Keine Memoiren zum Aussortieren

Vor hundert Jahren erhitzte Thomas Manns umstrittenes Bekenntnisbuch „Betrachtungen eines Unpolitischen“ die Gemüter. Von Felix Dirsch
Thomas Mann
Foto: dpa | Ein scharfer Blick auf seine Zeit: Der Schriftsteller Thomas Mann.
Thomas Mann
Foto: dpa | Ein scharfer Blick auf seine Zeit: Der Schriftsteller Thomas Mann.

Thomas Manns politische Konversion in den Anfangsjahren der ersten deutschen Demokratie gehört zu den wohl bemerkenswertesten im gesamten 20. Jahrhundert. Der Schriftsteller mutierte zum Vernunftrepublikaner, als die noch im Kaiserreich vertretenen Positionen unhaltbar geworden waren. Antidemokratische und monarchistische Standpunkte, die vor 1918 als Ausweis für Staats- und Verfassungstreue verstanden werden konnten, bedeuteten nach dieser Zäsur das Plädoyer für politische Destruktion, ja langfristig schufen sie sogar den Nährboden für Barbarei und Zivilisationsbrüche. Mann hat die guten Gründe für eine Neuakzentuierung noch rechtzeitig erkannt.

Im Jahr des Kriegsendes war von diesen Wandlungsprozessen noch nichts zu spüren. Der spätere Nobelpreisträger hatte am ersten Teil seiner Memoiren bereits von 1915 an gearbeitet. In den letzten Wochen des Krieges erschien der Text endlich. Der Verfasser konnte nahtlos an Vorkriegsdebatten anschließen. Zentral wurde für ihn der alte Gegensatz von Zivilisation und Kultur, der zu Beginn der Feindseligkeiten in den Geisteskrieg um die „Ideen von 1914“ mündete. Die kämpfende Jugend, allen voran einer ihrer tapfersten Vertreter, Ernst Jünger, sah in den „Stahlgewittern“ eine einzigartige Bewährungsprobe, die die „Welt von 1789“ vollständig negierte. Mann arbeitete während dieser Diskussionen an einem eigenen Beitrag über die drängenden Zeitfragen. Die Schrift „Friedrich und die große Koalition“ verteidigt die Entscheidung für den Krieg und die deutschen Kriegsziele. Der Autor machte die Sache der Deutschen zu seiner eigenen.

Mann vollzog diese Opposition von westlichen und deutschen Werten auf literarischer Ebene nach. Die Antinomie von „Kunst“ und „Leben“ entsprach für ihn dem Widerspruch zum zivilisatorischen Denken und Handeln, das er als charakteristisch für die Lebenswelt des westlichen Alltages betrachtete. Genauer betrachtet: Die Äußerlichkeiten von Technik und Wirtschaft bestimmen das Wesen des Engländers wie des US-Bürgers. Innerlichkeit und Kultur hingegen sind den Deutschen zu Eigen. Der Verfasser der bereits berühmten „Buddenbrooks“ schlug einen weiteren Bogen: von der Mystik, der man oft besondere Affinitäten zum Deutschtum nachsagt, bis zur Romantik und zur Gegenwart. Mit diesen Oppositionsperspektiven sind etliche Implikationen verbunden: Westliche Demokratien neigen Mann zufolge zur formal-quantitativen Ausrichtung, während die deutsche Demokratie organische Züge aufweist. Das Volk besitzt danach einen echten Anteil an den Regierungsgeschäften.

Mann griff tief in die Argumentationskiste des Vitalismus, der die Kraft des Irrationalen herausstellt. Eine diametral andere Auffassung verfolgten die rationalistisch orientierten „Zivilisationsliteraten“ der Zeit, etwa Romain Rolland, Stefan Zweig und sein Bruder Heinrich, den der Jüngere eine zeitlang provozierte. Über die Gewährsleute schwieg Mann keineswegs: Er stellte sich in eine Traditionslinie, die mit den Namen Arthur Schopenhauer, Richard Wagner und Friedrich Nietzsche zu charakterisieren ist. Ebenso unterstrich er, dass ihm Zeitgenossen wie Hugo von Hofmannsthal, Oswald Spengler und Ernst Jünger in mancherlei Hinsicht nahestehen.

Was heißt „unpolitisch“? Mann optierte für Ästhetik statt Politik, für Deutschtum, das heißt für Seele, Kultur, Freiheit und Kunst. Er wählte Liberalität statt Liberalismus. Das klingt kompliziert. Der maßgebliche Kommentator, der Germanist Hermann Kurzke, sieht die „Betrachtungen“ keinesfalls als Bekenntnisbuch eines Rechten, so sehr es auch nach der Wende von 1918 als solches gelesen und kritisiert worden ist. Viele Anhänger des in der Weimarer Republik so staatstreuen und der SPD nahestehenden Autors haben sich von den vermeintlich antidemokratischen und monarchieaffinen Gedanken distanziert. Kurzke verteidigt das empathisch vorgetragene Deutschtum nicht zuletzt damit, dass es modern gebrochen sei, „intellektuell, kosmopolitisch und international“. Der Literat lässt sich nicht einfach einer Partei zuordnen, befürwortete er doch den „Volksstaat“, der gerade Vorstellungen eines Parteienstaates negiert.

Die „Betrachtungen“ sind reichhaltig. Sie offenbaren mehr als ausschließlich Zeitgebundenes. Zu den dauerhaften Früchten seines Nachdenkens zählen auch die Reflexionen über Gott und Glaube. Der nicht kirchlich geprägte Protestant sagte Ja zu den „Grundmächten des Lebens, der Zeugung und dem Tode, der Religion und der Liebe“. Die Kriegserlebnisse brachte auch ihn, dem vom Wehrdienst Freigestellten, Transzendenzerfahrungen wieder näher. Es existieren viele Äußerungen über Religion, die Angelegenheit bleibt für ihn ein Buch mit sieben Siegeln. Mann schleppte ein Problem vieler Bürgerlicher mit sich herum: Er nahm einen Willen zum Glauben wahr, doch musste dieser durch das Säurebad der Religionskritik eines Nietzsches erst hindurch. In den großen Romanen wie dem „Zauberberg“ wird Mann damit wieder konfrontiert. Das Thema aller Themen lässt ihn nicht los.

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