Kapitalismus ist lebendiger denn je

Jürgen Neffes Biographie arbeitet Karl Marx als untoten Wiedergänger in der Gegenwart heraus. Von Felix Dirsch
Ausstellung "Das Kapital"
Foto: dpa | Eine aufgeblasene Büste von Marx steht in Hamburg gegenüber dem Eingang des Museums der Arbeit. Hier läuft die Sonderausstellung „Das Kapital“ bis 4. März 2018.
Ausstellung "Das Kapital"
Foto: dpa | Eine aufgeblasene Büste von Marx steht in Hamburg gegenüber dem Eingang des Museums der Arbeit. Hier läuft die Sonderausstellung „Das Kapital“ bis 4. März 2018.

Der 200. Geburtstag von Karl Marx nächstes Jahr wirft seine Schatten voraus. Jürgen Neffe hat im Vorfeld zu diesem Gedenkjahr einen nicht nur quantitativ beachtlichen Band vorgelegt. Der Autor, gelernter Naturwissenschaftler, der bereits mit Biographien zu Einstein und Darwin hervorgetreten ist, hat sich viel vorgenommen. Man darf sich natürlich eine Frage stellen, die jedem durch den Kopf gehen dürfte, der mit einem solchen Projekt schwanger geht: Was lässt sich angesichts der Masse an schon vorliegenden Beschreibungen eines ereignisreichen Lebens noch herausfinden und hinzufügen, so dass sich der nicht unbeträchtliche Aufwand lohnt? In der Tat: Biographen des revolutionären Denkers gibt es viele. In spärlicher Auswahl sind die Namen Isaiah Berlin, Richard Friedenthal, David McLellan, Franz Mehring, Fritz J. Raddatz und Peter Stadler zu erwähnen. Sie haben Marx' Leben in beinahe allen Einzelheiten ausgeleuchtet.

Neue Versuche wie der Neffes beziehen auch die Wirkung auf die unmittelbare Gegenwart ein. Die Implosion des realen Sozialismus in Osteuropa macht es nunmehr überflüssig, auf den Zusammenhang zwischen dem Theoretiker und der real-politischen Umsetzung seiner Reflexionen abzuheben – ganz nach dem Motto: Gedanken sind gefährlich! Der Hegel-Schüler hat es seinen späteren Anhängern und Erben nicht immer leicht gemacht. Letztere wären an vielem interessiert gewesen, worauf der Meister nicht oder nur wenig eingegangen ist. Einerseits hat er eine ausführlichere Darstellung dessen, wie der Zukunftsstaat, den seine Jünger zu regieren haben, auszusehen hat, nicht hinterlassen. Über das „Reich der Freiheit“ findet man im Werk von Marx und Engels nur beiläufige Andeutungen. Und das aus guten Gründen, kursierten doch damals schon viele utopische Entwürfe über die Ordnung der Zukunft. Andererseits kann man vieles in Marx' Texten lesen, das später niemand mehr interessiert hat, etwa seitenlange Formeln in den dickleibigen „Kapital“-Wälzern.

Die meisten Projekte der praktisch-politischen Realisierung sind mittlerweile Geschichte. Kommt nach dem Epochenwandel von 1989/90 ein neuer Marx zum Vorschein? Vielleicht sogar ein aktuellerer denn je zuvor? Neffe ist nicht der einzige Gelehrte, der Marx in den Kontext der Gegenwartsereignisse stellt. Nicht zufällig heißt eine der meist gelesenen wirtschaftswissenschaftlichen Schriften der letzten Jahre „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Die Anspielung des französischen Ökonomen Thomas Piketty im Titel ist nicht zufällig. Ein anderer bekannter Publizist unserer Tage, Paul Mason, greift in seinem Buch „Postkapitalismus“ Gedanken auf, die vor rund 150 Jahren ein eifriger Benutzer der Londoner Bibliothek ersonnen hat.

Neffes Untersuchung gilt nicht nur dem Werk von Marx, sondern auch dem Menschen, der sich dahinter verbirgt. In gutbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, studiert der junge Mann Philosophie und gerät in den Sog der junghegelianischen Intellektuellen-Kritik am damaligen Herrschaftssystem. Dem Widerstandskämpfer bleibt nur die Flucht. Umstellungsschwierigkeiten, Armut, Krankheit, Familienprobleme und Ehekrisen sind bekannte Begleiter. Manche seiner Vorstellungen – das können auch Kritiker nicht verhehlen – gehen in die richtige Richtung. Mag sich in den Analysen über den Kapitalismus manches als falsch herausgestellt haben, sind doch Annahmen über Krisen in toto richtig, ebenfalls die über eine zukünftige globale Ausbreitung der Ökonomie. Das kommunistische Manifest gilt Rezipienten oft als weiterführend. Allerdings sind diese Vorhersagen höchst allgemein gehalten. Erörtert werden ebenfalls Ansätze der Rezeption wie in Russland.

