Katholische Akademie in Bayern: „Missionarischen Impetus ablegen“

Achim Budde wurde als neuer Direktor der Katholischen Akademie in Bayern eingeführt.. Von Michael Karger
Amtseinführung Akademiedirektor PD Dr. Armin Budde, Katholische
Foto: Robert Kiderle | „Glaube braucht die Auseinandersetzung auf der Höhe der Zeit, damit er in den Ausdrucksformen der Zeit Gestalt annehmen kann“, sagte Achim Budde bei seiner Antrittsrede.

Im Jahr 2000 hatte der Augsburger Priester Florian Schuller (geb. 1946) die Leitung der Katholischen Akademie in Bayern übernommen. Im vergangenen Herbst wurde Monsignore Schuller feierlich verabschiedet.

Am vergangenen Freitag fand nun in München die Amtseinführung seines Nachfolgers statt. Erstmals steht mit Achim Budde ein Laie an der Spitze des Hauses. Budde, geboren 1969, ist habilitierter Liturgiewissenschaftler, verheiratet und hat zwei Töchter. Seine wissenschaftlichen Qualifikationsschriften befassten sich mit frühen liturgischen Quellentexten und dem Stundengebet. Seit 2007 leitete Budde die Bildungsstätte Burg Rothenfels in Unterfranken. Auch Romano Guardini war Leiter auf Burg Rothenfels (1926–1939) und hat später in München auf die programmatische Ausrichtung der Akademie starken Einfluss genommen. In seiner Antrittsrede hat der neue Direktor auf das Vorbild Guardinis für die Vermittlung von Glaube und modernem Bewusstsein Bezug genommen: „Dass der Glaube diese Auseinandersetzung auf der Höhe der Zeit braucht, damit er in den Ausdrucksformen der Zeit Gestalt annehmen kann, ist die Grundüberzeugung der damals vollzogenen ,Wende zum Subjekt‘. Denn anders kann die Kirche ihren einen großen heilsgeschichtlichen Auftrag nicht erfüllen … Auf dieser Grundlage ,erwachte die Kirche in den Seelen‘, wie Guardini es formulierte, und sie lernte, von der Welt zu lernen. Und ihre Gläubigen zu bilden.“ Vor einem mit weit über sechshundert Zuhörern vollbesetzten Haus entwickelte Budde seine Vorstellung von den zentralen Aufgaben der Akademie: „Wir sollen Menschen … jene Informationen und Interpretationen … servieren, die sie brauchen, um sich selbst zu positionieren.“ Vorausgegangen waren zwei Grundsatzreferate.

