London

Mit der Schönheit zur Wahrheit

Die Königin ist tot - das Leben geht weiter: Ein Sonntagsspaziergang durch London.
John Henry Kardinal Newman
Foto: PW | Auch John Henry Kardinal Newman hat in London Spuren hinterlassen - eindrucksvolle und glaubensstarke.

London ist eine grüne Großstadt. Mit Hyde Park, Kensington Park, St. James‘ Park und Green Park sind gerade die großen Parks genannt. Neben der alten City of London und der alten City of Westminster, die von vielen als die eigentliche Innenstadt von London angesehen wird, gibt es auch das moderne London mit der beeindruckenden Skyline. Es ist erstaunlich, wie es gelungen ist, grüne Parks, alte und moderne Bausubstanz zu integrieren. Schönheit spielt in London eine große Rolle. Schön ist die Architektur, schön sind die Parks und schön sind die Traditionen. Ein Wachwechsel der Garde ist großes Kino. Schönheit schlägt sich aber nicht nur in den Bauten, Kultur und Traditionen nieder. England ist im Kern ein christliches Land.

Wer an einem Sonntag die Gelegenheit hat, eine feierliche „Sung Eucharist“ in der Westminster Abbey zu erleben, sollte sich dies nicht entgehen lassen. Es tut weh, keine Mahlgemeinschaft mit der Kirche von England zu haben. Der Schmerz ist nötig, um die Sehnsucht nach und das Gebet um Einheit hochzuhalten. Der Schönheit der Liturgie, der Sorgfalt der Ausführung und dem stilvollen Umgang tut das keinen Abbruch. Nach Schlusssegen und Auszug lehrt sich die Abbey langsam. Noch einmal nickt man dem Steward freundlich zu, der einen vor dem Gottesdienst an den Platz geführt hat. Dann steht man wieder mitten in Westminster.

„Ausgehend von der Westminster Abbey die Schönheit im Rücken,
der Schönheit folgend, sind wir bei der katholischen Wahrheit gelandet.
Das Schöne und das Wahre führen immer aufeinander zu“

Es ist eine böse Unterstellung, dass London immer im Nebel liegt. So schien am Sonntag nach dem Tod Ihrer Majestät Königin Elisabeth II. eine milde Septembersonne über der City. Das schreit geradezu nach einem Sonntagsspaziergang. Keine Tube und kein Doppeldecker, die eigenen Füße tragen uns nach South Kensington. Es bietet sich an, den Weg durch die Parks zu nehmen.

Die Themse im Rücken biegt man rechts ab in Richtung St. James‘ Park. Der Parliment Square führt an zahlreichen Denkmalen von Kriegshelden vorbei. Die Downing Street wird von Polizisten bewacht. Wenige Meter weiter geht es zwischen zwei Horse Guards hindurch über den berühmten Platz der Horse Guards Parade. Etwas wehmütig schweift der Blick über den Platz, auf dem die berühmte Parade „Trooping the Color“ jährlich den Geburtstag der gerade verstorbenen Queen beging.

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Königin von Gottes Gnaden 

An diesem Sonntag lag die Queen in Edinburgh. London bereitete sich vor, von der verstorbenen Königin Abschied zu nehmen. Defensor fidei, diesen Titel trug die Königin zu Recht. Ihr persönlicher Glaube korrelierte mit ihrem Pflichtgefühl und noch mehr mit ihrem Verständnis von Königtum. Es wurde ihr von Gott verliehen, man könnte sagen zugemutet, und sie hat es getragen bis zum Tod. Noch immer entfaltet der christliche Glaube prägende Kraft. Die Königin, die hier gefeiert wurde, war eng mit der Kirche verbunden, die wir gerade besucht hatten.

Sie hat dort geheiratet, sie wurde dort gekrönt und dort wird der Trauergottesdienst für sie gefeiert werden. Dennoch können in London wie in fast jeder westlichen Metropole am Sonntag nicht einmal die Shoppingmeilen innehalten. Die Geschäfte sind geöffnet und wer von hier, statt in Richtung St. James‘ Park abzubiegen, weitergeht zum Trafalgar Square und von dort Richtung Piccadilly Circus läuft, steht unvermittelt im Einkaufstrubel. Nein, unser Weg führt durch den Park in Richtung Buckingham Palace.

