Guido Knopp, der ebenfalls den amerikanischen Schauspieler mit NS-Propaganda-Minister Joseph Goebbels verglich, so erinnert Claudius Seidl in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ daran, dass „dem Projekt, nach Lektüre des Drehbuchs und Gesprächen mit Autor, Regisseur und Hauptdarsteller, alles andere als eine Scientology-Lastigkeit“ bescheinigt werden könne. „Was am deutlichsten gegen alle Verschwörungstheorien spricht“, führt Seidl weiter aus, „ist die profane Tatsache, dass Cruise und seine Ex-Agentin Paula Wagner zwar große Anteile an United Artists halten. Aber die Mehrheit gehört diversen Hedge-Fonds, und die wollen Geld sehen, keine Propaganda.“

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid für „Bild am Sonntag“ hält zurzeit fast jeder zweite Bundesbürger (47 Prozent) Tom Cruise für gefährlich. Die Darstellung des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg könnte zwar dem Hollywood-Star in Deutschland weitere Sympathien einbringen. Ob dies aber auch für Scientology zutrifft, steht auf einem anderen Blatt. Sein Eintreten für die Sekte, etwa in einem im Internet aufgetauchten, offenbar internen Scientology-Video aus dem Jahre 2004, sorgt eher für negative Schlagzeilen. Die beliebte TV-Moderatorin Oprah Winfrey dazu: „Der Junge dreht durch“.

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