Klima: Neue Politisierung

Der Klimagipfel in Kopenhagen ist gescheitert, sagen die einen. Es ist immerhin ein Anfang gemacht, die Aufgaben als Gemeinschaftsaufgabe aller Staaten auf der Welt zu begreifen, und neue Strukturen zu schaffen – etwa einen Weltklimarat unter Führung der UN einzusetzen, hoffen andere.

Das Klima ist zu einem der Megathemen des ersten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert geworden. Entsprechend beschäftigt es nicht mehr allein Geografen und Meteorologen, also Fachwissenschaftler, sondern auch Soziologen, Philosophen, Theologen, Politiker und die breite Öffentlichkeit. Entlang der Debatte organisieren sich ideologische Fronten inner- und übernational. Die Frage mobilisiert Menschen wie nur wenige des vergangenen Jahrzehnts. Zuletzt waren zu Zeiten des Kalten Krieges so viele Menschen auf die Straßen und Plätze gegangen, die Angst vor dem atomaren Rüstungstod der Welt hatten. Das Klima politisiert zudem die jüngeren Jahrgänge wieder, die einer vermeintlich unpolitischen Jugend der Spaßgenerationen der neunziger Jahre folgen – mit neuer Ernsthaftigkeit, aber auch, was nicht unterschlagen werden darf, mit dem Potenzial zur Radikalisierung, weil derzeit vieles rund ums Klima massiv sowohl mit der Systemfrage als auch dem Generationenkonflikt moralisch, also der Frage nach Gut und Böse, aufgeladen wird. Ja, diese Aufladung nimmt bisweilen quasi-religiöse bis apokalyptische Züge an. Der Klimaschutz wird zur Substanz eines neuen Idealismus, der enttäuschungsanfällig ist, und so umschlagen kann entweder in Resignation oder Aggression.

Für oder gegen den Klimaschutz sein – entlang der Antworten werden mit neuer Wucht politische Lager definiert. Vereinfacht gesagt: Wer für den Klimaschutz ist, wird als politisch progressiv, als Kapitalismuskritiker angesehen, der die ältere Generation für ihren Lebensstil anprangert, sich moralisch im Recht und auf der Seite der Guten fühlt. Wer gegen oder skeptisch gegenüber dem Klimaschutz ist, wird als politisch konservativ eingestuft, der die Freiheit des Marktes und Geistes bedroht sieht, vor dem sogenannten Gutmenschentum warnt, weil dem angeblich repressive Tendenzen innewohnen, und der den Status quo und damit die bisherigen Generationen verteidigt. Das Thema Klima erzeugt nach Jahren des postmodernen „anything goes“, alles ist irgendwie in Ordnung, neue intellektuelle und gesellschaftspolitische Gewissheiten in den Schemata von Freund und Feind, von Gut und Böse, von Schwarz und Weiß. So droht das Thema Klima instrumentalisiert zu werden für ganz andere gesellschaftspolitische Probleme und Verwerfungen. Weshalb es nebenbei gesagt eigentlich auch nicht so sein sollte, dass ein christlich-konservatives Milieu den Klimaschutz allein deshalb ablehnt, weil Linke dafür sind – und umgekehrt.

Das müssen diejenigen, die professionell mit den Fragen von Klimawandel, dessen menschengemachten Ursachen, und deren Folgen vor allem mit Blick auf Armut und Hunger in der Welt umgehen, differenziert im Blick haben. Klimapolitik steht derzeit gesellschaftlich in der Gefahr, entweder als Hirngespinst denunziert, oder als Endzeitphänomen überhöht zu werden. Die Professionellen sollten sich beiderlei Vereinnahmungsgefahr bewusst sein. Es geht darum, praktikable Lösungen zu finden, damit den Menschen, die durch den Klimawandel – der Realität ist, und dessen voraussehbaren aktuellen Folgen zweifelsohne mit dem aktuellen Lebensstil zu tun haben –, von Heimatverlust, Armut und Hunger bedroht sind, geholfen werden kann. Nach Kopenhagen müssen Politik, Forschung, Kirchen und ihre Hilfswerke für eine solche pragmatische Klimapolitik werben. Auch wenn der große Wurf nicht gelungen ist, entbindet das nicht vom Gehen kleiner Schritte. Realpolitische Vernunft eben.

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