Mission auf den Knien

Theresia von Lisieux und die Sakramente der Kirche: Ein Spiegel des christusverbundenen Lebens der französischen Kirchenlehrerin. Von Klaus-Peter Vosen
Foto: IN | Theresia von Lisieux im Garten des Karmel von Lisieux.
Foto: IN | Theresia von Lisieux im Garten des Karmel von Lisieux.

Die Spiritualität der heiligen Theresia von Lisieux ist durch und durch christozentrisch: Der lebendige Herr stellt – gerade in den Mysterien seiner Menschwerdung und Passion – die strahlende Sonne dar, um die das ganze Leben dieser französischen Karmelitin (1873–1897) kreist. So haben neben dem Wort Christi gerade seine Sakramente für Theresia größte Bedeutung. Es sind die von ihm eingesetzten Heilszeichen, aus denen sich wie aus einem sprudelnden Brunnen die für Theresia so zentrale Verbundenheit mit ihm speist und erneuert.

Die Taufe empfing die spätere Kirchenlehrerin bereits am 4. Januar 1873, zwei Tage nach ihrer Geburt. Diese für uns heute sehr kurz erscheinende Zeitspanne macht deutlich, dass die Heilige einer Epoche entstammte, in der man von der grundsätzlichen Heilsnotwendigkeit dieses Sakraments überzeugt war und nicht das Risiko eingehen wollte, ein Kind ungetauft in die Ewigkeit gehen zu sehen. Die Kindersterblichkeit war damals noch hoch. So streng wurde in dieser Hinsicht die Elternpflicht betont, dass die nach unserem Ermessen so kurze Zweitagesfrist, die bei Theresia zwischen Geburt und Taufe lag, in ihrem Seligsprechungsprozess geradezu problematisiert wurde. Warum war die Kleine nicht noch früher getauft worden? Mit der Erklärung der Familie, man habe noch auf das Eintreffen des Paten gewartet, gaben sich die Richter dann zufrieden. Für Theresia ist die Taufe der Zugang zu Gott, und diese Überzeugung scheint noch in einem ihrer Worte vom Tag ihrer Krankensalbung auf.

Die Taufe eröffnet den von Gott gewollten Weg in seine Herrlichkeit, wenngleich die Heilige auch die damals gängige Auffassung von der voraussetzungslosen Verdammnis für alle Nichtgetauften oder auch das theologische Konstrukt eines „Vorhimmels“ etwa für ungetauft verstorbene Kinder ablehnt. Theresia trägt bewusst Mitsorge für die Taufe von Heidenkindern in den Missionen, und auch ihre Auffassung von ihrer posthumen Aktivität – sie will Gnadenrosen streuen, ihren Himmel damit verbringen, auf Erden Gutes zu tun, worunter nicht zuletzt auch Hilfe für das ihr auf Erden so teure Missionswerk der Kirche zu sehen ist – gehört hierher.

Ein Schlüsselerlebnis: die Bekehrung eines Mörders

Die Schwierigkeiten bei der Erfüllung der Aufgabe, Menschen zu Christus zu führen, von denen ihr die priesterlichen Briefpartner aus den Missionen berichten, verkennt Theresia nicht. Sie weiß um den „Kampf“ der Missionare. Doch vertraut sie auf die Kraft des Gebetes für die Bekehrung der Menschen. Was solches Gebet vermag, hat Theresia durch ihr Eintreten für den Mörder Pranzini selbst erfahren und kann deswegen ihre kontemplative Berufung zugleich von vorneherein durch und durch missionarisch sehen, wenn sie bekundet, sie sei in den Karmel eingetreten, „um Seelen zu retten“. Theresia sieht aber auch stets die Notwendigkeit, dass die Getauften sich bekehren: Sie müssen stets um die Wahrung oder Wiederherstellung der Taufunschuld bemüht sein, wenn sie ihrer hohen Würde entsprechend leben wollen.

