Lernen für die Gegenwart

Alexander von Schönburg zeigt in „Weltgeschichte to go“, wie sich die Menschheit und insbesondere Europa entwickelt hat. Von Stefan Meetschen
Foto: Umschlagbild Rowohlt | Das unterhaltsame Buch ist nicht wie der Becher von Pappe.

Die Literatur, meinte der Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt (1921–1990) einmal, müsse so leicht werden, dass sie auf der Waage der Literaturkritik nichts wiege – nur so könne sie wieder gewichtig werden. Im Bereich der Sachliteratur gibt es vermutlich niemanden in Deutschland, der dieses vermeintliche Leichtgewicht-Konzept so gekonnt verwirklicht, wie Alexander von Schönburg. Sein „Fröhliches Nichtraucher“-Buch (2003) handelte nicht nur von guter Laune, sondern auch von Metanoia-Momenten. Sein Bestseller-Buch über den „Smalltalk“ (2015) besaß unter der glitzernden Firnis nicht nur weltläufigen Stil, sondern auch theologische Substanz, nebst spirituellen Impulsen. Ebenso schwergewichtig-leicht kommt Schönburgs aktuelles Werk daher, das den praktisch-größenwahnsinnigen Titel „Weltgeschichte to go“ trägt.

12 000 Jahre zum handlichen Mitnehmen? Natürlich weiß der 46-jährige Autor und Journalist, dass man in einem Buch unmöglich die ganze (menschliche) Weltgeschichte beschreiben oder erklären kann. Man muss vereinfachen, Namen, Daten und Ereignisse auslassen und auswählen. Und so nähert sich Alexander von Schönburg der Weltgeschichte in den zehn Kapiteln des Buches aus unterschiedlichen Perspektiven. Er stellt beispielsweise die aus seiner Sicht wichtigsten Menschen vor, die größten Bösewichte, die „tollsten Erfindungen“ oder die „wichtigsten Ideen bislang“.

Wobei er bereits in der geistreichen Einleitung, die er als „Warnung“ versteht, unterstreicht, was er mit dem Buch beabsichtigt: Kein „Handbuch zur Weltgeschichte“ sei das Ziel, um was es gehe „sind die Fragen, die sich aus der Betrachtung des alten Athens für uns ergeben, und was die Antworten auf die Fragen, die sich die Menschen damals stellten, für uns gegenwärtig bedeuten“. Was angesichts der Orientierungslosigkeit, in der sich Europa im Zeitalter der neuen Völkerwanderung und interner Erosionen befindet, natürlich ein sympathischer Netto-Gewinn für den Leser ist. Etwas über Geschichte lernen für die Gegenwart – warum nicht? Hat nicht genau dieser direkte Zusammenhang beim Geschichtsunterricht auf der Schule oft gefehlt? Wurden die würzigen Espresso-Themen der Historie damals nicht eher wie kalter Kaffee serviert? „Weltgeschichte to go“ ist dagegen anregend, geschmackvoll und niemals langweilig. Erstens, weil Schönburg gut schreiben kann. Zweitens, weil er unorthodox denkt und sich auf viele seriöse Autoren stützt, unter denen nicht nur Historiker (besonders Yuval Harari) sind, sondern auch renommierte Soziologen und Philosophen wie Norbert Elias, Karl Jaspers oder Johan Huizinga. Und weil er mindestens zwei wichtige Aspekte der Geschichte begriffen hat, die er dem Leser pädagogisch versiert näherbringt: Was wirklich historisch wichtig war oder ist, das weiß man in der Regel erst später – mit etwas Abstand. Und: „Eines der größten Missverständnisse der Geschichtsschreibung ist, dass alles so kommen musste, wie es gekommen ist. (...) Es hätte auch alles ganz anders kommen können.“ Wie wahr.

So stürzt sich Schönburg – von der Last allzu akribischer Wissenschaftlichkeit befreit – auf alles, was ihn an der Vergangenheit interessiert und für den Westen des 21. Jahrhunderts von Bedeutung sein könnte. Von der arabischen Prinzessin Zenobia (um 240–um 273) bis zum gar nicht nur für Erotik-Liebhaber lehrreichen Kamasutra, von Konrad Adenauer, dem wahren Erfinder der Autobahn (anstelle Hitlers!) bis zu Ray Kurzweil, dem „Hausphilosophen von Google“, der mit tollkühnen Ideen zur künstlichen Intelligenz gerade dabei ist, Geschichte zu schreiben. Ob im Guten oder Bösen wird man dann ja sehen.

Dass bei Schönburgs Buch besonders viel Stoff für katholische Leser dabei ist und solche, die es werden könnten, versteht sich fast von selbst. Denn: Nicht nur unsere Zeiterfassung leitet sich bekanntlich von Christus ab, auch das westliche Menschenbild. „Durch die Hervorhebung einer persönlichen Beziehung zu Gott, die für alle erreichbar sein sollte, brachte Paulus die Idee einer universellen Menschenwürde auf die Welt.“ Auch im Kapitel über die Kunst schöpft Schönburg aus dem vollen katholischen Leben. Logischerweise. „Zunächst blickte die bildende Kunst in Europa nur auf einen einzigen Menschen: Jesus Christus. Und dann auf einen zweiten: Maria, seine Mutter. Aber sie stehen stellvertretend für viele. Es sind erste Schritte des Menschen, sich selbst ernst zu nehmen. Wer sehen will, wie das aussieht, muss in den Domschatz von Köln, Regensburg oder Aachen gehen, sich die Evangeliare und Gebetbücher des 9. und 10. Jahrhunderts ansehen. Glücklicherweise sind in den seltensten Fällen die Schlangen sehr lang.“ Und wie ist das mit dem Sinn der Geschichte? Hat sie überhaupt einen? Und was ist, wenn irgendwann vielleicht nichts mehr ist? Geht das überhaupt? Im Schlusskapitel zehn „Alles hat ein Ende ...Warum es jetzt wirklich um die Wurst geht“, läuft Schönburg noch einmal theologisch zu großer Form auf. Gestützt auf Josef Pieper hebt er hervor, dass der „Glaube an ein Ende der Geschichte – an die Existenz des Nichts – (...) also gleichbedeutend mit dem Glauben an Gott“ sei, „weil die Diskrepanz zwischen Dasein und Nichts einen Akt der Kreation voraussetzt“. Danach wirft er einen Blick auf die Idee der Apokalypse, die nachhaltig das Denken in Europa geprägt habe – neben dem „alles in Frage stellenden Geist“ – und hält ein Plädoyer dafür, weiterhin zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. „Vielleicht macht die Freiheit, zwischen Gut und Böse zu wählen, das Menschsein überhaupt erst aus.“ Den Rest lässt der Graf den Kirchenvater Augustinus erledigen, der die „Weltgeschichte als Kampf zwischen zweierlei Formen von Liebe“ sah. Der destruktiven „Liebe zu sich selbst“ und der konstruktiven „Liebe für den Anderen“.

„Weltgeschichte to go“ von Alexander von Schönburg ist ein lesenswertes Buch für Leute, die genauer wissen wollen, woher wir kommen, wie wir uns als Menschheit und insbesondere als Europäer entwickelt haben und warum wir gut beraten sind, die Ideen des christlichen Glaubens, gepaart mit dem Geist des echten Liberalismus und der kulturellen Offenheit, weiterzupflegen. Ein Buch, ebenso unterhaltsam wie bildend. Kein Becher aus Pappe.

Alexander von Schönburg: Weltgeschichte to go. Rowohlt Verlag, 2016, 288 Seiten, ISBN 978-3-87134-828-0,

EUR 18,–

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