Weihnachten

Keine billigen Kopien bitte!

Warum die katholische Fest-Ästhetik jedem Zwergen- und Monster-Aufstand überlegen ist.
Christbaumkugeln
Foto: IMAGO (www.imago-images.de) | Neue Moralisten und Eiferer treiben derzeit ihren wilden Aktivismus auf Kosten der Kunst. Katholiken pflegen bei ihren Festen die subversive Kraft des Sinnlichen. Gern auch mit Lametta & Co.

Der Herbst dieses Jahres hatte es in sich: Ketchup, Kunstblut, Tomatensuppe kamen nicht nur an Halloween zum Einsatz. In Kombination mit Klebstoff waren sie die Gräuel der Museumswärter. Klimaaktivisten, offenbar überdrüssig der schalen Debatten im Kreis der Thunberg-Epigonen, hatten ihr Faible für den Exzess entdeckt. Blickte man jedoch hinter die Fassade, hatte dieser Aktionismus weniger Sprengpotenzial als ein durchschnittlicher Gartenzwerg. Dieser Abklatsch einer Provokation spiegelte vielmehr eine bockige Infantilität wider. Das Faible für Klebstoff zeugte von der Unfähigkeit, sich loszulösen von Starrsinn und Doktrinen, von einer Passivität auch. Wer sich lieber wegtragen lässt, als die Beine in die Hand zu nehmen, ist beseelt von einem kindlichen Urvertrauen in den Staat, der dem aufmüpfigen Spielkind schon Nachsicht angedeihen lassen werde.

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Angemessen bewegen

Ein befremdliches Phlegma, eine irritierende Unterwerfungssehnsucht charakterisiert diese Menschen, ein seltsam sprödes Verhältnis zum eigenen Körper auch. Gehen, sitzen, kleben – darin erschöpft sich der Fortbewegungsdrang der Aktivisten 2022.

Im Katholizismus dagegen wird allein die Fortbewegung schon zelebriert und ausdifferenziert, um im Duktus der profanen Eventfreaks zu bleiben. Während bei Protestmärschen marschiert, im Gleichmaß vorangeschritten wird, bewegen sich Katholiken dem Anlass gemäß fort. Bei Prozessionen gilt es zu schreiten, gemächlichen Schrittes, langsam, feierlich und aufrecht zu gehen. Rückgrat zeigen ist auch eine Frage der Haltung und des aufrechten Ganges, den Katholiken von Kindesbeinen an einüben. Mit einer einzigen Gangart wird sich aber nicht beschieden: Pilger schlendern nicht planlos vor sich hin, sondern sind gewillt, auch Unbill auf sich zu nehmen, um ihr Ziel zu erreichen. Dornige Wege weisen den Weg ins Paradies. Dass am Ende einer Wallfahrt das Blut auch in Wallung geraten kann und ausgelassen getanzt wird, ist keine Seltenheit. Am Ende der Fron lockte immer schon das Pläsier.

Früher war mehr Lametta

In katholisch geprägten Ländern weiß man zu kokettieren mit dem nicht immer statthaften, gesundheitsverträglichen oder allseits geachteten Genuss. Die „kleinen Sünden“, ob süß oder pikant, beleben den Glauben genauso wie der Kitsch. Wenn Loriot einst jammerte Früher war mehr Lametta, dann kostete das Katholiken ein müdes Lächeln. Was baumelt nicht alles am Weihnachtsbaum? Rentiere aus Stroh, schillernde Vögel, goldverzierte Kugeln, Astronauten gar und Auberginen. Der Christbaum könnte vielfältiger nicht sein: Es glitzert und funkelt, was gefällt. Das Kitschteufelchen triumphiert dabei nicht selten über das Engelchen des hehren Geschmacks. Gottlob, denn Kitsch mag Wunder zu bewirken!

Der Weg von der Glückseligkeit zum Zerwürfnis, von jauchzenden Papillen zu Temperamentsausbrüchen, die einer neapolitanischen Mamma zur Ehre gereichten, ist manchmal erstaunlich kurz. Ein zweifelnder Blick, ein Geruch und schon sind sie da, die verhexten Erinnerungen aus der Kindheit, Familiendramen, längst verschütt geglaubt und plötzlich wild entfesselt unter dem Baum tobend. Worte, Debatten, Diskussionen sind aber kein Allheilmittel gegen Weihnachtsschmerz. Nicht alles lässt sich regeln in Gesprächsrunden und Unterredungen auf Augenhöhe. Manchmal ist es schlicht der Blick auf einen selbst gebastelten Stern, der eine versöhnliche Stimmung aufkommen lässt und die Gemüter besänftigt.

Überhaupt ist es der Blick, der im Katholizismus eine fast haptische Qualität gewinnt. Man schaut und erschaut sich die Dinge, begreift und verleibt sie sich ein. Ein Abglanz der Transsubstantiation, welche die Welt den Katholiken neidet. Der Glaube an die Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Jesu Christi in der heiligen Messe stärkt den sinnlichen Zugang zu den Dingen. Der französische Künstler Eugène Delacroix malte im Jahre 1845 „Magdalena in der Wüste“. Die Geschichte ist uns vertraut: Magdalena büßt nach Jesu Tod ihre Sünden in der Wüste.