Neffe spart auch diejenigen Teile des imposanten Marx-OEuvres nicht aus, die heute selbst in linken Kreisen nur hinter vorgehaltener Hand zitiert werden. Dazu zählen diverse Aussagen zum Judentum. Marx' Verhältnis zu seiner Herkunft war zwiespältig. Das erklärt seine antijüdischen Ausfälle wenigstens zum Teil. So beschimpfte er seinen Konkurrenten Ferdinand Lassalle als „jüdischen Nigger“. Auch sonst war der Polemiker nicht zimperlich. Die Überlegenheit der weißen Rasse war für ihn selbstverständlich. Neffe sieht solche Grundhaltungen aus heutiger Sicht als anstößig, für die damalige Welt jedoch als normal an. Es sei dahingestellt, ob die triviale Aussage, dass jeder Kind seiner Zeit sei, für eine kritische Auseinandersetzung ausreicht. Gleichfalls werden die vielen Aufrufe zur Gewalt, die beispielsweise der Politikwissenschaftler Konrad Löw in seinem Buch „Das Rotbuch der kommunistischen Ideologie“ zusammengestellt hat, vom Verfasser mit Achselzucken übergangen.

An Neffes insgesamt verdienstvolle und lesenswerte Biographie sind grundsätzliche Anfragen zu stellen: Kann jemand, dessen Denken stark im Kontext des 19. Jahrhunderts verwurzelt ist, wirklich gegenwartsaktuell sein? Marx bleibt ohne Hegel'schen „Historizismus“ (Karl Popper) unverständlich und schafft deshalb nicht den Durchbruch zu einem echten Humanismus, trotz einiger Stellen im Frühwerk, die in diese Richtung zu weisen scheinen. Marxistische Revisionisten wie Milan Machovec und Leszek Kolakowski haben dazu bleibend Gültiges gesagt. Neffes Parallelisierung des „Unvollendeten“ mit Einsteins Feldgleichungen und Darwins Erforschung der natürlichen Auslese ist weit hergeholt, sind doch Gesetzmäßigkeiten in Gesellschaft und Natur unterschiedlich einzuschätzen. Die Belege für die Richtigkeit der fundamentalen Theorien der beiden Naturwissenschaftler sind zahllos, während Marx' Annahmen sich schon zu Lebzeiten und erst recht dann nach seinem Tod als falsch oder zumindest partiell falsch herausgestellt haben. An den Schwierigkeiten einer solchen Parallelisierung ändert auch die Tatsache nichts, dass sich in den letzten Jahren aufgrund der raschen Fortschritte der Datenverarbeitung neue Möglichkeiten der Quantifizierung des Sozialen eröffnet haben. Im alltäglichen Umgang der Menschen muss man, allen Einwänden ausgewählter Neurobiologen zum Trotz, von willentlichen Freiheitsoptionen ausgehen – bis zum lückenlosen Beweis des Gegenteiles. Naturgegenständen kann man diese Fähigkeiten nicht zuschreiben. Nichts widerlegt Marx so sehr wie das Überleben des kapitalistischen Systems, das ungeachtet überall wahrnehmbarer Um- und Neuaufbrüche quicklebendiger denn je ist. Das mögen viele bedauern, zu ändern ist daran aber nichts. Wenn sich die verhasste Wirtschaftsform längst auch in Regionen durchgesetzt hat, die nominell noch von späten Anhängern des revolutionären Querkopfes regiert werden, dann ist das vielleicht aussagekräftiger als alles andere. Marx kann durchaus als „Unvollendeter“ bezeichnet werden, jedoch in dem Sinn, dass er sein Werk infolge seines Todes nicht hat vollenden können. Keinesfalls lässt sich die Umschreibung dahingehend interpretieren, dass sich seine Prophezeiungen erst in unserer Zeit erfüllen würden, wie eine hartnäckige Legende uns weismachen will.

Jürgen Neffe: Marx. Der Unvollendete. C. Bertelsmann Verlag, München 2017, 655 Seiten, EUR 28,–

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