Zur heiligen Beichte ging Theresia erstmals Ende 1879 oder Anfang 1880, so früh, dass der Priester die vor dem Gitter des Beichtstuhls Kniende nicht sehen konnte, und sie bitten musste, aufzustehen. Die Heilige war sieben Jahre alt. Die erste heilige Kommunion hat sie erst viel später, am 8. Mai 1884 empfangen, wie es den Gewohnheiten der Zeit lange vor den Kommuniondekreten Papst Pius' X. entsprach. Dies nach heutiger – und berechtigter – Auffassung problematische Auseinanderklaffen von Erstbeichte und Erstkommunion verlieh ersterer gleichwohl ein starkes Eigengewicht. Bemerkenswert war bei Theresia, dass ihre Erfahrung mit der ersten heiligen Beichte überwältigend positiv war – trotz allem, was man über die Handhabung dieses Sakraments in vorkonziliarer Zeit vielfach äußern und über das 19. Jahrhundert insgesamt meint mutmaßen zu können. Für die kleine Theresia, die von den Eltern und ihren leiblichen Schwestern eine gute, gründliche Glaubenserziehung erhalten hatte, war der Priester freilich nach ihrem eigenen Bekunden auch „Jesus“, das heißt, sie sah das Geschehen von Bekenntnis und Sündenvergebung ganz von seiner übernatürlichen Seite her. Theresia beichtete damals, so ihre eigene Aussage „mit einem tiefen Glaubensgeist“, mit dem Bewusstsein, dass sich durch die Absolution tatsächlich an ihrer Lebenswirklichkeit Entscheidendes änderte. So wurde ihr Beichten zu einem frohen, fröhlichmachenden Tun. Hiervon gibt sie Zeugnis, wenn sie ihre Stimmung nach der Erstbeichte beschreibt. Theresia, die regelmäßig beichtete, ist sicher auch durch die heilige Beichte zu der Heiligkeit herangereift, die sie dann auszeichnete. Dem gibt der Priester Faucon Ausdruck, wenn er Theresia vor ihrem Tode sagen, und ihr damit eine große Freude bereiten konnte, dass sie niemals eine freiwillige lässliche Sünde getan habe.

Wurde die christozentrische Sicht der Sakramente, die Theresia von Lisieux an den Tag legt, bezüglich der Beichte schon offenkundig – der Priester ist „Jesus“ – so muss sie naturgemäß bei der Eucharistie besonders stark hervortreten. Vielfältig sind die Zeugnisse, die von der Beziehung der heiligen Ordensfrau zu Christus im Altarsakrament sprechen. Auch auf die Erstkommunion, die sie im Alter von elf Jahren empfing, wurde Theresia von ihrer Familie vor allem von ihren älteren Schwestern, gut und liebevoll vorbereitet. Die Erste heilige Kommunion hat sie als den ersten „Kuss“, den Jesus ihrer Seele gab, verstanden, und ein Vorgang der Liebe, ein Verschmelzen, ist der Empfang der heiligen Eucharistie für sie zeitlebens geblieben.

Liebe beinhaltet aber immer auch Ehrfurcht vor dem Geliebten: Den Schwestern im Karmel blieb unvergesslich, wie ehrfürchtig und freudig Theresia in der Ausübung des Sakristeidienstes versehentlich vergessene Kommunionpartikel barg. Die heilige Kommunion ist nach der heiligen Kirchenlehrerin unvergleichliche Seelenstärkung und schafft zugleich Gemeinschaft mit der ganzen Kirche, mit Lebenden und Verstorbenen. So hält sie am Erstkommuniontag die für sie schmerzliche Tatsache aus, dass Pauline, ihre zweitgeborene Schwester, die sie nach dem Tod der Mutter Zélie zu ihrer neuen „Mama“ erkoren hatte, bei der Feier nicht zugegen sein kann, weil sie zu jenem Zeitpunkt schon Karmelitin ist und just an Theresias Erstkommuniontag im Kloster ihre Profess ablegt. Im Sprechzimmer können die beiden nachmittags einander begegnen. Ihre Mutter selbst aber weiß Theresia an ihrem Gnadentag ganz nah zugegen, denn wenn Christus in eine Menschenseele einzieht, so bringt er nach ihrer Überzeugung seinen ganzen himmlischen Hof mit.

