„Lauft um den Siegespreis“

Die XXX. Olympischen Spiele haben am gestrigen Freitag in London begonnen. Olympia und Sport begeisterten schon die Antike. Das Neue Testament kennt allerdings nur wenige Bezüge, die etwa Paulus positiv aufnahm. Kirchenväter wie Augustinus oder Tertullian dagegen verhielten sich dem damaligen zeitgenössischen Sport im Römischen Reich gegenüber ausgesprochen distanziert und kulturkritisch. Von Franz Jung
Foto: dpa | Das Olympische Feuer brennt in London zu den Spielen 2012.
Foto: dpa | Das Olympische Feuer brennt in London zu den Spielen 2012.

In den Evangelien wird man vergebens nach Hinweisen auf den Sport suchen. Das verwundert insofern nur wenig, als Jesus dem ländlichen Galiläa entstammte, das nur oberflächlich mit der griechischen Kultur – in der der Sport eine wesentliche Rolle spielte – in Berührung gekommen war. Die Welt Jesu spiegelt sich in seinen Gleichnissen wieder, die in ihren Bildern vielfach auf die Natur und auf die Landwirtschaft zurückgreifen oder aber Vorgänge aus der Verwaltung und der Finanzwelt thematisieren.

Ganz anders Paulus, der römische Bürger der hellenistischen Großstadt Tarsus. Natürlich kennt Paulus die Welt des Sports. Typisch für ihn als Jude ist jedoch, dass er sich für den Sport nie an sich interessiert. Wenn er vom Sport redet, dann dient ihm der Sport stets als Gleichnis, um einen Sachverhalt des Glaubenslebens anschaulich zu schildern. Paulus steht damit ganz in der Tradition des aufgeklärten hellenistischen Judentums. In Anlehnung an die Philosophen der Stoa hatte man dort die Metapher vom Kampf des Weisen als dem wahren Sport übernommen. Im umfangreichen Werk eines jüdischen Gelehrten, des Philo von Alexandrien, finden sich übrigens die häufigsten sportlichen Vergleiche in der gesamten antiken Literatur. In derselben Tradition kann Paulus das Ringen um den Glauben als sportlichen Wettkampf schildern. „Lauft so, dass ihr den Siegespreis gewinnt!“ (1 Kor 9,24), ruft er den Korinthern zu, um sie zu Höchstleistungen im Glauben anzufeuern. Glauben ist wie ein Wettlauf, nur mit dem Unterschied, dass sich der Läufer im Stadion um einen vergänglichen, der Gläubige sich aber um einen unvergänglichen Siegeskranz aus der Hand Gottes müht. Keine Frage, für welchen Kranz sich der Einsatz lohnt. Was aber schon die Philosophen fasziniert hatte bei aller Distanz zur Sportwelt, das findet auch Paulus bemerkenswert: die Disziplin und die Zielstrebigkeit, die sich die Sportler zu eigen machen, um die gewünschten Erfolge zu erlangen. In dieser Hinsicht kann man von ihnen lernen.

Auch in den Paulus zugeschriebenen Briefen an Timotheus finden sich sportliche Vergleiche. Denn mehr als andere Schriften des Neuen Testaments sind diese Briefe in Sprache und Gedankenwelt stark hellenistisch beeinflusst. Ein guter Christ, heißt es dort, ähnelt einem tapferen Soldaten, einem fleißigen Bauern und einem Athleten, der sich genau an die Regeln hält, um nicht disqualifiziert zu werden. Denn „wer an einem Wettkampf teilnimmt, erhält den Siegeskranz nur, wenn er nach den Regeln kämpft“ (2 Tim 2,5). Fair Play gibt es nach Paulus also auch in einem hochherzigen Glauben, wenn ein Mensch aufrichtig und mit echter Hingabe seinen Weg vor Gott geht. Dass die Welt des Sports nicht an sich interessiert, sondern nur für Vergleiche von einem gewissen Nutzen ist, erfährt der Leser in 1 Tim 4,8, wo es unmissverständlich heißt: „Körperliche Übung nützt nur wenig, die Frömmigkeit aber ist nützlich zu allem.“ Im zweiten Timotheusbrief, der als Testament des Paulus gestaltet ist, sagt Paulus von sich, er habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet und die Treue gehalten. Deshalb liege nun der Kranz der Gerechtigkeit für ihn bereit. (2 Tim 4,7). Paulus schildert sich selbst als Athleten, der allen Anfechtungen und Verfolgungen standgehalten hat bis zum Ende. Er darf begründet auf die Auszeichnung durch den wahren Preisrichter, den Gott Jesu Christi, hoffen.

