Lebendiger Geist

Hegel und die Frage nach der Wahrheit des Christentums

Mit den Gedanken Hegels hatte sich Kardinal Leo Scheffczyk oft beschäftigt und einiges über ihn veröffentlicht. In seiner letzten dieser Schriften, über „G.W.Fr. Hegels Konzept der ,Absolutheit des Christentums‘ unter gegenwärtigem Aspekt“ (im Sitzungsbericht der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 2000, Heft 5) hebt Scheffczyk hervor, dass Hegel einen „stringenten Beweis für die Wahrheit des Christentums“ geben wollte und fügte hinzu, die heutige Theologie könne von „Hegel vor allem dies lernen, dass eine wissenschaftlich-theologische Vertretung des Absolutheitsanspruches (ohne Preisgabe der als Vorverständnis gesetzten christlichen Option) nur in Verbindung von Religionsgeschichte und Philosophie denkerisch verantwortet werden kann“. Die Philosophie kann also nach Auffassung des Kardinals die „sachlichen denkerischen Gründe beitragen“, die für das Verständnis der Wahrheit des Christentums nötig sind, „als sich in der Geschichte andeutende Sinngebungen, die eine Entsprechung im Wesen des Menschen haben“.

Hegels Philosophie des Geistes besteht darin, Schritt für Schritt zum Wissen der Wahrheit hinzuführen. Dabei ist die Wahrheit des Christentums immer schon in der Dialektik genannten Methode seiner Philosophie vorausgesetzt und präsent. So weist Hegel an vielen Stellen auf das Geschehen der Offenbarung hin (Hegels besondere Form der Logik), auf die Entäußerung des Geistes in die Natur (Naturphilosophie) sowie auf die Aufhebung der Natur analog zu Kreuzestod und Rückkehr zu Gott (Philosophie des Geistes). Die Vorlesungen über den Beginn der Philosophie des Geistes, den subjektiven Geist, gibt der Felix Meiner Verlag, neben den günstigen Taschenbuch-Ausgaben, als ersten Band einer zehnteiligen Hegel-Reihe innerhalb der Gesamtausgabe heraus, weitere Bände sind in der Auslieferung (Hegel: Vorlesungen über die Philosophie des subjektiven Geistes. Teilband 1, Nachschriften zu den Kollegien der Jahre 1822 und 1825, 550 Seiten, ISBN-13 978-3-7873-1860-5, gebunden im Schuber, EUR 198,-). Dieser Band behandelt Hegels im weitesten Sinne Psychologie und Anthropologie, die Lehre vom Bewusstsein – sonst auch „Phänomenologie des Geistes“ genannt –, Selbstbewusstsein und Vernunft sowie vom theoretischen und praktischen Geist. Diese Philosophie des subjektiven Geistes gehört zu den am leichtesten lesbaren Schriften Hegels, die mit den Worten beginnt: „Der Gegenstand, den wir behandeln, ist weder das, was äußerlich gegebene Gegenstände sind, noch das was über uns ist, sondern es ist das was in uns ist, der Geist. Das Innerliche, doch nicht das absolut Freie, sondern das unmittelbare Innerliche, die Mitte zwischen der Natur und der Gottheit.“ Das Schöpferische, Tätige, ist der Impuls der Hegelschen Philosophie, und sie beginnt mit dem Stadium, in dem der Geist noch „in seiner Leiblichkeit“ betrachtet wird, mit dem Empfinden, Träumen, Schlafen, Lachen, Weinen oder Schluchzen – alles dies wird aber schon betrachtet auf die Stufen der Bildung hin, der „höheren Geistigkeit“, der edlen Seele. Und Hegel weist auch hier schon beständig auf das Ziel der Erkenntnis der Wahrheit Gottes hin: „Alle Völker, die einen abstrakten Gott abbeten, oder die von Gott (nur) sagen, es sei das höchste Wesen, beten Gott nicht im Geist und in der Wahrheit an.“ Auf weiteren Stufen in dem Buch zeigt Hegel, wie sich der Geist gewissermaßen aus der Leiblichkeit herausarbeitet und seine Freiheit gewinnt.

So sehr auch Hegel permanent Beispiele aus der empirischen Welt aufgreift, so wenig ist doch seine Philosophie empirisch. Das hat mit seiner besonderen Sicht des Verhältnisses von Geistigem und Wirklichem zu tun, die nicht in zwei Welten auseinanderfallen, sondern wo das Geistige das Wirkliche als tätiges Prinzip waltet und es überhaupt erst entfaltet. Somit wird mit der Selbsterkenntnis des Geistes, vergleichbar dem aristotelischen Nous, der höchste Punkt erreicht. Jede höhere Stufe über das Bewusstsein, Selbstbewusstsein bis zum Geist „erinnert“ die vorige Stufe in der Bildung des Geistes, die der Leser hier mitvollziehen kann. „Der Begriff des Geistes ist das Heilige, dies Selige, gewisse, absolute Gewissheit, Gereinigtes. Der Geist ist daher an sich Unendlichkeit, Ewigkeit, nicht das formell Unendliche, sondern die konkrete reale Ewigkeit, die sich unterschieden hat, und aus dem Unterschied in sich zurückgekehrt ist.“ Das Geist ist so für Hegel das Leben und die Wahrheit, immer in biblischer Analogie.

Auf den Teil über den subjektiven Geist folgen noch die über den objektiven Geist über Recht, Sittlichkeit und Staat, sowie der über den absoluten Geist mit Kunst, Religion und Philosophie.

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