Auch die heilige Kommunion hat für die Kirchenlehrerin „seelenverändernde“ Wirkung: Christus ist in diesem Sakrament Gegenwart geworden, „nicht um im goldenen Kelch zu bleiben“, sondern er will, nachdem er vom Himmel herabgestiegen ist, in der Menschenseele „einen anderen Himmel“ finden und aufbauen. Er hilft deshalb auch beim Ringen der Menschen um Bewahrung und Ausbreitung dieses Himmels in der Seele, wie der berühmte Brief Theresias an ihre Cousine Marie Guérin vom 30. Mai 1889 zeigt, in dem sie ihre Verwandte zum vertrauensvollen Kommunionempfang auch in der Situation der Versuchung anhält. In gewisser Weise ist Theresia mit ihrer ganzen Spiritualität zu einer Prophetin der täglichen heiligen Kommunion geworden. Papst Pius X., der die Erlaubnis einige Jahre nach dem Tod der Heiligen gab, hat sie sicher gerade deshalb die „größte Heilige der modernen Zeit“ genannt.

Wenige Wochen nach der Erstkommunion, am 14. Juni 1884, empfing Theresia Martin aus der Hand ihres Ortsbischofs Hugonin die heilige Firmung, nachdem ein früherer Empfang des Sakramentes, den die Heilige sehr gewünscht hatte, durch einen Triumph des Buchstabens verhindert worden war: Theresia war nicht am 1., sondern am 2. Januar geboren und hatte so einen Stichtag messerscharf verfehlt. Da die Heilige eine christozentrische Frömmigkeit pflegte, kommt der Heilige Geist in ihren Schriften nur an einigen, allerdings bedeutsamen Stellen vor. Durch seinen Empfang, so sagt Theresia, ist sie „eine vollendete Christin“ geworden; hier kommt sogar ein ekklesiales Moment in ihre Heilig-Geist-Beziehung herein, mitten in einer Zeit, die für ihre etwas privatistische Spiritualität bekannt war. Theresia bekennt dann, dass die Menschen ohne den Heiligen Geist „einsam“ sind. So erklärt sie auf ihre unnachahmliche Weise das Wort vom „Spiritus Paraclitus“, dem Beistand, den Christus, der Sohn Gottes, den Seinen gegeben hat, damit sie in der Welt nicht untergehen. Die Firmung sieht unsere Heilige als eine ewige, wahrhaft wirkmächtige Heilszusage, über die sie große Freude empfindet. Freude ist überhaupt ein Wort, das bei ihr ständig wiederkehrt, wenn sie von den Sakramenten spricht. Es gilt ihr zufolge, aufmerksam zu werden für das Gnadenwirken des Gottesgeistes, seine Anregungen, in denen sich die Firmgnade gleichsam aktualisiert, die aber, wie Theresia weiß, oft gleichsam mit leiser Stimme ergehen. Ganz besonders vermittelt der Heilige Geist in der Sichtweise Theresias die Kraft zu leiden. Auch das lässt aufhorchen, es mag zuerst etwas fremd klingen. Ist aber hier nicht mit einer neuen, packenden Formulierung das angesprochen, was wir die Geistesgabe der Stärke nennen?

Von der Priesterweihe denkt Theresia hoch. Ihr Gebet für die Priester, das sehr bekannt ist, ja vielleicht das bekannteste ihrer Gebete darstellt, spricht davon, dass das Priesterherz „gesiegelt ist mit dem erhabenen Zeichen Deines [Christi] glorreichen Priestertums“. Sie betet für den Priester zum Herrn: „Bewahre unbefleckt seine gesalbten Hände, die täglich Deinen heiligen Leib berühren. Bewahre rein die Lippen, die gerötet sind von Deinem kostbaren Blute.“

Zugleich weiß Theresia, dass die Priester bei ihrer hohen Berufung zugleich bedürftige, sündhafte Menschen bleiben. Bei ihrer Romwallfahrt 1887 hat sie Priester von einer zum Teil wenig vorbildhaften Seite erlebt, und dieses Erlebnis hat sie mit in den Karmel genommen. In Theresias Professexamen steht die Aussage, dass sie ins Kloster eingetreten sei, um für die Priester zu beten, an erster Stelle. Das Eintreten für die Priester vor Gott ist unerlässlich. Diese Überzeugung wird in ihrem zitierten Gebet manifest. Wichtig ist ihr, dass Priester neben „der Wandlungskraft über Brot und Wein auch die Wandlungskraft über die Herzen“ besitzen. Ein selbstgenügsames bloßes „Kultpriestertum“ liegt wohl nicht auf der Linie der Heiligen.

