Lichter Kontrapunkt

Warum es ein Unglück für eine Frau ist, keine Thomistin zu sein – Die Romanautorin Natalia Sanmartín Fenollera ficht gegen die Irrtümer der Moderne. Von Regina Einig
Foto: IN | „Den Unverdorbenen bleibt der Blick für das Wesentliche vorbehalten. Und wesentlich ist im Roman der tägliche Gang zur alten Messe.“ Der Benediktinerabtei von Le Barroux in Südfrankreich kommt in Natalia ...
Foto: IN | „Den Unverdorbenen bleibt der Blick für das Wesentliche vorbehalten. Und wesentlich ist im Roman der tägliche Gang zur alten Messe.“ Der Benediktinerabtei von Le Barroux in Südfrankreich kommt in Natalia ...

Fünf Bände gegen die Häresien setzte der Kirchenvater Irenäus von Lyon (135–202) den falschen Propheten seiner Zeit entgegen. Einen würdigeren Namensgeber hätte die spanische Wirtschaftsjournalistin Natalia Sanmartín Fenollera für das Reiseziel ihre Romanheldin Prudencia Prim kaum finden können. Als Bibliothekarin eines belesenen Konvertiten gerät Senorita Prim in San Ireneo de Arnois in eine alternative Gesellschaft, „eine Kolonie glücklicher Menschen, die auf der Suche nach einem einfachen ländlichen Leben aus der modernen Welt geflohen waren“.

Man lasse sich nicht irritieren von dem todernsten Blick der jungen Schönheit im pastellfarbenen Retrokostüm auf dem Cover. „Das Erwachen der Senorita Prim“ ist ein federleichter Roman, humorvoll und intelligent geschrieben. Zimtduft und Jane-Austen-Romantik wehen durch San Ireneo, „wo verschlossene Türen als unhöflich den Nachbarn gegenüber angesehen werden“. Mit feiner Ironie führt die Autorin die Feder gegen das landläufige Geschwätz von der Gleichberechtigung der Frau. Wenn Senorita Prim am unzeitgemäß kalorienreich gedeckten Kaffeetisch mit hochgebildeten Feminismuskritikerinnen plaudert, darf die Leserin ihre Waage vergessen und die Seele baumeln lassen. Was gibt es in Zeiten des Diätwahnsinns eigentlich Bodenständigeres als Backen? Warum bloß lassen Frauen sich die Freude am Zusammensein mit Kindern vermiesen, statt die Welt mit ihnen gemeinsam zu entdecken? Männern im Büro zuzuarbeiten kann der erste Schritt in die falsche Richtung sein und die süffisante Warnung der Frauen aus San Ireneo lautet: Ein Mädchen, das mehr als acht Stunden am Tag arbeitet, ist rückständig, der Fünf-Stunden-Tag mit viel Zeit für die Familie hingegen ein Zeichen wahren Fortschritts.

