Leben in der Unterschicht

Buchautoren haben arme Familien begleitet

René und Jessica Weber sind arbeitslos. Ihren Tag verbringen sie bei Talkshows vor dem Fernseher. Windeln für ihre Tochter Janina können sie sich nicht mehr leisten, das Geld vom Amt ist schon vor dem Monatsende aufgebraucht. Reinhard Zetzsche arbeitet zwar als Wachmann, er und seine Frau kommen aber trotzdem nur über die Runden, wenn ihre Tochter ihnen unter die Arme greift. Und die 17 Jahre alte Förderschülerin Andrea stemmt sich mit aller Gewalt gegen das Schicksal, das sowohl ihre Familie als auch ihre Lehrer ihr schon lange vor dem Schulabschluss vorausgesagt haben: Hartz IV.

Sie kämpfen, aber es reicht nicht

Die Webers, die Zetzsches und Andrea gehören zu Deutschlands sogenannter Unterschicht und sie sind einige der Protagonisten in dem Buch „Deutschland dritter Klasse – Leben in der Unterschicht“, das am Montagabend in Berlin vorgestellt wurde. Die Journalistin Julia Friedrichs, die im vergangenen Jahr mit „Gestatten: Elite“ einen Bestseller veröffentlichte, und ihre Kollegen Eva Müller und Boris Baumholt haben Menschen über Jahre hinweg begleitet, die am unteren Rand der Gesellschaft leben und um ein bisschen Würde kämpfen. „Wir sind ganz unten“, sagen die Webers.

Das Wort „Unterschicht“ haben die Autoren ganz bewusst verwendet, weil viele ihrer Protagonisten sich auch selbst dort einordnen. „Das Problem wird nicht kleiner, wenn man klare Worte meidet“, sagte Friedrichs am Montag. In letzter Zeit sei sehr viel über die Menschen gesprochen worden, die Hartz IV beziehen oder von ihrem Lohn nicht leben können – mit ihnen wurde nur wenig gesprochen. In ihrem Buch wollten die drei Schriftsteller den Betroffenen eine Stimme geben. Expertenmeinungen gibt es nicht. In nüchternen Info-Kästen werden die Fakten geliefert: „Im Jahr 1999 versorgte die Wattenscheider Tafel rund 300 Menschen. Im Jahr 2009 sind es an die 8 000.“

Die drei begleiten auch Volker Hoppe, der mit Anfang 40 seinen Job als Vorstandsassistent verlor und sich Schritt für Schritt von seinem bisherigen Leben und aus der Mittelschicht verabschieden musste. „Wir wollten mehr liefern als eine Momentaufnahme“, sagt Friedrichs, die sich in „Gestatten: Elite“ auf die Spuren der Führungskräfte von morgen begeben und an Elite-Internaten, Privatunis und bei der Unternehmensberatung McKinsey recherchiert hatte. Zwischen der Unter- und Oberschicht unserer Gesellschaft hat die 29-Jährige auch Parallelen entdeckt: „Ich habe sowohl das obere als auch das untere Ende der Gesellschaft als sehr abgeschottet erlebt. Es gibt Schulen, die auf ein Leben in der Unterschicht vorbereiten, und welche für die Eliten“, sagt sie. Beide Enden der Gesellschaft spalteten sich ab. „Nur kommt man aus der Mitte leichter nach unten als nach oben. Der Weg in die Unterschicht ist durchlässiger.“

In beiden Schichten habe sie Menschen kennengelernt, die sich anstrengen, etwas aus ihrem Leben zu machen. „Das Schlimme ist: Bei denen in der sogenannten Unterschicht bringt diese Anstrengung nichts. ,Jeder ist seines Glückes Schmied‘ stimmt einfach nicht“, schildert Friedrichs ihre Beobachtungen. Und ihr Kollege Baumholt fügt hinzu: „Die strampeln und kämpfen und am Ende reicht es trotzdem nicht.“ Besonders schwer sei es gewesen, die Menschen, vor allem die Kinder, in ihrer Situation zurückzulassen. „Aber wir können die Menschen nicht retten, wir können nur beschreiben.“

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