Gebet für ein unfreiwillig kinderloses Ehepaar

Theresia hat eine so hohe Wertschätzung von der Bedeutung des Priestertums, dass sie gerne Priesterbrüder gehabt hätte, ja dass sie auch ihren Wunsch zum Ausdruck bringen kann, selbst Priester zu sein. Das meint aber nun ganz und gar nicht, dass sie an der einschlägigen Lehre der Kirche, die das geistliche Amt den Männern vorbehält, jemals gezweifelt hätte. Man hat es hier wohl am ehesten mit einer in südlich-weiblichem Überschwang fließenden Rede der Heiligen zu tun. Ihr Wunsch wird von ihr selbst dann durch jenen anderen gleichsam überwunden und überboten, im Herzen der Kirche die Liebe und damit „alles“ zu sein.

Was die Ehe angeht, so wäre es von einer Ordensfrau des 19. Jahrhunderts wohl eindeutig zuviel verlangt, wollte man erwarten, dass sie deren Bedeutung in besonderer Weise würdigt. Damals wurden die Berufung zum Priestertum und zum Ordensleben höher gewertet als die Ehe. Theresias Sorge war es geradezu, dass ihre Schwester Céline sich für eine Heirat (und gegen den Orden) entscheiden könnte. Indessen zeigt das, was sie über ihre Eltern sagte, dass sie „mehr des Himmels als der Erde“ würdig gewesen seien – Céline wird später ergänzen, dass man bei den Martins gleichsam „an einem offenen Fenster zum Himmel“ gelebt habe –, dass sie den Segen des Ehesakramentes durchaus erahnt haben kann. Die christliche, gottgeweihte Ehe und Familie bedeutete Theresia viel. Sie war ein Familienmensch und nahm sich auch der Nöte der Familien fürbittweise an, so zum Beispiel im Fall der Kinderlosigkeit ihrer Cousine Jeanne und deren Ehemannes Francis La Néele. Hier blieb der Heiligen aber die Erfüllung ihres Gebetswunsches versagt.

Die Krankensalbung hat die heilige Theresia von Lisieux am 30. Juli 1897 empfangen. Auf dem Empfang dieses Sakramentes in ihrer Todeskrankheit hat sie sich sehr gefreut und keinerlei Angst davor gehabt. Sie erfuhr durch dieses Sakrament Stärkung an Seele und Leib: Theresia vermochte echte Freude zu empfinden über die nun „halboffene Tür“ zum Himmel und hat nach der Krankensalbung noch zwei volle Monate gelebt. Die Heilige war sich der hohen Würde dieses Sakramentes voll bewusst; ihre Mitschwestern berichten, dass sie „uns voll Ehrfurcht die (beim Sakramentenempfang gesalbten) Hände“ gezeigt habe. Wichtig ist freilich, dass dieses Heilszeichen, das vielmehr ein Sakrament des Lebens als ein Sterbesakrament ist, gut vermittelt wird, damit es einem Kranken nicht unter Umständen doch noch Ängste bereitet. Eine solch gute Vermittlung durfte Theresia durch Kanonikus Maupas, den Pfarrer von St. Jacques in Lisieux und Superior des Karmels erfahren, der ihr das Sakrament spendete: Der Priester habe nur noch „von der Liebe“, Gottes unwandelbarem, hingebenden Zugewandtsein zum Menschen gesprochen.

Theresia von Lisieux lebte aus den heiligen Sakramenten der Kirche und reifte aus einer christozentrischen Frömmigkeit heraus zu einer immer christusähnlicheren Existenz. Viele ihrer Gedanken und Sichtweisen zu den Sakramenten sind wertvolle Impulse auch für die Christen unserer Zeit.

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