Dabei geht es in diesem beschwingten Utopia alles andere als betulich oder gar bildungsfeindlich zu. San Irineo de Arnois, wiewohl weitgehend autark, ist nicht zu verwechseln mit einem Bruderhof der Hutterer, sondern entpuppt sich als Hochburg der klassischen Bildungsideale. Mit derselben Überzeugungskraft, mit der Irenäus die Irrlehren seiner Zeit bekämpfte, verweigern sich die Bewohner den etablierten akademischen und emanzipatorischen Spielregeln des 21. Jahrhunderts. Mag Senorita Prim als überzeugte Gegnerin der Ehe auch vor den resoluten Damen des Dorfes in einen Schmollwinkel flüchten, als diese ihr die kollektive Suche nach einem passenden Ehemann ankündigen, dem Zauber von San Ireneo entzieht sie sich nicht – wie sollte sie auch? Wo intelligente Frauen ein Refugium kultivieren, weil sie zu dem Schluss gekommen sind, „dass der moderne Lebensstil den Frauen zuviel abfordert, den Familien ein unnatürliches Leben aufzwingt und den Menschen die Fähigkeit nimmt, Dinge in Frage zu stellen“, kann die Flucht vor „dem Drachen des Skeptizismus“ gelingen und der Glanz alter Kulturen wieder auferstehen. Für ein „perfektes Produkt des modernen Bildungssystems“ wie Prudencia Prim, das daran leidet, dass die Welt das Gefühl für Harmonie und Schönheit verloren hat, wird das Haus mit der üppigen theologischen Bibliothek zum Zufluchtsort. Die erfolgreiche Hochschulabsolventin mit dem staunenerregenden Lebenslauf ist – nomen est omen – gescheit genug, um die Möglichkeiten zu erkennen, die sich insbesondere einer Frau eröffnen, sobald sie die Götzen der Moderne erst einmal erfolgreich aus ihrem Leben verbannt hat. Zum Beispiel die Chance, von Kindern zu lernen, wenn man sich nur die Zeit für sie nimmt. Dass Ikonen keine Kunstwerke sind, sondern Fenster, bringt ein kleines Mädchen der Romanheldin bei. Befreit von den Zwängen moderner Lehrpläne und pseudointellektuellem Ballast schärfen die vier Geschwister im Haus ihres Onkels ihren Blick für die Schönheit des Lebens. Bildungsziel dieser häusliche Schule ist, „dass die Kinder einmal all das von sich behaupten können, was die modernen Schulen nicht zu produzieren in der Lage sind“. Der erfolgreiche Weg zum unabhängigen Denken ist nämlich mit vermeintlichen pädagogischen Todsünden gepflastert: Klassischer Frontalunterricht paart sich in diesem Haushalt mit pädagogischem Eros. Senorita Prim wird „Zeugin der Leidenschaft“, mit der ihr Arbeitgeber seinen Nichten und Neffen die komplexesten Fragen erklärt. Als Anhänger der scholastischen Methode steht er auf Kriegsfuß mit den Erziehungsgrundsätzen der letzten fünfzig Jahre. Das stupende Literaturverständnis der Kinder und ihre Fähigkeit zum selbstständigen Denken lassen Kritik an diesem akademischen Abenteuer als Kleingeisterei erscheinen.

Die Botschaft dieses wunderbar politisch unkorrekten Romans ist positiv: Der christliche Glaube immunisiert den Menschen gegen die Fallstricke seiner Zeit. Keiner hat das intensiver verinnerlicht als der vom Skeptizismus zur katholischen Tradition bekehrte Chef Prudencia Prims, der nach dem Tod seiner Schwester deren Kinder aufgenommen hat. Seine spirituelle Reise brachte ihn, „der zwanzig Jahre keinen Fuß in die Kirche gesetzt hatte“, in die Benediktinerabtei Le Barroux in Südfrankreich. Doch waren es nicht die Mönche, sondern „die Kinder, die ihn dorthin geführt haben, wo er heute ist“. Den Unverdorbenen bleibt der Blick für das Wesentliche vorbehalten. Und wesentlich ist im Roman der tägliche Gang zur alten Messe in eine kilometerweit entfernte Benediktinerabtei. Schönheit, Liebe, Freundschaft und auch die Kindheit in all ihren Facetten bestimmen in Wahrheit ein erfülltes Leben. Erst, als sich Prudencia Prim unsterblich in den treuen Anhänger der überlieferten römischen Liturgie verliebt, erkennt sie ihr größtes Manko: nicht zu glauben. Keine Thomistin zu sein und dem Geliebten geistlich fremd bleiben zu müssen, versperrt ihr das Tor zum Glück. Sich den eigenen Unglauben als Wurzel vieler seelischer Verluste ins Bewusstsein zu rufen – das ist der Weckruf dieses Romans. Senorita Prim erwacht, als ihr klar wird, dass ihre Gottvergessenheit den Geliebten davon abhält, sich ernsthaft in sie zu verlieben.