Kein Spielraum für Phantasie

Delacroix aber erzählt eine Geschichte der Sinnlichkeit: Lockiges Haar fließt der Schönen über die Schultern. Ein schwacher Mondenschein erhellt das bleiche Gesicht. Den moralischen Aspekt der biblischen Erzählung bricht der Maler, indem er sich für die Gestaltung des verführerischen Anblicks entscheidet. Ist es Ekstase, die wir erblicken oder liegt Magdalena in ihren letzten Zügen? Schmachtet sie dahin oder vergeht sie in Trauer und Leid? Diese Ambivalenz, nach der viele rufen, zu der aber nur die wenigsten fähig sind, ist ein vertrautes Momentum in der katholischen Kunstgeschichte.

Während jede nur erdenkliche und erfühlte Identität in Stein gemeißelt werden muss, kein Spielraum mehr bleibt für Fantasie und Experimentierfreude bei den neuen Hütern der Moral, kitzelt katholische Kultur die Sinne. Sie berührt uns auf eine Weise, die uns unweigerlich aus Erstarrung und Trägheit löst. Kitzeln löst außerordentliche Reaktionen aus. Wir können gar nicht anders, als mit Verhaltensnormen zu brechen, zappeln und lachen, bewegen uns auf einem Feld zwischen Lust und Schmerz, Nähe und Distanz, Zuwendung und Ablehnung. Kunst, die diese gegensätzlichen Empfindungen zu erregen vermag, ist religiös in einem ganz besonderen Sinne: Sie verbindet Menschen in all ihrer widersprüchlichen Wahrnehmungsfähigkeit.

Sinnlichkeit gehört dazu

Der katholischen Kirche ist es eigen, dass es ihr gelingt, diese Sinnlichkeit in die traditionelle Liturgie und religiöse Praktiken einfließen zu lassen. Das Göttliche wird frei und individuell in der Gemeinschaft innerhalb eines gesetzten Rahmens erlebt. Nach diesem gleichsam originären wie originellen Ansatz dürfen sich die Kunstschreckgespenster die Finger lecken.

Von Originalität konnte bei den Klimaklebern schließlich nicht die Rede sein. Ganz im Gegenteil: Hermann Nitsch und Marina Abramović hantierten noch mit Echtblut und trieben mit Erythrozyten den Blutdruck der Museumsbesucher in die Höhe. Diese Klima-Copycats schmarotzten sich durch Ideen und Gedanken anderer, immer ängstlich darauf bedacht, nicht enttarnt zu werden und zeigten sich schamlos als das, was sie sind: träge Betrüger. Im Glorienschein der Fantasiebegabten versuchten sie ein ganz klein wenig mitzubrillieren.

Katholische Großmut

So weit, so menschlich. Warum aber dieses Faible für lästige Besudeleien? Es ist der geradezu protestantisch anmutende Ruf nach Kontrolle, Sittsamkeit und Leibfeindlichkeit, die Monsterkids dieser Art gebiert. Wenn man sich ständig im Stuhlkreis Sprachregeln unterwerfen muss und die Lebenslust gezähmt wird von Verboten und Ängsten, muss man seine Lust am dantesken Inferno ja irgendwo ausleben! Katholiken haben diesen menschlichen Urtrieb erkannt und mit dem Karneval ein probates Ventil erfunden. Karneval ist eine dieser Fluchten, die es uns ermöglichen, unseren streng strukturierten Leben zu entkommen und Lager aufzuschlagen in einer anderen Welt. Augustinus gönnte es den Gläubigen, in der Fastnacht in der „civitas diaboli“ (Reich des Teufels) zu verweilen, solange sie am Aschermittwoch geläutert und befriedet wieder zurückkehrten in die „civitas dei“ (Reich Gottes). Diese Großmut ist nicht jedem gegeben.

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Neue Moralisten und Eiferer aller Couleur bekämpfen das karnevaleske Spiel mit dem Dogma der Identität. Gekoppelt ist die Zementierung des Soseins mit dem verzweifelten Schrei nach Authentizität. Sei du selbst, ist der Schlachtruf unserer Zeit. Dass dieses Selbst aber konstruiert werden muss durch Erfahrungen, Risiken, Niederlagen, Lust und Liebe, Widerspruch auch, wird dabei verkannt. Wer sich aber der eigenen Dunkelheit nicht stellt, verkümmert zum Schatten seiner selbst und fristet in der virtuellen Welt ein kümmerliches Dasein.

Verwandelt in Künstlichkeit

Das digitale Vexierspiel unserer Persönlichkeit im Metaversum und das permanente Selbstmarketing kapern unsere Begierde nach Verwandlung und verdammen uns zu einer braven moralinsauren Existenz, die jedem Calvinisten ein Graus wäre. Die Folge daraus ist, dass wir schließlich das Falsche für das Echte halten, weil wir dem Authentischen eine Reinheit zusprechen, die es im wirklichen Leben nicht gibt. Das Authentische ist nicht mehr Natur, sondern verwandelt sich in höchste Künstlichkeit vergleichbar mit natürlichem Make-up. Echtheit, das kommt noch hinzu, muss geprüft werden und wer wird diese Rolle übernehmen in einer fragmentierten Gesellschaft, im Reich der Blasen und hermetisch abgeriegelten Communities?

Anstatt der Versuchung eines autoritären Echtheitsprüfers zu erliegen, sollten wir lieber Karneval feiern, temporären Exzess genießen und Epiktet vertrauen: „Mache dir selbst zuerst klar, was du sein möchtest; und dann tue, was du zu tun hast.“ Klebstoff ist dann nicht vonnöten. Höchstens, um Krippe und Tannenbaumschmuck rechtzeitig winterfest zu machen.

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