Der Bezug zwischen dem Lebensende und dem sportlichen Sieg, der im zweiten Timotheusbrief hergestellt wird, sollte in der christlichen Tradition Schule machen. Als die wahren Athleten und Wettkämpfer bezeichnete man in der frühen Kirche die Märtyrer und die Mönche, die in extremen Situationen und unter erschwerten Bedingungen die Sache des Glaubens bis zum Ende durchgefochten hatten. Schon im hellenistischen Judentum betrachtete man Hiob als einen Ringer, der sich dem Kampf mit Gott gestellt hatte. Auch das vierte Buch der Makkabäer vergleicht die jüdischen Märtyrer mit Wettkämpfern. So erstaunt es nicht, wenn Eusebius in seiner Kirchengeschichte die christlichen Märtyrer von Lyon im zweiten Jahrhundert als Athleten bezeichnet. Gefoltert und hingerichtet im Amphitheater, also einer Sportstätte, erwiesen sie sich in ihrem mutigen Einstehen für Christus als die wahren Wettkämpfer, die den Grausamkeiten des Fürsten dieser Welt standgehalten hatten.

Nach der Zeit der blutigen Christenverfolgungen suchten die Mönche in der Wüste die Entscheidung mit dem Teufel. Sie waren beseelt von dem Willen, in der Einsamkeit für ihren Glauben gegen alle Versuchungen und Anfechtungen zu kämpfen. Das Leben des Mönches glich so dem Leben des Athleten, der sich in steter Askese übte, um dem Herrn immer ähnlicher zu werden und alle falschen Leidenschaften abzulegen. Dass man bis heute den Begriff der Askese (= griech. Übung) mit mönchischer Enthaltsamkeit und Strenge in Verbindung bringt, hat in diesem Vergleich seinen Ursprung.

Das frühe Christentum bleibt dem Sport gegenüber distanziert. Besonders deutlich wird dies in den Bedingungen, die Hippolyt im zweiten Jahrhundert für die Aufnahme von Taufbewerbern nennt. Dort liest man: „Ebenso soll der Wagenlenker, der Wettkämpfer und wer sonst am Wettkampf teilnimmt, diesen Beruf aufgeben oder abgewiesen werden. Wer Gladiator ist, Gladiatoren im Kampf unterrichtet, ein Tierkämpfer, ein Organisator von Gladiatorenspielen ist: sie sollen davon ablassen oder abgewiesen werden.“ Der umfassende Kontext des Sports, ganz gleich ob man nun wirklich selbst Sportler war oder nur Organisator von Spielen und Wettkämpfen, schien unvereinbar zu sein mit dem Leben und den Anforderungen des Christseins. Mit ihrer restriktiven Aufnahmepraxis versuchten sich die Christen eindeutig von der Halbwelt des Sports abzugrenzen. Jede Tätigkeit, die in irgendeiner Weise damit in Zusammenhang stand, wurde als unehrlicher Beruf eingestuft und war somit inakzeptabel. Insbesondere das Blutvergießen, das bei diesen Berufen in Kauf genommen wurde, erregte Anstoß. Das Verdammungsurteil der Christen traf somit Soldaten wie Wettkämpfer und Gladiatoren gleichermaßen.

Wie die Juden betrachteten auch die Christen die sportlichen Veranstaltungen als Teil der antiken Religion. Die allgegenwärtigen Prozessionen und Festzüge in antiken Städten, die die sportlichen Ereignisse einläuteten und in denen am Ende die Sieger feierlich zur Preisverleihung und zum Opfer für die Götter geleitet wurden, galten den Christen als „Pompa diaboli“, als „teuflische Festzüge“. Offenbar übten diese prachtvollen Prozessionen eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die Zuschauer aus. Versuchte doch der Teufel mit diesem Blendwerk die Christen zu verführen und dem wahren Glauben zu entfremden. Dies galt aber nicht nur für die Festzüge, sondern auch für die Schauspiele selbst.

