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Mehr christlichen Feminismus wagen!

Viele Ansprüche im innerkirchlichem Diskurs werden von außen hereingetragen . Das ist nicht gut, weil sie zu säkularisierten Ergebnissen führen, die die Gläubigen nicht weiterbringen. Das gilt auch für die sogenannte Frauenfrage.
Stuhlkreis
Foto: Monkey Business 2,imago-images | Die derzeitigen Diskussionen zum Verhältnis zwischen Frauen und Männern in der Kirche münden in einer Sackgasse, wenn sie weiterhin mit weltlichen Vorstellungen geführt werden, meint Anna Diouf.

In der „Frauenfrage“ scheint die katholische Kirche still zu stehen. Liegt das daran, dass sie unverbesserlich patriarchal organisiert ist? Nein. Es herrscht Stillstand, weil die Kirche zulässt, dass der Diskurs nicht unter katholischen Prämissen geführt, sondern von einer Perspektive diktiert wird, die häufig un- oder antikatholisch ist. Hilfreiche Ansätze wie Johannes Pauls II. „Mulieris Dignitatem“ fristen ein verstaubtes Dasein in Bücherregalen lehramtstreuer Katholikinnen, die vergeblich versuchen, sich durchzusetzen gegen lärmende säkularisierte Agitation einerseits und gegen Engstirnigkeit, die bürgerliche Prinzipien des 19. Jahrhunderts mit katholischer Haltung verwechselt, andererseits.

„Das Versäumnis der Kirche war nie,
Frauen nicht genügend Macht zugestanden zu haben,
sondern, sich von weltlichem Machtstreben korrumpieren zu lassen,“

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So ist die Diskussion von Verständnisschwierigkeiten der Postmoderne gegenüber der katholischen Lehre geprägt, statt von echten Problemen katholischer Frauen. Betrachten wir die Machtfrage: Christen sollen nicht nach Macht streben, sondern sich darin einüben, in Liebe dienen zu wollen. Eine unerhörte Forderung, aber Christentum ist eben unbequem. Ja, diese Einstellung wurde und wird immer wieder pervertiert und benutzt, um Menschen (nicht nur Frauen!) zu unterdrücken. Aber alles Gute ist dieser Gefahr ausgesetzt: Sind Liebe, Freundschaft oder Hilfsbereitschaft schädlich oder nicht erstrebenswert, weil sie instrumentalisiert werden können? Wohl kaum!

Die Forderung, Frauen müssten mit mehr Macht ausgestattet werden, weil sie lange unter Benachteiligung gelitten hätten, ist aus säkularer Sicht nachvollziehbar, aber für die Kirche nicht umsetzbar. Sie kann ja schlecht behaupten, der Anspruch Jesu an uns, zu dienen statt zu herrschen, sei Unsinn oder gelte von nun an nur noch für Männer. Auch schwingt häufig mit, Frauen seien weniger geneigt, Macht zu missbrauchen; eine Welt, in der sie das Sagen hätten, wäre automatisch besser. Welch rührend vorgestrige Einstellung! Frauen sind keineswegs von sich aus die besseren Menschen, auch wenn diese im 19. Jahrhundert gängige Verklärung des weiblichen „Wesens“ auch in kirchlichen Kreisen auftaucht.

Weltliche Kriterien hemmen das Potential der Frauen in der Kirche

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Das Versäumnis der Kirche war nie, Frauen nicht genügend Macht zugestanden zu haben, sondern, sich von weltlichem Machtstreben korrumpieren zu lassen, zuzulassen, dass Männer zu oft den weltlichen Machtbegriff in der Kirche etablieren und kultivieren konnten. Die Aufgabe der Kirche ist viel unangenehmer, als mehr Macht an Frauen zu delegieren: Sie besteht darin, als Männer und Frauen in radikalerer Christusnachfolge auf Macht zu verzichten oder ihren Gebrauch an Christus auszurichten. Die Kirche muss, indem sie weniger Machtstreben zulässt, indirekt „weiblicher“ werden, nicht die Frau in der Kirche „männlicher“. Mit der Anpassung an säkulare Diktion und der Übernahme weltlicher Kriterien für das innerkirchliche Verhältnis zwischen den Geschlechtern blockieren wir uns dagegen, weil wir das große Potenzial, das die Kirche in der Frau sieht, ausblenden: Es wird von uns erwartet, dass wir die Rolle der Frau in der Kirche an Christus vorbei gestalten und hemmen so gerade die Förderung und Würdigung der Frau.

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