Macht sexuelle Verfügbarkeit blind für Emotionen?

Eine neue Studie über die Nebenwirkungen der Pille weist die Beeinträchtigung der Wahrnehmung auf. Von Barbara Stühlmeyer
Neue Studie über die Nebenwirkungen der Anti-Baby-Pille
Foto: dpa

Es ist ein Symptom, das bislang vor allem aus der Autismusforschung bekannt ist: die eingeschränkte Fähigkeit, den Gesichtsausdruck anderer zu deuten und dessen Emotionen zu erkennen. Doch eine neue Untersuchung deutet darauf hin, dass es auch noch eine andere, signifikant größere Gruppe gibt, die mit diesem Problem zu kämpfen hat: Frauen, die die Antibabypille nehmen.

Dass man dies bislang nicht bemerkt hat, hängt vor allem damit zusammen, dass es hinsichtlich der Empfängnisverhütung ebenso wie die Spätfolgen von Abtreibungen kaum Forschungsarbeiten gibt. Doch genau dies ändert sich gerade. Und die Ergebnisse lassen aufhorchen. Denn Alexander Lischke vom Institut für Psychologie der Universität Greifswald hat nun die Ergebnisse einer Studie vorgelegt, die erschreckende und in ihren Folgen weitreichende Erkenntnisse aufweist. Was er herausfand war, dass Frauen, die die Antibabypille nehmen, bei der Verarbeitung emotionaler Gesichtsausdrücke signifikant schlechter abschneiden. Dabei geht es nicht um offenkundige Gefühle wie starke Trauer, heftigen Ärger oder überströmende Freude. Immer dann aber, wenn die emotionale Befindlichkeit facettenreicher war, wie beispielsweise bei einer Mischung aus Verlegenheit und Stolz, schnitten die Frauen, die die Pille nahmen, erkennbar schlechter ab als diejenigen der Vergleichsgruppe.

Warum dies so ist, können Lischke und sein Team bislang noch nicht abschließend nachweisen, sie äußern aber in ihrer in der Zeitschrift Frontiers in Neuroscience veröffentlichten Studie die Vermutung, dass die eingeschränkte Fähigkeit zum Lesen von Emotionen mit dem Zugriff der Pille auf die Zyklushormone Estrogen und Progesteron zusammenhängt. Denn beide regulieren nicht nur den lebendigen Wechsel zwischen empfängnisbereiten und unfruchtbaren Tagen, sie wirken auch auf jene Gehirnregion ein, die für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist.

Weitere wissenschaftliche Untersuchungen hält der Greifswalder Psychologe aufgrund der bisherigen Ergebnisse deshalb für dringend notwendig. Denn es ist ohne Zweifel skandalös, dass die Forschung sich bislang kaum damit auseinandergesetzt hat, wie die Pille die Verarbeitung emotionaler Reize und die Regulation ebensolcher Reaktionen beeinflusst, obwohl mehr als eine Millionen Frauen dieses Präparat zur Empfängnisverhütung einsetzten.

Ebenso erstaunlich ist es allerdings, dass dieser Zusammenhang sich offenbar nur wenigen durch bloßes Nachdenken erschlossen hat. Denn eigentlich braucht man keine Studien, um zu dem Schluss zu kommen, dass ständige sexuelle Verfügbarkeit die Verarbeitung emotionaler Signale verändert. Und das gilt selbst dann, wenn dabei nicht in den Hormonhaushalt eingegriffen würde. Denn das subtile Spiel mit Subtexten, das zarte Gewebe kommunikativer Prozesse, wird empfindlich gestört, wenn das als Gipfelpunkt des Miteinanders gedachte beglückende Einswerden zweier Individuen zum jederzeit machbaren Alltagsphänomen degradiert wird. Lischke will jedenfalls nun, gerade weil heute viele Frauen bereits unmittelbar nach Beginn der Pubertät damit beginnen, die Pille zu nehmen und dies bis zum Eintritt der Menopause fortsetzen, weitere Studien mit experimentellen Untersuchungsdesigns und umfangreichen Stichproben durchführen.

Die Fragen, die hier gestellt und die Ergebnisse, die hier gewonnen werden können, sind von gesamtgesellschaftlichem Interesse. Wenn Frauen mit einem lebendigen Zyklus Emotionen deutlich besser deuten können, ist dies ein deutlicher Hinweis darauf, dass die bisherige Praxis der schrankenlosen Verordnung der Pille nicht mehr zu verantworten ist. Denn die allenthalben zu beobachtenden Veränderungen im menschlichen Miteinander könnten dann in einen Zusammenhang mit genau dieser Praxis gebracht werden. Dass es Menschen an Empathie fehlt, dass Kommunikation misslingt, weil die ausgesendeten emotionalen Signale beim Gegenüber nicht ankommen, dass unsere Sprache zunehmend nicht nur verroht, sondern regelrecht verfällt, sind, wenn man die Ergebnisse der Studie von Lischke und seinem Team in einen weiteren Zusammenhang stellt, dann vielleicht keine schwer deutbaren Zufälle mehr, sondern vielmehr das Ergebnis einer verfehlten Grundannahme, dass nämlich ständige sexuelle Verfügbarkeit ein wünschenswerter Zustand ist, der mit medikamentösen Mitteln ungeachtet der mit ihnen verbundenen Nebenwirkungen hergestellt werden sollte.

Emotionen zu erkennen und zu verstehen, Gesichtsausdrücke lesen zu können, ist eine essenzielle Fähigkeit und zugleich die Grundlage für eine gelingende Kommunikation. Das erleben vor allem diejenigen oft schmerzlich, denen sie fehlt, wie beispielsweise Autisten.

Deshalb würde es Sinn machen, im Zuge weiterer Forschungen zu untersuchen, ob ein Zusammenhang zwischen der Einnahme der Antibabypille und der rasanten Zunahme autistischer Erkrankungen besteht. Denn während, wie der Hirnforscher Henry Markram feststellte, früher einer von 5 000 Menschen Autist war, ist es heute aber einer unter 68. Tatsächlich sind die Greifswalder Wissenschaftler diesem Thema bereits auf der Spur, denn in ihrer Studien verwendeten sie den Reading the Mind in the Eyes Test von Simon Baron-Cohen, einem renommierten Autismusforscher. Man darf also auf weitere Ergebnisse der Greifswalder Wissenschaftler gespannt sein.

Die englischsprachige Studie steht unter www.frontiersin.org

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