Kommentar: Ein visionärer Unternehmer, aber wahrlich kein Heiliger

Foto: dpa | Ein visionärer Unternehmer, aber wahrlich kein Heiliger.
Foto: dpa | Ein visionärer Unternehmer, aber wahrlich kein Heiliger.

Wäre Steve Jobs ein Prophet, so müsste man sie als seine bedeutendste Predigt bezeichnen. Für nicht wenige seiner Jünger, – anders kann man eingefleischte Apple-Fans nicht bezeichnen –, ist die Rede Jobs' an der Stanford University der wohl wichtigste Teil seines geistigen Vermächtnisses: Sie enthält das Konzentrat der Lebensphilosophie eines Mannes, der mit seinen Ideen die Kommunikation von Millionen Menschen revolutionierte. Freilich dürften die Gedanken für Christen nicht ganz unbekannt sein. Bemerkenswert und inspirierend sind sie aber in einer Welt, in der der Tod und das Sterben verdrängt werden, allemal. Dennoch bleibt bei allem berechtigten Lob für den Apple-Gründer, Visionär, Unternehmer und Technologie-Genie ein fader Beigeschmack: Denn das weltweite Agieren des wohl markenstärksten Unternehmens passt so gar nicht zum Image des bescheidenen Weltverbesserers, der die Menschen erlösen wollte mit seinen Ideen.

Als Jobs am 12. Juni 2005 im akademischen Talar und bei strahlendem Sonnenschein vor die Absolventen der Stanford University trat, hatte er keine großen Worte vorbereitet, sondern kleine Geschichten aus seinem Leben parat. In seiner ersten Anekdote erzählt er von seiner biologischen Mutter, die ihn zur Adoption freigegeben hatte, davon, wie er auf das College ging und nach wenigen Monaten hinwarf. Jobs habe nach dem Abbruch des Studiums aufhören können, „die Pflichtkurse zu belegen, die mich nicht interessierten“ und damit angefangen, „diejenigen zu besuchen, die interessant aussahen“. Trotz der Brüche hätte sich rückblickend alles in seinem Leben zusammengefügt, alles einen Sinn ergeben. „Du musst dich auf etwas verlassen – deinen Bauch, Schicksal, Leben, Karma, was auch immer“, erzählt Jobs. Diese Haltung habe den entscheidenden Unterschied ausgemacht. In einer zweiten Geschichte über seinen Rauswurf bei Apple in den 80er Jahren forderte Jobs schließlich dazu auf, sich auf die Suche nach dem zu machen, was man liebe. „Manchmal schlägt dich das Leben mit einem Stein vor den Kopf. Gib' die Hoffnung nicht auf. Ich bin davon überzeugt, dass die einzige Sache, die mich weitermachen ließ, war, dass ich noch immer liebte, was ich tat. Du musst finden, was du liebst.“ Schließlich spricht er über seine Krebsdiagnose 2004 und den Tod. Niemand wolle sterben, dennoch sei der Tod das „Reiseziel, das wir alle teilen“. „Er ist des Lebens Wandlungskraft. Er räumt das Alte aus, um den Weg für das Neue frei zu machen...“ Beinahe hat man das Gefühl, der Buddhist Jobs spricht von Vorhersehung und Gottvertrauen, von dem Vertrauen darauf, dass die Liebe alle Schicksalsschläge überwinden kann und der Tod letztlich nicht das letzte Wort hat. Als Christ könnte man derartiges ohne zu zögern unterschreiben.

Der Heilige, zu dem Jobs gerade in den Medien stilisiert wird, ist er aber dennoch nicht. Bei seiner Rückkehr in den Apple-Vorstand im Jahr 1997 ließ Jobs alle karitativen Firmenprogramme stoppen, weil das Unternehmen Verluste machte. Zurück in der Gewinnzone wurden die Programm nicht mehr wiederbelebt. Zudem gingen seine genialen Erfindungen einher mit einer beinharten und kompromisslosen Unternehmensführung. Die Produkte Apples sind aufgrund ihres Preises nur für einen sehr kleinen Teil der Erdbevölkerung zugänglich, die das nötige Kleingeld aufbringen konnten. Dabei ist ein derartig hoher Preis gar nicht gerechtfertigt. Bei Produktionskosten von 165 Dollar verkaufte Jobs sein IPhone für etwa 650 Dollar. Oftmals bieten vergleichbare Geräte mehr Leistung bei einem günstigeren Preis. Produzieren ließ Jobs die Geräte unter unmenschlichen Bedingungen in chinesischen Fabriken. Für einen Hungerlohn schufteten die Arbeiter 60 Stunden und mehr. Eine Selbstmordserie bei dem Apple-Zulieferer Foxconn in China, die weltweit für Aufregung sorgte, kommentierte Jobs nur damit, dass es sich um schöne Fabriken handle und die Selbstmordrate noch immer geringer sei als im amerikanischen Durchschnitt. Daneben hantierten chinesischen Arbeitern für Apple mit giftigen Stoffen, die krank machten – und bei anderen großen Herstellern bereits längst tabu waren. Erst eine Greenpeace-Kampagne bewegte Jobs nach neun zähen Monaten des Ringens zum Umdenken. Seine Quasi-Monopol-Stellung nutzte das Unternehmen aus, ein kleines abgeschottetes Reich im Internet aufzubauen. Jobs legte sich dabei nicht nur mit Vertretern der Verlage an, an dessen Inhalten er mit dem IPad kräftig mitverdienen wollte, sondern verwehrte auch anderen Gruppen mit ihren Apps, die nicht in die Firmenpolitik Apples passten, den Zugang. Jobs ging seinen Weg immer auch auf Kosten anderer. Clemens Mann

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