Zunächst machte sich Kardinal Reinhard Marx darüber Gedanken „Wie die Welt der Kirche beim Denken hilft“. Die Kirche lerne von der Welt das Denken, aber dieses Denken dürfe sich nicht abschotten, sondern müsse ein suchendes, kein abschließendes Denken bleiben. Zugleich gehöre dazu die Offenheit für das, was über das Denken hinausgeht, auf Kunst, Musik und Literatur. In merkwürdiger Rollenvertauschung antwortete darauf die Präsidentin der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, eine gelernte Literaturwissenschaftlerin, mit dem Vortrag „Wie die Kirche der Welt beim Denken hilft“. Erfreulich deutlich wurde die Wahrheitsfrage als unverzichtbar für das Selbstverständnis der Universität entgegen einem verbreiteten rein positivistischen Ansatz betont. Gien zitierte aus der Ansprache von Papst Benedikt XVI. vor Angehörigen katholischer Universitäten auf seiner USA-Reise. Darin hob der Papst zunächst die Bedeutung der akademischen Freiheit hervor: „Kraft dieser Freiheit sind sie (die Theologen) dazu aufgerufen, die Wahrheit zu suchen, wohin auch immer die sorgfältige Analyse des Beweismaterials sie führen mag.“ Demgegenüber, so fuhr Benedikt fort, „gilt jedoch auch, dass jede Berufung auf das Prinzip der akademischen Freiheit zur Rechtfertigung von Positionen, die dem Glauben und der Lehre der Kirche widersprechen, die Identität und den Auftrag der Universität behindern oder gar verraten würden, ein Auftrag, der das Herzstück des ,munus docendi‘ der Kirche bildet und nicht irgendetwas Autonomes oder von ihm Unabhängiges ist“. Gien setzte sich allerdings mit dieser Position nicht auseinander, sondern kokettierte nur damit, dass sie besser nichts dazu sagen wolle, um ihre Anstellung nicht zu gefährden. Es lässt tief blicken, dass die Präsidentin einer katholischen Universität zum Verhältnis Wissenschaft und Lehramt nicht mehr zu sagen hat. Hier rächte sich dann auch der fatale Rollentausch des Kardinals, dem es ja obliegt, als Ortsbischof und Vorsitzender der Bayerischen Bischofskonferenz das Lehramt der Kirche autoritativ wahrzunehmen und von dem man zum Verhältnis der Bildungseinrichtungen der Kirche zur Lehre der Kirche gerne etwas gehört hätte. Auch vom neuen Akademiedirektor kam zu diesem Thema nichts Substanzielles, außer man möge „in kontroversen Fragen – auch in innerkirchlichen Kontroversen – einen, ich sage einmal: ,einigermaßen herrschaftsfreien Dialog anstreben‘“. Hier lohnte es sich für alle Beteiligten, einmal die einschlägigen Stellen in Ratzingers Prinzipienlehre nachzulesen: Theologen sprechen im Namen der Autorität der Kirche, Gegenstand der Theologie sind die Glaubensaussagen der Kirche, deren Auslegung sie dient. Theologie setzt einen glaubenden Theologen voraus, die Auslegungsvollmacht der Kirche begründet ihr letztes Entscheidungsrecht; dem persönlichen Verantwortungsprinzip in der Kirche gemäß haben die Bischöfe das Lehramt wahrzunehmen und dürfen es nicht an die jeweiligen Mehrheitsmeinungen in der Wissenschaft abtreten.

Im Anschluss lud man zum geselligen Austausch ein, an dem beispielsweise auch Kardinal Wetter und Hans Maier mit Gattin regen Anteil nahmen. Auf den Stehtischchen lagen „Wunschzettel“ mit Bitte um Verbesserungsvorschläge für die künftige Akademiearbeit. Hier wäre die Bitte an den neuen Leiter zu richten, nochmals über seine Aussage nachzudenken, dass es einerseits gelte, „unsere Überzeugungen“ als Kirche zu vertreten, andererseits aber „jeder missionarische Impetus abzulegen“ sei, da er „auf Kosten unserer Glaubwürdigkeit“ ginge. Das Gegenteil ist richtig: Eine lebendige Kirche ist eine missionarische Kirche, sie lebt aus Überzeugungen, für die sie Allgemeingültigkeit beansprucht und aus denen sich unmittelbar lebenspraktische Folgerungen ergeben. Aus Überzeugungen leben, die man nicht bereit ist, zur Disposition zu stellen geht nicht auf „Kosten der Glaubwürdigkeit“ sondern ist ja gerade die Glaubensposition, die dem letztlich höchst „antidogmatischen Relativismus“ (Robert Spaemann) nicht als der letzten Form des abendländischen Universalismus das Feld überlässt. Der Kampf der Ideen gehört zur freien Gesellschaft und schließt die Bereicherung durch andere Religionen im Dialog keinesfalls aus. Hier liegt auch die Antwort auf die Frage nach der Rückgewinnung der Jugend. Unter dieser Voraussetzung war Roman Guardini am Ende seines Lebens zuversichtlich für die Zukunft der Kirche: „Die christliche Offenbarung wird in einer Unbedingtheit gedacht und gelebt werden, welche die Verflachung der vergangenen Jahre hinter sich lässt. Wenn wir etwas gelernt haben, dann die Wahrheit, dass ein halbes Christentum nicht lohnt.“

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19.09.2021, 13  Uhr
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