Mein Tagesposting: Debattieren wie Thomas v. Aquin

Von Eduard von Habsburg
Eduard von Habsburg

Wer in den vergangenen Monaten zumindest ab und zu auf den Social Media unterwegs war, wird es bemerkt haben: es herrscht ein ziemlicher Richtungsstreit im Herzen der katholischen Kirche. Gerade im Bereich Ehe und Familie in allen möglichen Schattierungen geht es hoch her, man debattiert über die Interpretation des gegenwärtigen Pontifikates und die Gewinnung der Deutungshoheit über selbiges. Nun ist Debatte an sich immer etwas Gutes, aber in dieser katholischen beobachtet man zunehmend einen beunruhigenden Trend, der auch nach außen kein gutes Bild der katholischen Kirche bietet. Ich meine die Tendenz, dem jeweiligen Gegner nicht argumentativ zu begegnen, sondern ihn einfach in eine bequeme Schachtel zu stecken („Er ist ja nur ein Liberaler/ ein Konservativer“). Das erlaubt es einem im nächsten Schritt, dem anderen ein abschließendes Schild umzuhängen und das Argument „ohne Argumente“ zu beenden („...mit Homophoben diskutiere ich nicht...“; „...er will ja nur die Kirche zerstören...“). Das mag im Augenblick eine befriedigende Art erscheinen, seine Frustration loszuwerden, hilfreich ist es nicht. Leider findet sich diese Tendenz zum heftigen Abstempeln auf beiden Seiten des Diskussionsspektrums, auch wirklich respektable und angesehene Social Media-Kommentatoren fühlen sich derzeit verpflichtet, Diskussionsgegner verbal zu „dissen“, oft auf untergriffige Weise. Das ist sehr traurig.

Ich erlebe das derzeit vor allem auf Twitter, und besonders im englischen Sprachraum. Die Atmosphäre ist dort nach einem vielgelesenen „Civilta Cattolica“-Artikel noch zusätzlich angeheizt.

Aufrufe zu mehr Respekt helfen. Wir als Katholiken sollten auch schon durch die Art, wie wir im Internet auftreten, die christliche Botschaft verkünden. Wir sollten deeskalieren und Hände ausstrecken. Ad argumentum und nicht ad personam zustoßen. Vielleicht wäre es aber auch an der Zeit, sich wieder auf Thomas von Aquin zu besinnen. Wenn wir die Summa Theologiae oder ähnliche Schriften von Thomas in die Hand nehmen, fällt uns der ungewöhnliche und für heutige Augen fremdartige Aufbau der einzelnen Quaestiones auf: eine Liste von nummerierten Kurzstatements, dann ein längerer geschlossener Text und schließlich wieder nummerierte kurze Sätze. Als Scholastiker pflegte Thomas nämlich in den einzelnen Fragen seiner „Summa“ immer zunächst die Position des Gegners in fünf bis sechs klaren Punkten überzeugend darzustellen. Anschließend erst legt er seine eigene Position dar („respondeo dicendum“). Ehrensache war bei ihm, dass er die Argumente der Gegenseite meistens viel besser zusammenfasste als die Gegenseite selber. Was ihn natürlich nicht daran hinderte, abschließend jeden einzelnen der Punkte des Gegners gründlich zu widerlegen. Nur selten rutschte ihm die „geistige Hand“ aus; das passierte vor allem, wenn zum Beispiel jemand seiner Meinung nach die Muttergottes beleidigte; da konnte er schon einmal schreiben, dass seine Erklärung wohl auch ein „rurissimus idiota“ verstehen könnte, ein „Dorfdepp“, könnte man übersetzen. Aber das bezog sich auf das Argument, nicht die Person. Mir scheint, Thomas von Aquin könnte für die heutige Debatte innerhalb der katholischen Kirche wieder einmal ein Lehrmeister werden.

 
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