Mein Tagesposting: Zuflucht zu Bestnoten

Von Professor Norbert Bolz
Tagesposting: Eine Ermahnung an die Retter der Welt
Foto: Kathrin Harms | Der Autor ist Philosoph und Medienexperte.

Werden unsere Schüler immer intelligenter? Oder beobachten wir gerade einen Quantensprung ihrer Leistungsbereitschaft? Derartiges könnte man vermuten, wenn man liest, dass sich die Abitursdurchschnittsnote der meisten Bundesländer in den vergangenen Jahren um fast eine ganze Note verbessert hat. Ernüchterung kehrt ein, wenn man erfährt, dass es sich dabei um das Resultat von kosmetischen Tricks handelt. Den Lehrern die Schuld zu geben, wäre schäbig, denn sie geben nur vielfältigem Druck von außen nach. Nicht nur die Schüler und ihre Eltern, sondern auch die Schulverwaltung und die zuständigen Ministerien haben ein massives Interesse daran, den Notenspiegel anzuheben. Dafür gibt es auch objektive Gründe, wie etwa den Numerus Clausus und das damit verbundene internationale Wettrennen der Bestnoten um die begehrten Studienplätze. Aber etwas anderes ist schwerwiegender.

Es gibt zwei humane Gedanken, die so, wie sie in bildungspolitische Praxis umgesetzt werden, für Schule und Universität tödlich sind. Da ist zum einen der Gedanke, dass niemand zurückbleiben soll. Das bedeutet konkret, dass kein Schüler sitzen bleiben und kein Student durch die Klausur fallen soll. Und da ist zum zweiten der Gedanke, dass unsere Kinder nicht besser oder schlechter als andere sind, sondern nur unterschiedliche Begabungen haben, die es alle verdienen, gefördert zu werden. Das führt dazu, dass sich die Lehrer bei der Bewertung von Leistungen – vorsichtig gesagt: zurückhalten. Am liebsten würde man gar keine Noten geben. Da aber bewertet werden muss, nimmt man seine Zuflucht zu Bestnoten. Das führt zwangsläufig zu einer Noteninflation, das heißt zu einer Entwertung der Aussagekraft von Noten. Noten sind Informationen. Wenn man den Schülern, sei es aus Menschenfreundlichkeit, Resignation oder Angst, zu gute Noten gibt, täuscht man sie über ihre Lage. Noten diskriminieren. Sie unterscheiden bessere von schlechteren Leistungen. Und daran können sich die Schüler orientieren. Wenn wir aber die Bestnoten zum Normalfall machen, prägt das die Erwartungshaltung der Schüler und führt zu einer völlig illusorischen Selbsteinschätzung. Eines der bedenklichsten Symptome dafür ist die Unfähigkeit, Kritik zu ertragen. Das wird man wohl den Eltern anlasten müssen, die den Gymnasien ihre Kinder immer häufiger als „hochbegabt“ andienen wollen. Und so kommen viele mit einem gepamperten Selbstbewusstsein in die Schule. Wenn sie sich dort dann in Sachen „Teamgeist“ und „soziale Kompetenz“ bewähren, fallen schwache Leistungen in Mathematik und Deutsch kaum mehr ins Gewicht.

In Zukunft wird man an Gymnasien und Universitäten nicht mehr auf Schüler und Studenten, sondern auf Kunden treffen. Lehrer und Professoren sollen sich als Dienstleister verstehen, die dabei assistieren, möglichst rasch und einfach viele „Punkte“ und „Scheine“ zu erwerben. Schon heute gibt es Dekanate, die sich Service-Center nennen. Die Bildungsanstalt verkauft sich als Wohlfühloase. Damit scheint der Weg zurück zur Sachlichkeit des Lernens, zur leidenschaftlichen Hingabe an den Wissensstoff, endgültig verbaut. Wo wächst das Rettende? In unserer Bildungspolitik jedenfalls nicht.

 
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