Kurz vorgestellt

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat eine Verteidigung des Träumers geschrieben. Denn „wir verstehen, wie Bett und Boot die gleiche Funktion wahrnehmen. Der Mensch, der liegt, ist der Freiheit näher.“ Mit dem im Boot Liegenden ist Jean Jacques Rousseau gemeint, der in den Herbsttagen 1765 allein in einem Boot auf dem Bieler See in der Schweiz in den Himmel träumte. Für Sloterdijk die Urszene anarchischer Freiheit, „der Urknall der modernen Subjektspesie..., subversiv genug, um die nächsten tausend Jahre mit Provokationen zu versorgen“.

Unternimmt aber Sloterdijk in seiner neuesten Schrift „Streß und Freiheit“ überhaupt etwas anders als schon Ludwig Marcuse mit „Triebstruktur und Gesellschaft“ (1962), der mit dem Lustprinzip dem Realitätsprinzip entkommen wollte? Marcuse hatte immerhin noch mit der deutschen Klassik argumentiert, mit Schillers Spieltheorie. Und wie Marcuse stellt auch Sloterdijk das Leistungsprinzip gegen die träumende Seligkeit, auch wenn der Rausch der 68er jetzt kein Thema mehr ist: Das Streben nach Lust führt zum Stress. Und dann bringt Sloterdijk auch noch die soeben entdeckte Freiheit mit der „Freiheit des Christenmenschen“ in Deckung, die er als einen „Zustand erlesener Unbrauchbarkeit“ bezeichnet, in dem der Einzelne ganz bei sich sei. Wo ist hier das Verhältnis zu Gott geblieben, wo zum anderen Menschen? Nicht umsonst taucht einmal der Hinweis auf fernöstliche Weisheit auf.

Im Ganzen richtet sich Sloterdijk aber gegen die Gesellschaft als „psychopolitischen Großkörper“, in dem alles nur über die psychologische Kategorie Stress definiert wird. Und weil uns die Wirklichkeit zumeist als ein umfassendes Stress-Konstrukt umgebe, sei Freiheit auch nur jenseits politischen Parteien, Institutionen und des Staates zu finden. Für Sloterdijk ist es der innere Regungsherd, der den Menschen als Inhaber „gebender Tugenden“ enthüllt. Doch wie kommt er da rein, in das Innere des Menschen? Sozialisation ist offensichtlich nicht nötig. Vielmehr benutzt der Philosoph hier eine christliche Tugendvorstellung, die er als solche nicht ausweist. Freiheit sei weder im Willen noch im Gehirn, nur als Vornehmheit, ganz nietzscheanisch. Doch das bleibt unbefriedigend. AR

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