Eine Katechese erteilt ihr das Mädchen Tesseris: „Die Geschichte der Erlösung ist ein wahres Märchen“, allerdings ähnele die Geschichte der Erlösung keinem Märchen, sondern die Märchen und Legenden ähneln der Geschichte der Erlösung. Es sind die nach weltlichen Maßstäben Unbedeutenden, denen die selbstbewusste Prudencia Prim tiefere Einsichten verdankt. Ein weiser Benediktiner baut ihr schließlich die Brücke zum personalen Gott: „Seien Sie nicht überrascht, wenn Sie schließlich herausfinden, dass die Schönheit nicht ein Was, sondern ein Wer ist.“ Als die spanische Originalausgabe 2013 bei Planeta in Barcelona erschien, traf das Buch als Geschichte über die Entschleunigung spontan den Nerv gestresster Zeitgenossen. Inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt, liegt es in siebzig Ländern vor. In Deutschland schwelgten die Kritiken in Lob und Unverständnis. Doch unterschätzen Urteile wie „eine Ode an das, was wirklich zählt“ (Cosmopolitan) und „geschlechterpolitisch provokanter Kitsch“ (FAZ) dieses literarische Debüt. „Das Erwachen der Senorita Prim“ wirkt wie ein lichter Kontrapunkt zur oft düster anmutenden Traditionalistenliteratur im Stile eines Jean Raspail.

Der 1970 geborenen Autorin liegen die kirchen- und gesellschaftspolitischen Grabenkämpfe der nachkonziliaren Jahre so fern, dass man ihr den ideologiefreien Blick auf die katholische Tradition auf jeder Seite des Romans abnimmt. „Das Erwachen der Senorita Prim“ kommt ohne Weltuntergangsszenarien und apokalyptische Schilderungen einer sich selbst aufgebenden Lehrtradition aus. Um das Drama des Unglaubens zu veranschaulichen, braucht die Autorin kein Städte in Chaos und Anarchie versinken zu lassen. Das Unglück, keine unbeschwerte Kindheit in einer intakten Familie erlebt zu haben, genügt Senorita Prim als Folie und zur Nachdenklichkeit. Die eigenen Grenzen und das Bewusstsein, dem Geliebten nicht genug geben zu können, sind menschliche Tragödie genug, die nur der Dritte im Bund lösen könnte.

Auch sprachlich gelingt dieser Spagat zwischen Tradition und Moderne. So graziös sich Senorita Prim auch den Hut aufs kluge Köpfchen setzt, so sicher umschifft das Buch jeden Anflug hausbackener Frömmelei. „Ein Glaubensbekenntnis ist ungefähr so theoretisch wie ein Kopfschuss“, erfährt sie. Und ihr Chef beschreibt seine Bekehrung als „eine Operation am offenen Herzen. Als würde man einen Baum aus der Erde reißen und woanders wieder einpflanzen.“ Besser könnte es kein Jugendkatechismus formulieren.

Das Drama der menschlichen Freiheit, die Gottes ausgestreckte Hand verschmähen kann, wird im Roman in der Person der alten, der Familie entfremdeten Mutter angedeutet, die mit der Bekehrung des Sohnes nicht zurechtkommt. Ihr Problem ist, „dass es niemanden gibt, dessen Autorität sie sich beugen muss“. Denn keinen Menschen zu haben, „deren Aufgabe es ist, das zu sagen, was man nicht hören will“, kann auch eine Facette der Armut sein. Für Senorita Prim zeichnet sich am Ende ein Weg aus ihrem Dilemma ab, „die Wahrheit nur anerkennen zu wollen, wenn die Religion aus dem Spiel bleibt“. Wie Natalia Sanmartín Fenollera das Happy-End der Selbstbesinnung in eine Italienreise kleidet, ohne trivial zu werden, erinnert an kluge Mütter, die den Kindern das als fade verschmähte Gemüse unter einer knusprigen Panade servieren, damit es den heißgeliebten Pommes ähnelt.

Vor dem Skeptizismus grauen darf es den Leser am Ende des Romans immer noch. Als Krankheit aller Generationen lässt er Menschen früher altern und raubt sogar Kindern ihre Ungezwungenheit. Doch am Ende bewährt sich San Ireneo de Arnois als Bollwerk der Tradition gegen die Moderne. Beim Schlussakkord erscheint Senorita Prim nahezu als Covergirl des dritten Buchs des heiligen Irenäus „Gegen die Häresien“. Darin hält der Kirchenvater fest: Jugendfrisch habe der Heilige Geist den Glauben in das Gefäß der Kirche hineingetan, und jugendfrisch erhalte er das Gefäß, in dem er sich befinde.

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