Ein Volk in disziplinierter Trauer

Dort, in der Wohnung über dem Laden, wie der im vergangenen Jahr verstorbene Prinz Philip mit seinem unvergleichlichen Humor die „Dienstwohnung der Königin“ nannte, hat Elisabeth II. über 70 Jahre gelebt und regiert. Eine große, goldene Statue einer ähnlich großen Königin, Queen Victoria, steht vor dem Palast. Am Zaun des Palastes stapeln sich die Blumen. Die Engländer nehmen Abschied von ihrer Königin. Es ist keine erstarrte Trauer, wie sie beim Tod der einstigen Prinzessin Diana zu spüren war, die ein brutaler Unfall mitten aus dem Leben gerissen hatte. Hier begeht ein Volk in disziplinierter Trauer den Tod seiner geliebten Monarchin.

Für Christen ist der Tod nicht das Ende. Als Christin glaubte auch Elisabeth II. an die Auferstehung. Die Zeremonien der Staatstrauer atmen den christlichen Geist der britischen Tradition. Man sieht durchaus Tränen bei den Menschen, doch wenn man sich umsieht, sieht man mitten in den Tränen auch Lächeln. „Sie hat es geschafft, sie ist bei ihrem Philip“, murmelt eine sonntäglich gekleidete ältere Lady, die ein sehr schönes Blumengebinde vor den Zaun legt, einen Moment verharrt, tatsächlich einen perfekten Hofknicks macht und weitergeht.

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Die Parks sind ein Paradies für Spaziergänger und Sportler

Andere wollen auch Blumen niederlegen. Die Disziplin der Briten ist sprichwörtlich. Ein Blick über die Schulter zum Palace, dann geht es durch den Green Park in Richtung Wellington Arch. Das Tor dort war für den Buckingham Palace gedacht, doch gefiel es Queen Victoria nicht, so landete es hier. Auch hier wieder Denkmäler und Statuen. Nun geht es noch ein kurzes Stück durch den Hyde Park, der angefüllt ist von Sehenswürdigkeiten und in den Kensington Park übergeht.

Hier ist nicht nur ein Paradies für Spaziergänger, auch Sportler aller Art finden sich hier ein. Am Rosengarten vorbei müssen wir wieder links abbiegen. Über Knightsbridge geht es auf die Brompton Road. Leider ist hier wieder viel Betrieb, doch unser Ziel, South Kensington erreichen wir so am besten. Lächelnd geht der Blick auf Harrods. Einmal im Leben sollte man drin gewesen sein. Heute nicht, heute geht es weiter die Straße herunter, die wieder alte und neue Häuser verbindet. An der Brompton Road findet sich unser Zwischenziel. Das berühmte Brompton Oratory, wo die Oratorianer ein lebendiges katholisches Zentrum mitten im anglikanischen London betreiben.

Newman suchte die Wahrheit und wurde katholisch

Hier ist nicht nur täglich Messe im alten und neuen Ritus, hier ist Beichte, Anbetung. Hier ist eine Newman geweihte Kapelle. Noch im Reden über diesen großen Heiligen der Briten, schaut dieser plötzlich auf uns herab. Vor dem Oratorium steht eine Statue des Heiligen in beeindruckender Größe. Wir sind angekommen. Mit Blick auf Kardinal Newman fällt es mir wie Schuppen von den Augen. In einem übertragenen Sinn sind wir gerade seinen Weg gegangen.

Ausgehend von der Westminster Abbey die Schönheit im Rücken, der Schönheit folgend, sind wir bei der katholischen Wahrheit gelandet. Das Schöne und das Wahre führen immer aufeinander zu. Wer wüsste das besser als Newman, der in seinem Leben konsequent die Wahrheit suchte und katholisch wurde. Es ist noch Zeit für ein Dankgebet in der Newmann–Kapelle im Oratorium für die wunderbare Katechese in Gestalt eines herrlichen Sonntagsspazierganges. Unter dem Porträt des Heiligen steht in Latein: „Aus Schatten und Illusion in die Wahrheit.“

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