Die Gladiatorenkämpfe, Tierhetzen und Wagenrennen dienten in der römischen Welt vor allem der Unterhaltung der Massen. Hatte schon Seneca festgestellt, dass sich solche Vergnügungen schädlich auf die Moral der Zuschauer auswirkten und zur Verrohung führten, so schlossen sich die Christen dieser Kritik an. Die Brutalität der Darbietungen war absolut unvereinbar mit den christlichen Werten und Überzeugungen. Die Kirchenväter führten einen erbitterten Kampf gegen den Besuch der Spiele, die dem Charakter der ihnen Anvertrauten abträglich waren. In seiner Abhandlung „Über die Spiele“ legte Tertullian den Neugetauften eindringlich nahe, die Stadien als Orte des Bösen zu meiden. Anschaulich beschreibt er das unvernünftige Toben und Lärmen in den Stadien. Und Tertullian merkt an: „Wo nämlich Vergnügen ist, da ist auch Leidenschaft, durch die das Vergnügen ja gerade seine Würze erhält; wo Leidenschaft ist, da ist auch eifersüchtige Rivalität, durch die die Leidenschaft ihre Würze erhält. Wo nun aber eifersüchtige Rivalität herrscht, da entstehen auch Raserei und Zorn, Wut und Schmerz und die anderen davon ausgehenden Gemütsbewegungen, die sich ebenso wie diese Affekte nicht mit der christlichen Zucht vertragen.“ Unvergesslich wird jedem Leser der „Bekenntnisse“ des Augustinus die Stelle im Gedächtnis bleiben, an der er schildert, wie sein Freund Alypius allen Warnungen zum Trotz das Amphitheater besuchte und meinte, er könne sich mit geschlossenen Augen dem Sog der Massen und dem Treiben in der Arena entziehen. Doch als die Menge in ein wüstes Geschrei ausbrach, konnte er sich nicht mehr beherrschen und schaute neugierig in die Arena, um den Grund der Erregung zu erfahren: „Kaum sah er das Blut, trank er auch schon wilde Grausamkeit in sich hinein, und er sah nicht weg, sondern fest dahin und trank die wilde Wut und wusste es nicht und letzte sich an der Untat dieses Kampfes und berauschte sich in blutsüchtiger Wollust. Nein, er war nicht mehr derselbe, als der er gekommen war...“ Eindrücklicher als an diesem Fallbeispiel kann man die Gefahr kaum schildern, die von sportlichen Massenveranstaltungen ausging.

„Die ganze Zeit habe ich in köstlicher Ruhe bei Schreibtafel und Büchern verbracht. Du sagst: ,Wie war das möglich, in der Stadt?‘ – Es gab Zirkusspiele (...).“ So schreibt Plinius der Jüngere am Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus an seinen Freund Romanus. Die Zirkusspiele, aus denen Plinius sich nichts macht – „hast du eines gesehen, hast du alle gesehen“ – kommen ihm gerade gelegen. Denn während das Volk im Stadion tobt, kann er sich ungestört seinen Studien widmen. Was dem einen seine Freud, ist dem andern sein Leid. Augustinus ärgerte sich über die Ruhe, die die Spiele seiner Kirche bescherten. Nur wenig waren gekommen, seiner Predigt zu lauschen. Offenbar hatten die Füße der Gläubigen eher den Weg zu den zeitgleich angesetzten Spielen gefunden als zum Gotteshaus. Doch der Bischof von Hippo wusste, dass er selbst einmal dem gleichen Vergnügen gefrönt hatte, und gab deshalb die Hoffnung nicht auf, dass unter den Zuschauern im Zirkus auch künftige Christen sitzen. Erst nachdem das Christentum Staatsreligion geworden war, ergingen Verbote, an kirchlichen Feiertagen Spiele abzuhalten. Doch keinem der Bischöfe der frühen Christenheit war es gelungen, die Theater leerzupredigen. Neben der Gewohnheit vieler Gläubiger, die Spiele zu besuchen, fürchteten nicht wenige den Spott der Nichtchristen, die mitleidig bemerkten, dass die Religion der Christen ihnen alle Vergnügungen der normalen Leute verböte.

Immer wieder fragten die Liebhaber der Spiele unter den Gläubigen, wo denn genau in der Heiligen Schrift das Verbot ausgesprochen sei, man dürfe Spiele nicht besuchen. Und sie brachten mit diesen Fragen ihre Seelsorger in arge Bedrängnis. Die hatten ihre liebe Not nachzuweisen, dass der Hinweis auf Elia als „Wagenlenker Israels“ und sein feuriges Pferdegespann (2 Kön 2,11–12) noch lange keine Rechtfertigung war, die Wagenrennen zu besuchen. Aber selbst die kunstgerechte Schriftauslegung verfing nur selten. Die große Zahl der überkommenden Predigten gegen den Besuch der Spiele lässt ahnen, dass die Macht des Sports weiterhin ungebrochen war.

Der Autor ist Generalvikar

der Diözese Speyer.

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